Im Alter nur Zuhause sitzen und auf den Tod warten? Für Ingrid Delfmann ist das keine Option. Die 63-Jährige glaubt fest daran, dass sich mit einer positiven Lebenseinstellung auch das hohe Alter genießen lässt – und will dies nun beruflich vermitteln.

Holzwickede

, 07.08.2019, 17:02 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ingrid Delfmann sieht man sie an, die positive Lebenseinstellung. Leuchtende Augen, Lachfalten um den Mund, ein aufrechter Gang: Der 63-Jährigen abzunehmen, dass sie das Leben liebt, egal, wie es kommt, fällt nicht schwer. Und genau das qualifiziert sie vermutlich am besten für das, was sie nun vorhat: Ingrid Delfmann will Senioren im wahrsten Sinne des Wortes bewegen.

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Gastronomie, Pferdehof, Lehrtätigkeit: Wirklich gerade war Ingrid Delfmanns Lebenslauf noch nie. „Ich habe immer viele Jobs nebeneinander gemacht. Wenn es irgendwo nicht mehr so weiterging, wie ich es mir vorstellte, habe ich geschaut, was ich anderes Sinnvolles machen kann, mit dem was ich kann“, sagt die Holzwickederin. Als ihre Mutter an Demenz erkrankte und klar wurde, dass sie nicht mehr alleine würde leben können, war für Ingrid Delfmann daher auch schnell klar: „Wir gründen ein Wohnprojekt und kümmern uns um meine Mutter.“

Fit im Alter: Wie Ingrid Delfmann alten Menschen Mut machen möchte

Ingrid Delfmann in ihrem Garten. Auch hier wird Bewegung groß geschrieben. © Anna Gemünd

Kurz erklärt


Was macht ein Betreuungsassistent?

  • Aufgabe eines Betreuungsassistenten oder auch „Alltagsbegleiters“ ist es, ältere Menschen (teilweise auch mit Demenz) zu betreuen und zu aktivieren, um damit ihr Wohlbefinden und ihre Stimmung positiv zu beeinflussen.
  • Dies kann zum Beispiel durch gemeinsames Malen und Basteln, Brett- und Kartenspiele oder die Begleitung bei Ausflügen oder Spaziergängen passieren. Besonders wichtig bei dieser Arbeit ist, den erkrankten Menschen zu respektieren und seine Ressourcen zu erhalten. Betreuungsassistenten sind keine Pflegefachkräfte.
  • Eine Ausbildung zum Betreuungsassistenten dauert ungefähr sechs Wochen und umfasst neben grundlegenden Informationen zur Kommunikation und dem Umgang mit älteren Menschen auch spezielle Informationen zu Demenzerkrankungen. Auch ein Erste-Hilfe-Kurs ist in die Ausbildung integriert.
  • Wie motiviert man Senioren zu Bewegung? Welche rechtlichen Regeln gibt es im Betreuungsbereich? Und welche Ernährungsgrundkenntnisse sind wichtig für die Betreuung von älteren Menschen? Auch diese Fragen werden während der Ausbildung geklärt.

„Wir“ – das sind neben Ingrid Delfmann und ihrem Mann auch der Sohn und die Schwiegertochter samt eigenen Kindern. Alle zusammen suchten sie ein Haus, in dem sie gemeinsam wohnen und sich umeinander kümmern konnten – und fanden es in Holzwickede. „Solche Häuser zu finden, in denen mehrere Generationen unter einem Dach wohnen können, das ist heutzutage gar nicht mehr so leicht“, hat Ingrid Delfmann festgestellt. Dass die jüngere Generation sich um die ältere kümmert oder die ältere die ganz Kleinen mal betreut – was früher selbstverständlich war, ist längst eine Ausnahme geworden.

„Bewegung ist unglaublich wichtig im Alter. Da wird viel zu wenig mit den Senioren gemacht.“
Ingrid Delfmann

„Dabei war es das Beste, was wir machen konnten“, sagt Ingrid Delfmann. Plötzlich wurde sie zur Betreuungskraft für ihre Mutter, beschäftigte sich mit der Frage nach den richtigen Ärzten, wühlte sich durch Anträge für Unterstützungen und versuchte, im Dschungel der Angebote für Demenzerkrankte das richtige Angebot für ihre Mutter zu finden. „Alleine hätte ich das nicht gemacht, es war mir ganz wichtig, dass meine Familie da mitmacht“, betont Delfmann.

Denn die Betreuung eines Demenzerkrankten oder überhaupt eines älteren Menschen ist ein weites Feld, wie sie schnell feststellte. „Sich um all das zu kümmern, was da anfällt, ist wie ein eigener Beruf.“ Als ihre Mutter vor zwei Jahren starb, fiel Ingrid Delfmann in ein großes Loch. Neben der Trauer war da die Frage: Was mache ich jetzt mit dem, was ich durch diese Zeit gelernt habe? „Ich hatte so viel Neues, Wertvolles zur Betreuung erfahren, dass ich eigentlich nicht wollte, dass das alles brach liegt“, schildert Ingrid Delfmann ihre Gedanken, aus denen schnell die Erkenntnis wuchs: „Wieso mache ich das jetzt nicht einfach beruflich?“

Fit im Alter: Wie Ingrid Delfmann alten Menschen Mut machen möchte

Sicher mit dem Rollator unterwegs: So wie hier in Unna gibt es mittlerweile regelmäßige Angebote eines Rollatortrainings für Senioren. © UDO HENNES

ÜBERBLICK

DIESE ANGEBOTE FÜR SENIOREN GIBT ES IN HOLZWICKEDE

  • Das spezielle Holzwickeder „Senioren-Info“, das zwei Mal im Jahr erscheint und kostenlos erhältlich ist, gibt einen genauen Überblick über sämtliche Angebote und Beratungsmöglichkeiten.
  • Der Seniorenverein Holzwickede hat den Zweck, die Seniorenarbeit in der Gemeinde Holzwickede zu fördern. Er betreibt zusammen mit der Gemeinde Holzwickede seit 1985 die Seniorenbegegnungsstätte an der Berliner Allee 16 a. Als Ergänzung der bestehenden Angebote durch die Kirchengemeinden beziehungsweise freien Verbände soll die Begegnungsstätte vielfältige Möglichkeiten der Kommunikation, Information, Freizeitgestaltung und Beratung bieten.
  • Den Seniorenbeirat gibt es seit April 2010. Er hat die Aufgabe, die Interessen und Belange der älteren Holzwickederinnen und Holzwickeder wahrzunehmen und im Rat der Gemeinde und seinen Gremien zu vertreten. Des Weiteren kann er Ideen zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der Seniorinnen und Senioren entwickeln. Der Seniorenbeirat arbeitet ehrenamtlich und ist unabhängig von Parteien, Konfessionen und Verbänden. Der Seniorenbeirat steht an jedem 1. Freitag im Monat von 9 bis 12 Uhr in den Sommermonaten auf dem Markplatz allen älteren Bürgerinnen und Bürgern für Gespräche, Beratung und Informationen zur Verfügung.

Gesagt, getan: Mit Anfang 60 machte Ingrid Delfmann bei den Maltesern eine Ausbildung zur Betreuungsassistentin, absolvierte ein Fortbildung zum Rollator-Training, machte ein Praktikum in einem Seniorenheim und erwarb eine Trainerlizenz für den Breitensport mit dem Schwerpunkt Seniorensport. Für sie, die einst Sport studierte, war von vorneherein klar: „Bewegung ist unglaublich wichtig im Alter. Da wird viel zu wenig mit den Senioren gemacht. Wenn ich mich aber nicht mehr raustraue, weil ich Angst habe, das Gleichgewicht zu verlieren oder zu stürzen, dann bleibe ich einsam in meiner Wohnung – und das kann es doch nicht sein, oder?“

Nach ihrer Ausbildung bewarb sich Ingrid Delfmann bei verschiedenen Pflegediensten als Betreuungsassistentin – und bekam von vielen nicht einmal eine Rückmeldung. „Vermutlich bin ich ihnen zu alt“, lacht sie. Eine 63-Jährige sei offenbar nicht mehr gefragt. Dabei scheint der Bedarf an Betreuungsassistenten größer denn je, wie Delfmann selbst im Seniorenheim beobachtet hat. „Da waren viele, die dort gar nicht hätten sein müssen, wenn sie beispielsweise durch einen Betreuungsassistenten zu Bewegung angehalten würden.“

Die Holzwickederin ist davon überzeugt, dass eine gute Betreuung den Pflegeaufwand eines älteren Menschen reduzieren könne. „Wenn ich jemanden motorisch fit halte, dann kann ich die Pflege reduzieren.“ Wer sich regelmäßig bewege und sei es auch nur in kleinen Übungen, der komme automatisch zu einer positiven Lebenseinstellung. „Natürlich muss man gucken, was zu einem passt. Aber dafür sind Betreuungsassistenten schließlich da. Ich habe mit meiner Mutter erst Zuhause zusammen Übungen gemacht, dann sind wir gemeinsam in einen Sportkurs gegangen und zum Schluss ist sie da alleine hingegangen und ich habe sie nur hingebracht und abgeholt.“

Fit im Alter: Wie Ingrid Delfmann alten Menschen Mut machen möchte

Die letzten Jahre in einem Seniorenheim verbringen – für viele Menschen ist das keine schöne Vorstellung. Ingrid Delfmann ist überzeugt, dass viele Menschen länger Zuhause wohnen bleiben können, wenn sie entsprechend betreut und vor allem zu Bewegung motiviert werden. © picture alliance / Daniel Karman

Für Ingrid Delfmann ist ihre Lebensaufgabe klar: Als derzeit freiberufliche Betreuungsassistentin will sie ältere Menschen motivieren, das Alter nicht als bloßes Warten auf den Tod zu sehen. „Ich möchte Leute anschubsen, dass sie selbst überlegen, was sie noch alles anstellen können. Und das ist eine Menge, auch im Alter“, sagt Ingrid Delfmann – und lacht.

Info: Auf ihrer Internetseite https://www.bewegter-leben.org/ gibt Ingrid Delfmann weitere Informationen, wie eine Betreuung aussehen kann.

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