Als der Lehrer in der Schule wohnte

dzGeschichte

Wilhelm Hochgräber klärt über Hengsens erste Schule überhaupt auf – eine klassische Landschule, die erbaut wurde, weil der Platz in Opherdicke nicht ausreichte. So bekam Hengsen vor 110 Jahren seine erste Schule: die Kellerschule mit der schönen Adresse Keller 6 ½

von Lena Zschirpe

Hengsen

, 20.10.2018, 22:34 Uhr / Lesedauer: 3 min

Referent Wilhelm Hochgräber lud Interessierte unter der Woche ein, in der Paul-Gerhardt-Grundschule die Schulbank zu drücken. Allerdings nicht um im klassischen Sinne zu pauken, sondern um mehr über die längst geschlossene Kellerschule inmitten von Hengsen zu erfahren.

„Ich finde es absolut passend, dass Schulgeschichte auch in Schulen vorgetragen wird.“, leitete Hochgräber seinen Vortrag in der Pausenhalle der Paul-Gerhardt-Schule ein. Zum 60. Geburtstag der Grundschule hat der gebürtige Hengsener gleich zwei Vorträge zur Geschichte von Schulen im Emschergebiet ausgearbeitet. Nach dem Vortrag zur Kellerschule folgt in der kommenden Woche noch ein Referat zur Geschichte der PGS.

Nun stand aber zunächst die seit 1941 geschlossene Kellerschule im Vordergrund, an der Hochgräbers Mutter und Tanten zu ihrer Zeit noch Schülerinnen waren. „Für mich war der Platz an der Kellerschule einfach ein Spielplatz. Man sagte zwar, wenn man den Ort meinte, ‚bei der Kellerschule‘ – als Kind war mir aber nie so bewusst, dass dort tatsächlich mal unterrichtet wurde“, so Hochgräber. Die intensive, historische Forschung und seine Vorträge seien dann vor allem aus persönlichem Interesse geboren.

„Um Schulen wie die Kellerschule begreifen zu können, ist es auch wichtig zu wissen, woher unsere Schulform kommt“, macht Hochgräber klar. Der Referent geht in seinem Vortrag bis ins 16. Jahrhundert zurück und gibt einen kompakten Exkurs in die eigentliche Entstehung von Schulen in Deutschland. Denn die Idee der Schule geht bis auf Martin Luther und – vereinfacht ausgedrückt – seine Überzeugung, dass jeder Mensch fähig sein sollte, die Bibel selbst zu lesen, zurück.

Religion und Schule

Hochgräber führt die Zusammenhänge zwischen der Kirche, der Religionslehre und der Konfession sowie den Schulen auf und schnell wird deutlich, dass Religion auf den Zeugnissen noch immer eine große Rolle spielt. „Dass Religion als erstes Leistungsfach auf einem Zeugnis aufgeführt wird, ist bis heute so“, bestätigt Magnus Krämer, der Schulleiter der Paul-Gerhardt-Schule.

Da die Schule in Opherdicke seit Jahren überlaufen war, musste Anfang des 20. Jahrhunderts eine Lösung oder besser eine zweite Schule her. Daraufhin eröffnete die Kellerschule 1908 als erste Hengser Schule überhaupt. Der positive Nebeneffekt der Umverteilung bestand auch darin, dass viele Schulkinder einen kürzeren Weg hinter sich legen mussten. Als das Gebäude errichtet wurde, habe es in Hengsen nur drei Anschriften gegeben, die fertige Schule war später unter Keller 6 ½ zu finden.

„Man hat die Hausnummern eben in jener Reihenfolge verteilt, in der die Häuser gebaut wurden.“, erklärt Hochgräber. „Die Kellerschule hat man dann zwischen zwei Wohnhäusern, der Nummer 6 und der Nummer 7, errichtet. Also bekam sie die Hausnummer 6 ½.“ Außerdem gab es anfangs keinen Strom oder fließendes Wasser, daher habe man die Fenster besonders groß und zur Sonnenseite gebaut, um möglichst viel Tageslicht mitzunehmen und im Hof einen Brunnen errichtet. „Die Kellerschule war eine typische Landschule“, so Hochgräber.

„Es gab immer einen Lehrer, dieser wohnte im Schulgebäude und bekam auch einen Garten zur Verfügung gestellt“ Karl-Heinz Himpe, 92 Jahre

Die Klassen bestanden aus 50 bis 60 Kindern und gleichzeitig bis zu acht Jahrgängen. Diese habe der Lehrer nach Gruppen eingeteilt und jeweils der Reihe nach unterrichtet. Das bedeutete auch, dass ältere Schüler in Lernpausen die Jüngeren zu beaufsichtigen hatten. Für alle Kinder gab es in den meisten Landschulen nur einen Klassenraum.

Obwohl man bereits zwei nahe gelegene Schulen hatte, sei der Andrang in der Kellerschule in den ersten Jahren so enorm gewesen, dass man zeitweise sogar in Schichten unterrichtet habe. „Es gab immer einen Lehrer, dieser wohnte im Schulgebäude und bekam auch einen Garten zur Verfügung gestellt“, erklärt Karl-Heinz Himpe. Der 92-Jährige war sogar selbst ein Schüler der Kellerschule. Als Zeitzeuge konnte er sich an viele Einzelheiten erinnern, die Hochgräber recherchiert hatte. Lehrer, die in der Schule wohnen, das wäre heute undenkbar, kennt man höchstens noch von Schulhausmeistern. Während der 33 jährigen Schulgeschichte habe die Kellerschule laut Hochgräber insgesamt neun Lehrer beschäftigt.

Der Großteil der Zuhörerinnen und Zuhörer stammt aus der direkten Umgebung und bringt sich immer wieder mit eigenen Anekdoten und Anmerkungen zum Gezeigten und Erzählten ein. Viele ortsinterne oder ortsnahe Bilder, die Hochgräber präsentiert, werden diskutiert und in besonderen Erinnerungen gehalten. In seiner Präsentation sind auch mehrere Gebäude zu sehen, die ursprünglich als Schule gebaut wurden, mittlerweile aber als Wohnhäuser genutzt werden. Die Fotos habe er teilweise aus Archiven, teilweise aber auch selbst geknipst. Landschulen wie die Kellerschule habe es laut Hochgräber in der Umgebung zuhauf gegeben: „Das ganze Land war voll mit einklassigen Schulen“, so Hochgräber.

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