Ein T-Shirt vom Discounter für 2,99 Euro? Die wenigsten Menschen hinterfragen die Produktionsbedingungen solcher Angebote. Ein Anfänger im Nähkurs lernt indes schnell, wie viel Zeit und Arbeit in Handarbeit stecken.

Holzwickede

, 13.12.2019, 17:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eine brennende Textilfabrik in Bangladesch? Flüchtlingskinder, die in der Türkei für europäische Modemarken produzieren? Tragisch. Aber auch sehr weit weg. Mit traditionellem Handwerk hat die Akkordarbeit in China, der Türkei oder Bangladesch wenig zu tun. „Da sind Näherinnen den ganzen Tag für eine Schulternaht zuständig. Jeden Arbeitsschritt übernimmt eine andere Arbeiterin“, sagt Heike Willingmann.

Die Damenschneiderin mit Magister in Kulturgeschichte der Textilien betreibt im sechsten Jahr an der Holzwickeder Bahnhofstraße ein eigenes Geschäft. „Näh‘ dich glücklich!“ heißt das.

Heike Willingmanns Nähkurse sind wichtiges Standbein fürs Geschäft

Hier findet sich nicht nur eine große Auswahl an verschiedenen Stoffen und Nähzubehör. Wichtiges Standbein für Willingmann sind auch ihre Nähkurse. Anfänger, Fortgeschrittene, Kinder – die Schneiderin hat für alle Zielgruppen einen Kurs im Angebot.

Und Männer? „Haben wir auch mal dabei. Ist aber selten“, sagt die gebürtige Holzwickederin. Sie bietet das Du an und eröffnet mir, dass ich als Anfänger ausnahmsweise mit Fortgeschrittenen nähen werde. „Keine Angst, das bekommen wir hin“, beruhigt mich die Kursleiterin.

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Nähkurs für Anfänger: In neun Schritten zur Einkaufstasche

"Näh' dich glücklich" heißt das Geschäft von Heike Willingmann an der Holzwickeder Bahnhofstraße. Die Damenschneiderin und Kulturhistorikerin im Bereich Textil bietet hier nicht nur Stoffe und Nähzubehör für den Eigenbedarf. Willingmann bietet auch verschiedene Nähkurse an. Auch blutige Anfänger lernen hier an zwei Tagen die Näh-Basics.
13.12.2019
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Der Anfang: Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie die Nähmaschine funktioniert, setzen Anfänger ihre ersten Stiche in Papier: Zunächst wird geübt, entlang einer geraden Linie und um Ecken zu nähen. Hierbei kann man auch die verschiedenen Näh-Geschwindigkeiten ausprobieren.© Greis
Genäht wird mit einem Ober- und einem Unterfaden. Für den Unterfaden wird ausreichend Garn auf eine kleine Spule gewickelt, die später im Boden der Maschine eingesetzt wird. Der Oberfaden wird über die größere Garnspule abgewickelt. Moderne Nähmaschinen erklären den Nutzern mit aufgedruckten Symbolen, wie und wo die Fäden entlang des Arbeitsgerätes geführt und eingefädelt werden müssen. Sieht zunächst komplex aus, mit etwas Übung hat man den Dreh aber schnell raus.© Greis
Letzte Übung: Sind Ober- und Unterfaden ins Öhr gefädelt, darf sich der Anfänger an einem Stück Stoff probieren und seine ersten Nähte setzen.© Greis
Dann wird es ernst: In Heike Willingmanns Kursen nähen Anfänger in der Regel eine Einkaufstasche. Die besticht durch einige nette Details, darunter eine Tasche in der Tasche: Die Stoffe hat Willingmann bereits in den korrekten Größen zugeschnitten. Erster Schritt für die Teilnehmer: Die Innentasche wird auf rechts genäht, auf einer Seite bleiben einige Zentimeter offen, um die Innenseite später nach außen drehen zu können.© Greis
"Bügeln ist fürs Nähen unerlässlich", sagt Heike Willingmann. Sperriger Stoff wird dadurch zum einen gefügig gemacht – so wie hier der recht stabile Stoff für den Träger. Zum anderen müssen mitunter Materialien aufgebügelt werden. So wird für die Einkaufstasche ein Volumenvlies eingearbeitet, dass der Tasche Volumen und Stabilität verleiht. Das Vlies wird auf die Innenseite des Außenstoffes aufgebügelt.© Greis
Das Trägerband entsteht aus einem langen Stück Stoff, wird geschmeidig gebügelt, gefaltet und zu einem vierfachen, festen Streifen knapp auf Kante zusammengenäht. © Greis
Den Boden bereiten: Als absoluter Laie ist auf den ersten Blick nicht immer sofort nachvollziehbar, welcher Arbeitsschritt letztlich welche Auswirkung hat. Hier erklärt Heike Willingmann, warum sie auf einer Seite des Außenstoffes je ein kleines Quadrat ausschneidet. So lassen sich die Ecken für den Taschenboden leichter nähen.© Greis
Innenbeutel (gelber Stoff) und Außenbeutel (blauer Stoff) haben mittlerweile zueinandergefunden. Der Innenbeutel wird mit Stecknadeln fixiert und dann füßchenbreit an den Außenbeutel genäht. © Greis
Fast geschafft, sieht doch schon nach Tasche aus: Im letzten Schritt wird das Trägerband gleichmäßig an der Oberkante des Stoffbeutels fixiert und angenäht. Das funktioniert bestenfalls nach dem "Haus-vom-Nikolaus"-Prinzip – nur ohne Dach. Also ein mal im Quadrat und schließlich ein X nähen. Das erhöht die Stabilität zwischen Träger und Tasche und sieht schicker aus.© Greis

Es gebe zwar einfachere Aufgaben für den Start, es biete sich aber an, dass ich eine Einkaufstasche nähe. Dabei könne sie viele Näh-Grundlagen vermitteln, erläutert Heike. Ich wähle einen festen, dunkelblauen Stoff mit weißen Schirmchen für den äußeren Beutel und ein senffarbenes, dünneres Material für den Innenbeutel.

Dann wird mir bewusst, warum ein T-Shirt für 2,99 Euro vom Discounter nicht richtig sein kann: Ich zahle den Stoff und ziehe beim Preis von knapp 24 Euro eine Augenbraue hoch. Beides lässt sich natürlich nicht eins zu eins vergleichen und doch: Wer für 2,99 Euro ein T-Shirt kauft, dem sollte klar sein, dass dafür irgendwo auf der Welt Menschen ausgebeutet werden.

Der Nähkurs umfasst je drei Stunden an einem Freitagnachmittag und einem Samstagmorgen. Ich bin der einzige Mann. Ute, Nicole, Monika, Simone und Ulrike kommen aus Unna, Dortmund, Kamen oder Düsseldorf.

Mit vielen Bildern und Video: Als blutiger Anfänger im Nähkurs

Heike Willingmann bügelt den Stoff, damit der geschmeidiger wird und besser verarbeitet werden kann. © Greis

Aber auch in der Gemeinde selbst hat die 52-Jährige einen festen Kundenstamm. Den bedient sie auch während des Kurses unaufgeregt mal eben zwischendurch. „Deswegen nehme ich pro Kurs maximal sechs Teilnehmer an, weil ich dennoch allen gerecht werden will.“

Vor dem Nähen kommt die Trockenübung

Bevor ich Nähte in den Stoff setze, wartet eine Trockenübung. Ohne Faden löchere ich ein Blatt Papier, um ein Gefühl für die Maschine zu bekommen. Ich drücke meinen rechten Fuß aufs Pedal und die Nadel tackert los.

Wichtig werden für mich später: Ein Schieberegler, um die Nähgeschwindigkeit zu regulieren; ein Hebel, um das Nähfüßchen anzuheben; sowie eine Taste, die die Nadel aus dem Stoff zieht und eine weitere, um in den Rückwärtsgang zu schalten. Den braucht es, um Anfang und Ende einer Naht zu vernähen.

Mit vielen Bildern und Video: Als blutiger Anfänger im Nähkurs

Bevor der erste Stich gesetzt wird, müssen Ober- und Unterfaden eingespult und eingefädelt werden. Aufgedruckte Schritt-für-Schritt-Anleitungen auf den Nähmaschinen erleichtern diese Vorarbeit etwas. © Greis

Heike erklärt, dass ich mit Ober- und Unterfaden im Geradestich nähen werde. Sie hilft mir beim Aufspulen und Einfädeln der beiden Fäden, dann setze ich meine ersten richtigen Stiche in einen viereckigen Stofffetzen. Ich nähe einmal ums Karree, drehe die Geschwindigkeit hoch – läuft. Her mit dem richtigen Stoff.

Im ersten Schritt soll ich eine Innentasche für den Einkaufsbeutel nähen. Langsam setze ich die ersten Stiche und denke noch: Jetzt keine Fehler mehr machen, als Monika flucht: „Es geht immer ’ne Weile gut, dann komme ich auf die schiefe Bahn.“ Steilvorlage: „Da geht es dir wie vielen, die irgendwann an der Nadel hängen“, setze ich hinterher. Wider Erwarten kannten die Damen den noch nicht.

Nähen ist ein Hobby, das Fehler verzeiht

Füßchenbreit, also auf Breite des Nähfußes nähen? Habe ich nach fünf Minuten drauf, drehe die Nähgeschwindigkeit hoch und nähe prompt krumm und schief.

Wenn ich ankündige, dass ich soeben einen Arbeitsschritt versaut habe, beruhigt Heike: „Das passt schon. Das wird schon.“

„Näh‘ dich glücklich!“

Geschäft an der Hauptstraße

  • Das Geschäft von Heike Willingmann findet sich an der Bahnhofstraße 2. Außer montags ist der Laden täglich von 9.30 Uhr bis 12.30 Uhr sowie von 15 bis 18 Uhr geöffnet.
  • Ausnahmen: Donnerstag ist nachmittags geschlossen, an Samstagen öffnet das Geschäft zwischen 10 und 12.30 Uhr.
  • Informationen über das Kursangebot bietet Heike Willingmann auf ihrer Internetseite unter: www.naehdich.jimdo.com
  • Je nach Art der Kurse bewegen sich die Preise im mittleren zweistelligen bis niedrigen dreistelligen Bereich.

Stecknadeln setzen, Volumenvlies aufbügeln, Innen- und Außenbeutel nähen, Stoff falten, knappkantig abnähen, das Innere nach außen kehren – ich kapiere immer erst drei Schritte nach dem ersten, warum ich zuvor etwas so getan habe, wie Heike es verlangte.

Aber: Die Aha-Effekte motivieren. Mir wird klar: Das ist ein tolles Hobby. Ich mache Fehler. Ich scheitere. Aber es ist nicht schlimm. Ich kann immer wieder neu ansetzen und mich korrigieren.

Außerdem verstehe ich, was Profis für diesen Job drauf haben müssen. „Der Respekt vor dem handwerklichen Prozess und dem Produkt – ich glaube, das ist vielen Menschen in der heutigen Gesellschaft abhanden gekommen“, sagt Heike.

Nach sechs Stunden habe ich tatsächlich meine Einkaufstasche genäht. Ich bin stolz, denn wider Erwarten sieht sie tatsächlich gut und stabil aus. Und ich weiß sicher: Ein T-Shirt für 2,99 Euro wird in dieser Tasche niemals landen.

Mit vielen Bildern und Video: Als blutiger Anfänger im Nähkurs

Sie hält was aus: Die selbstgenähte Einkaufstasche von Redakteur Christian Greis hat sich im Alltag schnell bewährt. © Marcel Drawe

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