Höher als acht Meter durfte im Baugebiet Krummer Weg einst nicht gebaut werden – gemessen ab Oberkante der zugehörigen Straße. Auch deshalb sind einige der Häuser in dem Bereich extrem anfällig für Hochwasser. © Marcel Drawe
Holzwickeder Wohngebiet

Abstimmung zu Baugebiet 2015 wird zum Problem für Anwohner 2021

Als eine wichtige Abstimmung über ihre Häuser gefällt wurde, standen die noch nicht. Jahre später läuft bei heutigen Hausbesitzern das Wasser ins Wohnzimmer. Das hat auch mit besagter Abstimmung zu tun.

Applaus gab es am Abend des 27. Mai 2015 von den Zuschauerplätzen, nachdem die damaligen Mitglieder des Planungs- und Bauausschusses einstimmig abgestimmt hatten. Einstimmig gegen eine Änderung des zum Baugebiet Krummer Weg zugehörigen Bebauungsplanes.

Der Applaus kam von Anwohnern, die dereinst auch mit Bürgeranträgen und Unterschriften gegen eine Änderung des B-Planes protestiert hatten. Warum? Weil in der Entwicklungsphase der Investor wechselte und der neue Bauträger mitunter andere und auch höhere Haustypen bauen wollte. Das wurde letztlich abgelehnt und die maximale Firsthöhe blieb bei ursprünglich vorgegebenen acht Metern – gemessen ab Oberkante der jeweilige Straße vor den Häusern.

Wer in dem Wissen durch den Krummen Weg fährt und einen Blick auf die Doppelhäuser am tiefsten Punkt der Straße wirft, der ahnt, warum diese acht Meter ab Straße während des Unwetters Mitte Juli für die Bewohner zum Problem wurden: Ihre Grundstücke wurden regelrecht in den Hang gegraben, denn sie durften nicht höher liegen als die Straße davor.

Erdreich im Wohngebiet kann kaum Niederschlag aufnehmen

Das wäre eventuell noch zu verschmerzen, wenn der Boden entsprechend Wasser aufnehmen könnte. Da Bebauungspläne und zugehörige Dokumente auf der Webseite der Gemeinde öffentlich einsehbar sind, ist einem zugehörigen Gutachten zu entnehmen, dass das Erdreich vor Ort geringfügig durchlässig sei, viel Staunässepotenzial biete, Niederschlag kaum versickere. Gemessen wurden zudem Grundwasserstände in 1,42 bis 2,10 Meter Tiefe.

Diese Tiefen wurden aber gemessen, bevor etwa die tiefliegenden Grundstücke in den Hang gegraben wurden. „Wenn ich im Garten den Spaten in den Boden setze, kommt nach 50 bis 60 Zentimetern das Wasser“, sagt einer der betroffenen Anwohner.

Er hat seine Doppelhaushälfte 2018 gekauft – das Prozedere rund um die Realisierung des Baugebietes war ihm gar nicht bekannt. Die ersten Häuser in dem Bereich wurden einst ab 2016 gebaut. Mittlerweile habe er von Nachbarn erfahren, dass es rund um die Erschließung durchaus Ungereimtheiten gegeben haben soll.

Auch die einst protestierenden Alteingesessenen haben damals schon auf die schwierige Entwässerung hingewiesen. Dass das Wasser bei Regen – und dafür braucht es kein Jahrhundertereignis – etwa auf der Natorper Straße steht, weil die Wassermengen sich an einem zu kleinen Durchlauf stauen, das ist seit Jahren bekannt.

Natorper Bach führt Niederschlag aus Richtung Wohngebiet kommend auch unter gleichnamiger Straße durch diesen Durchlauf ab. Das dunkle Quadrat mag ausreichend dimensioniert wirken, darin verbirgt sich aber ein viel kleineres und eingemauertes Rohr, an dem sich Wasser schnell staut. © Greis © Greis

Der Anwohner, dessen Haus nun saniert werden muss und der ungenannt bleiben will, stellt sich vor, was gewesen wäre, hätte man dereinst anders entschieden. Ja, dann hätte der damalige Investor ganz andere Haustypen mit noch mehr Wohneinheiten bauen dürfen – was die Nachbarschaft dereinst zuvorderst verhindern wollte.

Aber mit Blick auf seine Adresse sagt er auch: „Dann hätte meine Einfahrt vielleicht einen Meter höher gelegen und ich hätte kein Wasser im Haus gehabt.“ Ein Blick in den Garten hinter dem Haus offenbart, dass die vom Hochwasser stark betroffenen Häuser so tief sitzen, dass ihre Dächer nahezu auf dem Höhenniveau der dahinterliegenden Gärten liegen.

Damaliger Bauamtsleiter sah einst keine Probleme bei der Entwässerung

Als 2015 der Entscheidung der politischen Fraktionen applaudiert wurde, versicherte der damalige Bauamtsleiter, dass es mit der Entwässerung kein Problem geben werde. Auf Wunsch des Ausschussvorsitzenden wurde das dereinst gar ins Protokoll aufgenommen.

Sechs Jahre später sind Menschen am Krummen Weg heimisch geworden und einige von ihnen haben nun aus einer Mehrzahl an Gründen – vom Versagen der Deichanlage bis zur Grundsatzfrage, ob man damals so hätte bauen sollen – einen beträchtlichen Schaden erlitten.

Laut den Anwohnern machte sich Bürgermeisterin Ulrike Drossel mit Baubetriebshofleiter Bernd Hellweg nach der Überschwemmung im Juli selbst ein Bild. Den Anwohnern wurden in der Folge kostenfrei Container für zerstörte Möbel und weiteren Unrat zur Verfügung gestellt.

Sandsäcke von der Gemeinde nachdem es zu spät ist, das wird den von Überschwemmungen betroffenen Anwohnern am Krummen Weg auf Dauer nicht helfen. © Greis © Greis

Die Bürgermeisterin weilt aktuell im Urlaub, auf Anfrage versichert in Bernd Kasischke der Erste Beigeordnete, dass man davon ausgehen müsse, dass solche Regenereignisse wie im Juli künftig weniger Jahrhundert- denn Dekadenereignisse sein werden und man die Anwohner besser schützen wolle. „Da werden Ortstermine folgen, wir schauen uns das genau an und wollen beim Schutz über den Mindeststandard gehen“, so Kasischke, der seit 2017 in Diensten der Gemeinde steht.

Einen Bericht rund um das Hochwasser-Ereignis und möglicher Folgen für die Abwassersysteme soll das Bauamt am 29. September im Planungs- und Bauausschuss vorlegen.

Über den Autor
Redaktion Holzwickede
Jahrgang 1985, aufgewachsen auf dem Land in Thüringen. Fürs Studium 2007 nach Dortmund gekommen. Schreibt über alles, was in Holzwickede passiert. 17.000 Einwohner mit Dorfcharakter – wie in der alten Heimat. Nicht ganz: Dort würden 17.000 Einwohner locker zur Kreisstadt reichen. Willkommen im Ruhrgebiet.
Zur Autorenseite
Christian Greis

Unna am Abend

Täglich um 18 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.