90.000 Bienen ziehen um – mit nur einem Umzugswagen

Bienen-Umzug

Wenn 90.000 Bienen eine neue Heimat bekommen, reicht ein Transporter aus, um den Umzug zu bewältigen. Wie beim Menschen auch, ist auch für die Insekten so ein Umzug ziemlich aufregend.

Holzwickede

, 07.07.2018, 17:21 Uhr / Lesedauer: 3 min
Nachtschwärmer: Am Vorabend des Umzuges hat Magnus Krämer die Einfluglöcher verschlossen. Wer die Sperrstunde verpasst hat, verpasst auch den Umzug und muss sich ein neues Volk suchen. Den neuen Standort finden die ausgeschlossenen Insekten nicht. greis

Nachtschwärmer: Am Vorabend des Umzuges hat Magnus Krämer die Einfluglöcher verschlossen. Wer die Sperrstunde verpasst hat, verpasst auch den Umzug und muss sich ein neues Volk suchen. Den neuen Standort finden die ausgeschlossenen Insekten nicht. greis © Greis

Verflixt. Da hat es Magnus Krämer erwischt. Natürlich trägt der Schulleiter der Paul-Gerhardt-Grundschule und erfahrene Imker den typischen Ganzkörperschutzanzug, aber zwischen Hosensaum und Turnschuhen haben die Bienen eine schmale Angriffsfläche gefunden und nutzen sie auch. „Fünf Stiche. Das Abfegen war keine gute Idee“, sagt Krämer lachend.

Abfegen musste Krämer zuvor die Fluglöcher der beiden Bienenbeuten, die am Donnerstagmorgen um 8 Uhr noch auf einer Wiese am Kellerkopf stehen. Am Abend zuvor hatte Krämer die Fluglöcher verschlossen, damit die beiden Bienenvölker am Morgen nicht ausfliegen. Schließlich bekommen sie an diesem Tag eine neue Heimat. Ein paar Nachtschwärmer summen am Morgen aber noch gegen den verschlossen Eingang an. Bevor Magnus Krämer zusammen mit Holger Mex und Friedrich-Wilhelm Schmidt die Beuten auf eine Sackkarre heben und zum Transporter rollen kann, müssen die Ausgeschlossenen jedoch weggefegt werden. Was den betroffenen Bienen natürlich gar nicht gefällt und an Krämer ausgelassen wird.

Mex und Schmidt sind Vater beziehungsweise Großvater von PGS-Schülern und helfen freiwillig. 45 bis 50 Kilogramm wiegen die Bienenbeuten jeweils, auf dem abschüssigen Gelände muss das Trio auf seine Schritte achten, ehe die beiden Holzkisten in den schwarzen Transporter gewuchtet und verzurrt werden. Zwar ist die Fahrerkabine abgetrennt, aber ein paar Bienen fliegen im Laderaum trotzdem mit und finden in der Dunkelheit kleine Ritzen und Löcher, durch die sie durchschlüpfen. „Die Bienen suchen immer das Licht“, sagt Krämer und Umzugsfahrer Mex fährt deshalb vorsichtshalber lieber in kompletter Schutzmontur zum neuen Standort.

Seit dem Frühjahr war der Platz am Kellerkopf ein Übergangsstandort. Rund zwei Kilometer entfernt und nahe der PGS hat ein Schreiner einen wettergeschützten Unterstand auf dem Gelände der Bundeswehr aufgebaut. „Der Standort war 2012 schon im Gespräch. Damals hatte die Bundeswehr noch Sorge um ihre Soldaten. Als ob es auf dem ganzen Gelände keine Bienen gäbe“, sagt Krämer und lacht. Zum Glück habe auch bei der Bundeswehr in den vergangenen Jahren ein Sinneswandel eingesetzt, sodass die beiden Bienenvölker nun auf unbestimmte Zeit ihr Zuhause auf einer Wiese gefunden haben, die auch die Schüler der PGS zu Fuß erreichen können.

„Ein Volk hat ungefähr 40.000 Bienen, das ander 50.000. Dazu kommen noch gut 20.000 Brutzellen, aus denen noch Nachwuchs schlüpft. „Wir sind schon im Übergang von der Sommer- zur Winterbiene“, sagt Magnus Krämer. Die Sommerbienen leben nur vier bis fünf Wochen, dann haben sie ihre Arbeit getan und genügend Pollen gesammelt. Die Winterbienen hingegen halten durch bis zum nächsten Frühjahr, wärmen und verteidigen in einer Traube die Königin. Sie sammeln keine Pollen, ernähren sich vom angelegten Vorrat der Sommerbienen. Der Bestand schrumpft über die kalte Jahreszeit auf rund 25.000 Bienen.

Weil die Paul-Gerhardt-Schüler im Rahmen des Unterrichts ihren eigenen Honig schleudern, bekommen die Winterbienen Sirup zugefüttert, um den Winter zu überstehen. „Wir lassen aber gut die Hälfte an Honig in den Beuten. Gut 29 Kilogramm schleudern wir ab“, sagt Krämer. Der Honig wird unter den Eltern verkauft und ist streng rationiert. „Es gab schon Eltern, die den kompletten Vorrat kaufen wollten, aber pro Person gibt es nur zwei Gläser zu je 250 Gramm“, sagt Krämer. Der Honig sei jedes Jahr ratzfatz weg. „Für die Kinder ist es natürlich super, dass sie ihren eigenen Honig naschen können“, sagt der Schulleiter.

Am neuen Standort angekommen, löst Magnus Krämer ein paar Schrauben der Flugloch-Abdeckungen: „Jetzt geht‘s hier los.“ Innerhalb von Sekunden wimmelt eine dunkle Masse aus den schmalen Öffnungen. Der Reporter merkt an der eigenen Schläfe, dass die Bienen weder gerne eingesperrt waren, noch die Umzugsfahrt genossen haben. „Sitzt der Stachel noch? Ja, da ist er“, sagt Magnus Krämer und zieht den Stachel samt Giftblase heraus. „Bleibt der Stachel drin, wird weiter Gift in den Körper gepumpt“, erklärt Krämer, warum er den Stachel zügig entfernt hat.

Wenn sich die Bienen beruhigt und den neuen Standort eingeprägt haben, setzen sie im Umkreis von bis zu zwei Kilometern das Pollensammeln fort. Und die Nachtschwärmer vom alten Standort? „Unwahrscheinlich, dass sie den Weg finden. Sie schließen sich mitunter einfach anderen Völkern an“, sagt Magnus Krämer.

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