Auf eine hundertjährige Firmengeschichte blickt in diesen Tagen die Vincenz Wiederholt GmbH zurück. Erstaunliches förderte der Historiker Dr. Peter Kracht bei seinen Recherchen in den Archiven zutage.

Holzwickede

, 28.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Vincenz Wiederholt GmbH feiert ein stolzes Firmenjubiläum: Vor einhundert Jahren gründete der Namensgeber den Hersteller von Präzisionsrohren in Holzwickede. Kreisheimatpfleger Dr. Peter Kracht hat eine sehr lesenswerte und amüsante Chronik erstellt.

100 Jahre Vincenz Wiederholt: Ein Firmenpatriarch wächst dem Historiker ans Herz

Historiker Dr. Peter Kracht sagt nach seinen umfangreichen Recherchen: „Der Mensch Vincenz Wiederholt hat mich schon fasziniert.“ © Borys P. Sarad

Kracht ist ein eifriger Chronist, der in mehr als 30 Jahren in den Archiven der Region durchaus so etwas wie ein zweites Zuhause gefunden hat. Dokumente und Fotos auszugraben, die manchmal seit Jahrzehnten niemand mehr zu Gesicht bekommen hat, ist also sein Metier. Dass die Recherchen über das Holzwickeder Traditionsunternehmen aber etwas ganz Besonderes für den promovierten Althistoriker waren, macht eine spontane Äußerung Krachts deutlich: „Vincenz Wiederholt ist mir richtig ans Herz gewachsen.“

»Ganz groß und dabei einfach rührend wird es, wenn der Chef von der Jagd einen Hirsch oder ein Wildschwein für die Küche schickt. Dann schaffen manche aus lauter ,Freundschaft‘ für den ,Alten‘ und aus reiner ,Anhänglichkeit‘ an die Küche mehrere ,Schläge‘! Ist das nicht nett von denen?«
Luise Zialasko, „oberste Küchenfee“ der Firma Wiederholt

Da wundert es nicht, dass bald die Hälfte des 165 Seiten starken Buches von der schillernden Figur des Unternehmensgründers handelt. Schon sehr früh macht der junge Vincenz Wiederholt deutlich, dass er nicht gedenkt, den im Kaiserreich üblichen Pfaden zu folgen und schmeißt 1899 erst einmal das Abitur am Bischöflichen Gymnasium „Josephinum“ in Hildesheim. Zuvor soll der Sextaner einen unerlaubten „Wandertag“ angezettelt haben mit Zigaretten, Bier und Kümmel – „eine derartige Entweihung“ der altehrwürdigen Lehranstalt soll „seit 50 Jahren . . . nicht vorgekommen“ sein, hat Kracht im Schularchiv erfahren.

100 Jahre Vincenz Wiederholt: Ein Firmenpatriarch wächst dem Historiker ans Herz

2015 ist die Vincenz Wiederholt GmbH durch die chinesische Zhongding Gruppe übernommen worden. Daher ist die Firmenchronik auch in einer chinesischen Version aufgelegt worden. © Borys Sarad

Die Quellen, die Peter Kracht studiert hat, lassen erahnen, dass Vincenz Wiederholt mit unheimlich viel Mutterwitz ausgestatten gewesen sein muss. So bezeichnet er später selbst seine Lehrjahre als junger Mann in Feinkostgeschäften in Kassel, Berlin, und Hamburg mit dem Bonmot: „Und so bin ich Heringsbändiger geworden.“ Für sein zweitjüngstes von 13 Kindern hatte der Vater Wiederholts, ein Brauereibesitzer, eigentlich verfügt, es möge Geistlicher werden. Das Ende ist bekannt. Vincenz Wiederholt bleibt kein Heringsbändiger, sondern sollte eines der größten Holzwickeder Unternehmen aus der Taufe heben, das um 1990 in der Spitze 1300 Mitarbeiter beschäftigte.

100 Jahre Vincenz Wiederholt: Ein Firmenpatriarch wächst dem Historiker ans Herz

Während auf dem Buchdeckel der deutschen Version Rohre als Hauptprodukt des Unternehmens abgebildet sind, entschied sich die chinesische Konzernleitung für ein dezenteres Cover. © Borys Sarad

Die Recherchen waren recht aufwendig. Das Unternehmen stellte alles zur Verfügung, was es gab: hauptsächlich Fotoalben aus den 1950er- und 1960er-Jahren. „Betriebsausflüge“, sagt Peter Kracht vielsagend. Damit war nicht viel Staat zu machen. Geht es um Firmen, ist der nächste Schritt immer das Westfälische Wirtschaftsarchiv, erklärt Kracht. Dort fand der Massener aber gerade einmal fünf Einträge über Wiederholt. Ein wahrer Fundus waren dagegen historische Firmenunterlagen, die ein Privatsammler vor dem Reißwolf rettete.

Ein Fundus ist die Werksfamilienzeitschrift „Rohrpost“

Und eine Betriebszeitung: die „Rohrpost“. Die erschien zwar nur in zehn Ausgaben zwischen 1953 und 1957/58. „Die Berichte darin geben aber viel vom damaligen Zeitgeist wieder“, sagt Peter Kracht. Ins Leben gerufen wurde die „Werks-Familienzeitschrift“, weil Firmenpatriarch Vincenz Wiederholt fürchtete, dass der enge Kontakt der Beschäftigten verloren gehen könnte, obwohl wie eh und je „jedes Werksmitglied mit seinen persönlichen Nöten zum ,Chef’ kommt und kommen kann“, wie es in der ersten Ausgabe heißt.

100 Jahre Vincenz Wiederholt: Ein Firmenpatriarch wächst dem Historiker ans Herz

Einblicke gibt es auch in das sonst öffentlich selten zugängliche Gästehaus, die frühere Fabrikantenvilla Wiederholt. © Borys Sarad

100 Jahre Vincenz Wiederholt: Ein Firmenpatriarch wächst dem Historiker ans Herz

Im Gästehaus des Unternehmens, der vormaligen Fabrikantenvilla, ist Vincenz Wiederholt immer noch präsent. © Marcus Land

Nahbar sei er tatsächlich gewesen, der Chef. Was Krupp im großen Essen war, das sei Wiederholt durchaus im kleinen Holzwickede gewesen, findet Kracht. Der Patriarch und seine Werksfamilie, die seiner Fürsorge sicher sein kann. Nicht zuletzt hat sich Vincenz Wiederholt als großer Förderer des Sozialen Wohnungsbaus bis heute baulich in der Gemeinde verewigt. Herzergreifend ist ein überlieferter Brief, den ein Hilfsarbeiter in ungelenker Handschrift an den „verehrten Herrn Wiederholt“ verfasste. Der war zuvor aus dem Werkschor ausgeschlossen worden, worüber er sich nun beim Chef bitter beklagte. Dabei sei er doch nur gerührt gewesen von Wiederholts so menschlicher Ansprache und habe ihm deshalb zugerufen: „Onkel Vincenz, wir halten mit Ihnen Stanke ...“ .

»Er hat das Leben in Holzwickede mitbestimmt – bis heute.«
Dr. Peter Kracht, Historiker

So manches Geschichtchen trug „Onkel Vincenz“ selbst zur Rohrpost bei. Schrieb aus seinem Leben und vom Aufbau des Unternehmens. „Man muss sicherlich Abstriche machen“, weiß Historiker Kracht, dass Selbstbezeugungen kritisch zu betrachten sind. Besonders jene aus der NS-Zeit. „Er war schon Nazi, das darf man nicht veschweigen“, sagt Kracht. Allerdings habe er wie in jener Zeit üblich, einen Aufpasser ins Werk gesetzt bekommen, „der ihn auf die richtige Spur bringt“. Dennoch scheint die unternehmerische Leistung dieses Mannes, seine soziale Ader und nicht zuletzt sein Charisma alles zu überstrahlen. Und zweifellos stimmt, wie Dr. Peter Kracht über Wiederholt urteilt: „Er hat das Leben in Holzwickede mitbestimmt – bis heute.“

Chronologie

Wichtige Wegmarken in 100 Jahren Vincenz Wiederholt

  • 1912 Erwerb des Firmengeländes in Rausingen durch die Familie Möller (ehemalige Zeche Freiberg)
  • 1919 Gründung des Unternehmens als M.W. Werke
  • 1920 Beginn Entwicklung und Produktion dünnwandiger elektrisch widerstandsgeschweißter Rohre
  • 1933 Aufbau von Sozialleistungen für die Belegschaft
  • 1935 Ausscheiden von Hugo Mayweg, Umbenennung in V.W. Werke
  • 1947 Wiederaufnahme der Bandstahlverarbeitung
  • 1952 Kauf des Geländes Zeche Caroline und Errichtung des Eisenwerkes
  • 1962 Einstieg in die Serienfertigung kaltgezogener Rohre
  • 1963 Tod von Vincenz Wiederholt und Übernahme der Geschäfte durch seine Tochter Helga Becker und ihren Mann Dr. Walter Becker
  • 1969 Unternehmensgruppe erreicht Umsatz von über 100 Millionen D-MArk
  • 1987 Beginn der Produktion von lasergschweißten Rohren
  • 1989 Verlagerung der Komponentenfertigung nach Unna-Massen
  • 1990 Die V.W. Werke beschäftigen mehr als 1300 Mitarbeiter
  • 1996 Erwerb der V.-W. Werke durch die amerikanische Pittsburgh Tube Company
  • 1996 Tod von Helga Becker, geb. Wiederholt
  • 2007 Wiederholt produziert erstmals mehr als 60.000 Tonnen kaltgezogener Rohre
  • 2010 Insolvenz der Wiederholt GmbH aufgrund des Gläubigerschutzes der PTC Alliance
  • 2010 Unternehmensgruppe erreicht Umsatz von über 100 Millionen Euro
  • 2010 Neugründung der Vincenz Wiederholt GmbH durch Louis McDonald und Martin Krämer
  • 2015 Übernahme der Vincenz Wiederholt GmbH durch die chinesische Zhongding Gruppe

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Vandalen am Werk

Unbelehrbare vermüllen die Multisportanlage – schnelle Reaktion aus der Gemeinde

Hellweger Anzeiger Neugründung

Nick Engelhardt wird zum ersten Vorsitzenden der Schüler-Union Holzwickede gewählt

Hellweger Anzeiger Radtouristik und Volksradfahren

Rund um Haus Opherdicke: Nur hartgesottene Fahrer trauten sich im Regen auf ihre Räder

Hellweger Anzeiger Politik

Junger Experte in Umweltfragen: Das hat Arwin Rahimi (24) als Sachkundiger Bürger vor

Meistgelesen