In ihrem Biergarten sitzen nach der Corona-Zwangspause endlich wieder Gäste, da hört man bereits das Gerede von einer zweiten Infektionswelle im Anflug. „Das stört mich“, sagt Chefin Eicken Schneidersmann.

Fröndenberg

, 12.07.2020, 16:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

Eicken Schneidersmann, die Frau mit diesem unnachahmlichen Mutterwitz, ist wohl die bekannteste Wirtin in Fröndenberg. Die Corona-Pandemie nimmt die 65-Jährige ernst, aber auch mit Galgenhumor.

»Radtouristen wollten mal in die Fröndenberger Altstadt. Verdorri, dachte ich da – wo ist die denn?«
Eicken Schneidersmann

Vatertag war es, als spontan diese Herrentruppe an ihrem Biergarten stoppte, der direkt am Ruhrtalradweg liegt – und ebenso schnell wieder im Sattel saß. „Die hatten keine Lust, sich auf fünf Tische zu verteilen und mit Megaphon zu unterhalten“, bemerkt Eicken Schneidersmann trocken.

Zusammen Fahrrad fahren, aber nicht gemeinsam trinken

Zusammen Fahrrad fahren dürfen wir, aber zusammen trinken nicht? Viele Regeln, die sich dann auch noch wöchentlich änderten, brachten viele Menschen an die Grenzen ihrer Akzeptanz. Während Kellner Höflichkeit und Diplomatie wohl noch nie dermaßen auf die Spitze trieben wie nach den Corona-Lockerungen.

Eicken Schneidersmann heißt die Vorschriften, die drei Monate lang sehr streng waren, sehr wohl zum Großteil gut. Aber auch sie und ihr Team brachte der Lockdown ganz nah an den Rand des Verzweifelns.

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In guten Zeiten ist der Biergarten vom Hotel Restaurant Haus Ruhrbrücke beliebter Anlaufpunkt auch für Radtouristen. Im April und Mai herrschte wegen der Corona-Pandemie hier gähnende Leere.

In guten Zeiten ist der Biergarten vom Hotel Restaurant Haus Ruhrbrücke beliebter Anlaufpunkt auch für Radtouristen. Im April und Mai herrschte wegen der Corona-Pandemie hier gähnende Leere. © Archiv/Marcel Drawe

»Nimm doch den Corona-Zuschlag, hat man mir geraten. Das Wasser für 2,50 statt 2,30 – das finde ich nicht richtig.«
Eicken Schneidersmann

Die Ur-Fröndenberger Wirtin mag gar nicht an den April und Mai zurückdenken. „Da war ja ein Bombenwetter.“ Bloß im Biergarten war gähnende Leere, ganz zu schweigen von den Hotelzimmern.

29 Zimmer hat das „Hotel Restaurant Haus Ruhrbrücke“, wie „Schneidersmann“ offiziell heißt. Das größte Haus in der näheren Umgebung – jedenfalls entlang der Ruhr, in Wickede oder Schwerte gibt es nichts Vergleichbares. Sieht man Eicken Schneidersmanns Gesicht jetzt ein wenig Stolz an? Könnte durchaus sein.

Das Hotelgeschäft trage sich dank vieler Monteure und Handelsvertreter, die meist von Montag bis Donnerstag hier übernachten, rechnet nun die Geschäftsfrau Eicken Schneidersmann vor.

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Eicken Schneidersmann setzt in Restaurant und Hotel alle Vorgaben der Coronaschutzverordnung um. Sie vertraut darauf, dass sich ihre Gäste mit richtigem Namen in die Listen eintragen. Den Personalausweis würde sie sich jedenfalls nicht „für ein Glas Bier“ zeigen lassen. „Das ist doch übergriffig.“

Eicken Schneidersmann setzt in Restaurant und Hotel alle Vorgaben der Coronaschutzverordnung um. Sie vertraut darauf, dass sich ihre Gäste mit richtigem Namen in die Listen eintragen. Den Personalausweis würde sie sich jedenfalls nicht „für ein Glas Bier“ zeigen lassen. „Das ist doch übergriffig.“ © Marcus Land

Die Radfahrer bleiben meistens eine, maximal zwei Nächte – von freitags bis sonntags. Eine ideale Auslastung der Woche war das bis zum Beginn der Corona-Krise. Diese zwei Nächte fehlten dem Haus Ruhrbrücke danach, denn nur dienstlich Reisende durften in Hotels schlafen, Touristen dagegen fast drei Monate lang nicht.

„Ein Zubrot“, sagt Eicken Schneidersmann, sei der Radtourismus, „wir sind dankbar, dass wir den Ruhrtalradweg haben.“ Doch darauf setzen kann sie nicht, dafür sei das Geschäft zu wetterabhängig. Bei Regen stornierten die Radler auch ganz schnell wieder.

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Eicken Schneidersmann vor der Ahnengalerie: „Bei Sette“ sagen viele alte Fröndenberger noch, wenn sie bei Schneidersmann einkehren. Ihre Urgroßeltern Wilhelm und Lisette „Sette“ Schneidersmann gründeten den Gasthof, ihre Großeltern Heinrich und Elfriede und danach ihre Eltern Heinz-Josef „Jupp“ und Gisela führten ihn vor ihr weiter.

Eicken Schneidersmann vor der Ahnengalerie: „Bei Sette“ sagen viele alte Fröndenberger noch, wenn sie bei Schneidersmann einkehren. Ihre Urgroßeltern Wilhelm und Lisette „Sette“ Schneidersmann gründeten den Gasthof, ihre Großeltern Heinrich und Elfriede und danach ihre Eltern Heinz-Josef „Jupp“ und Gisela führten ihn vor ihr weiter. © Marcus Land

Auf Unwägbarkeiten muss eine Hotelierin also stets gefasst sein. An viele Veränderungen der letzten Jahrzehnte hat sie sich längst gewöhnt. Ihr Urgroßvater Wilhelm Schneidersmann baute 1882 die erste Schenkwirtschaft an dieser Stelle. Da gab es noch den Saal für 1000 Gäste und unter dem Haus den Ratskeller, in den noch einmal 600 Personen passten. Nach der Möhnekatastrophe stand nichts mehr. Doch ihr Vater Heinz-Josef, genannt Jupp, machte weiter, nach dem bretternen Provisorium baute er 1960 den heutigen Gasthof auf.

Den Frühschoppen nach der Kirche gibt es nicht mehr

Tochter Eicken, mittlerweile die vierte Generation, vergrößerte das Haus peu à peu um den heutigen Hotelbetrieb. Das lohnte. Besonders bei Sportveranstaltungen muss sie manchmal die Bettenzahl in den Zimmern aufstocken.

Doch als Kneipier hat sie sich nie gesehen, den Tresen baute sie nach dem Tod ihres Vaters ganz schnell ab. Nicht nur, dass das Zapfen und Mitschäkern mit lustigen Pilstrinkern hinter der Theke eh nicht ihr Ding sei.

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Kellnerin Kathleen Dramm desinfiziert einen Tisch im Restaurant von Schneidersmann. Die Kellnerin ist auch die „Frühstücksfee“ des Hotels. Chefin Eicken Schneidersmann führte für ihre Mitarbeiter während der weitgehenden Schließung des Hauses eine Art Wechselschicht ein, „damit sie nicht ganz raus kommen“.

Kellnerin Kathleen Dramm desinfiziert einen Tisch im Restaurant von Schneidersmann. Die Kellnerin ist auch die „Frühstücksfee“ des Hotels. Chefin Eicken Schneidersmann führte für ihre Mitarbeiter während der weitgehenden Schließung des Hauses eine Art Wechselschicht ein, „damit sie nicht ganz raus kommen“. © Marcus Land

»Gerade die Risikogruppen sind potent und in einem Alter, in dem man häufig essen geht.«
Eicken Schneidersmann

Das Freizeitverhalten habe sich doch auch völlig verändert. Den Frühschoppen nach der Kirche gibt es längst nicht mehr. Und am nächsten Morgen rufe die Arbeit eben nicht im Heimatort, sondern irgendwo auswärts.

„Heute wird viel weniger getrunken, das kann sich auch keiner mehr erlauben“, spricht Eicken Schneidersmann den spürbaren gesellschaftlichen Wandel an. Umgekehrt entwickelte sich das boomende „mal lecker Essen gehen“.

Zwar vollziehe sie gerade verlustreich und mit ganz viel Müll eine unökologische Kehrtwende, weil sie wieder auf Marmelade und Butter in Plastiktöpfchen umstellen musste. Und statt der sonntags üblichen 100 Gäste kommen seit Wochen nur um die 20 zu ihrem bekannten Büfett, weil die Unsicherheit der Leute immer noch groß sei. Weil sie eigens eine Bedienung abstellt, durfte sie das Büfett aber wieder eröffnen.

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Auf einer Postkarte, die die Ruhrbrücke um das Jahr 1900 zeigt, ist im Hintergrund links der Gasthof Schneidersmann mit dem großen Saalbau zu erkennen.

Auf einer Postkarte, die die Ruhrbrücke um das Jahr 1900 zeigt, ist im Hintergrund links der Gasthof Schneidersmann mit dem großen Saalbau zu erkennen. © privat

Dennoch ist und bleibt das Restaurant das zweite Standbein. Die 50 Prozent der Plätze, die sie freigeben darf, müssen schon besetzt sein, damit Eicken Schneidersmann ihre 20 Mitarbeiter und auch sich selbst ernähren kann.

Wenn es nicht begründet sei, dürfe sich daher um Himmels Willen nicht fahrlässig Pessimismus verbreiten. „Die zweite Welle kommt“, höre sie mittlerweile schon wieder sehr oft. Das wüssten aber doch selbst die Wissenschaftler noch nicht.

Eicken Schneidersmann sagt es, wie es ist: „Gerade die Risikogruppen sind potent und in einem Alter, in dem man häufig essen geht.“ Gewinnen ihre Gäste kein Vertrauen zurück, steht auch dem Haus Ruhrbrücke ein ungemütlicher Herbst bevor.

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