Die Ruhrstadt ist viel besser als ihr Ruf. Das sagen zwei zugezogene Ladys, die sich darüber wundern, warum die Fröndenberger ihre Stadt oft so schlecht reden. Dabei lebt sich‘s dort wie im Urlaub.

Fröndenberg

, 17.06.2019 / Lesedauer: 5 min

In Fröndenberg ist nichts los, es gibt viele Leerstände, die Straßen sind kaputt, es gibt kaum Wirtschaft und die Stadt ist verbaut. Diese niederschmetternden Urteile über die Ruhrstadt hört man nicht selten. Doch Gespräche mit Zugezogenen können diesbezüglich wahre Augenöffner sein. Denn Menschen wie Ulrike Wehner und Rabea Weiss haben einen ganz anderen Blick auf die Stadt mit Aussicht. Und wer ihnen zuhört, dem mag Albert Einstein und seine Anleitung zum Glücklichsein einfallen: Einfach mal aufhören zu jammern.

Schon immer gedacht, das müsste traumhaft sein, hier zu wohnen

Ulrike Wehner ist 75 Jahre alt und im Oktober 2015 von Unna nach Fröndenberg gezogen. Ein Schritt, den ihre Bekannten in Unna kaum nachvollziehen konnten. „Aber ich hatte schon vorher eine gute Bekannte in Menden. Wenn ich dort hinfuhr und Fröndenberg so am Hang liegen sah, habe ich schon immer gedacht, es müsste traumhaft sein dort zu wohnen“, erinnert sich Ulrike Wehner. Doch erst, als die Arbeit mit dem großen Haus und Garten in der Gartenvorstadt Süd zu viel wurde, reifte der Entschluss, das Alte loszulassen. „Das war nicht leicht“, sagt die 75-Jährige. Aber als sie ein Immobilieninserat der Wohnung an der Fröndenberger Bertholdusstraße sah, auf dem lediglich die Aussicht vom Sümberg ins Ruhrtal abgebildet war, war es um Ulrike Wehner geschehen.

Zwei Zugezogene – zwei Liebeserklärungen an die neue Heimat Fröndenberg

Den Himmelmannpark weiß Ulrike Wehner als Naherholungsgebiet sehr zu schätzen. © Archiv

Im Herbstblatt schwärmt Ulrike Wehner

Denn so eine Aussicht, das war schon immer ihr Traum. „Ich gucke mir nicht umsonst den Bergdoktor im Fernsehen an“, lacht die Seniorin. Auf der Höhe fühle sie sich eben wohl. Deshalb hat sie auch in der Dezemberausgabe 2015 des Unnaer Seniorenmagazins „Herbstblatt“ die neue Heimat ausführlich beschrieben und geizte dabei nicht mit Lob. „Verzaubernd liegt das Schleierband des Morgennebels über dem Fluss“ - mit diesen Worten beschreibt sie die Ruhrstadt und setzt den Bericht drei Jahre später in der Septemberausgabe fort. Mittlerweile ist Fröndenberg richtig Heimat geworden. „Da ist doch nichts los“ – diese Behauptung hat sie oft gehört, als sie umzog. Ihr Eindruck jedoch ist ein anderer. Die Flussauen mit Himmelmannpark als Naherholungsgebiet, das Forum mit den schönen alten Mauerresten, das tolle Kulturzentrum mit den beiden Schmieden, die vielen Museen, Ruhrtalradweg, Hotels, Minigolfplatz – Ulrike Wehner schätzt es, dass sie all das nun fußläufig vom Sümberg aus erreichen kann.

Zwei Zugezogene – zwei Liebeserklärungen an die neue Heimat Fröndenberg

Von wegen Einzelhandelswüste – in Fröndenberg gibt es alles, was man zum täglichen Leben braucht. Und wer die große Shoppingtour machen will, ist schnell überall. © Archiv

Nur Kino und Schuhgeschäft gibt es nicht

„Mir fehlt hier einfach nichts“, sagt sie. Im Ortskern finde sie alles, was sie zum Leben braucht: Supermärkte, Ärzte, drei Apotheken, Geldinstitute, Therapeuten, Bäckereien, Schulen, Freibad, Seniorenbegegnungsstätte und jede Menge Cafés, Eisdielen, Pizzerias und Restaurants, Friseure, Juwelier, und, und, und... „Nur ein Schuhgeschäft und ein Kino gibt es nicht“, schmunzelt die 75-Jährige. Dafür schätzt sie das reichhaltige Vereinsangebot. „Die 14 Ortsteile mit ihren vielen Kirchen, Chören und Kirchenmusikern finde ich toll“, sagt Ulrike Wehner, die selbst lange im Chor gesungen hat.

Zwei Zugezogene – zwei Liebeserklärungen an die neue Heimat Fröndenberg

Mit viel Liebe zum Detail beteiligen sich jedes Jahr Händler und Gruppen an den Blumenkunsttagen und verschönern die City. Ein Alleinstellungsmerkmal. © Lara Joy Rosenstein

Blumenkunsttage und Taschengeldbörse, nur die Politik nervt

„Klein, familiär und nicht so zugebaut wie Unna“ - so beschreibt sie die Ruhrstadt, in die sich die Rentnerin ganz offensichtlich verliebt hat. Jedenfalls sagt sie: „Die alte Heimat Unna hat sich irgendwie verflüchtigt.“ Und Geliebten verzeiht man sogar holpriges Pflaster. „Das gibt es hier natürlich auch – aber kein Vergleich zu Unna“, sagt sie. Auch die vielen Ehrenamtler und ihre Aktionen, ganz besonders die Blumenkunsttage und die Taschengeldbörse – „es ist einfach toll, was die Fröndenberger so auf die Beine stellen.“ Nur die Politik sei nicht immer nach ihrem Geschmack. Aber wenn die Politiker nerven, „dann denke ich, ach, dann bleibe ich eben auf meinem Berg.“

Ulrike Wehner hat ihren Platz im Alter gefunden. „Hier grüßt man sich noch. Hier fühle ich mich angesprochen“, sagt sie. Allerdings gibt es doch einen Wermutstropfen: Ihr Ehemann Harald ist nicht so verliebt in die neue Heimat, trauert Unna ein wenig hinterher.

Zwei Zugezogene – zwei Liebeserklärungen an die neue Heimat Fröndenberg

Wie im Urlaub: Rabea Weiss mit ihrem Mann Marcus Gerke in ihrem Garten an der Ardeyer Straße. © Anke Jacobi

Urlaubsgefühl beim Nachhausekommen

Da hat es Rabea Weiss besser: Die 42-Jährige teilt ihre neu entdeckte Liebe zu Fröndenberg mit ihrem Ehemann Marcus Gerke. Auch wenn er sagt: „Wenn man hier wohnt, verliert man ein bisschen den Blick für das Besondere.“
Dass Fröndenberg davon aber reichlich zu bieten hat, steht für Rabea Weiss, die im Nebenjob auf dem Markt den Secondhandladen SecondChance betreibt, felsenfest. „Schon als ich das erste Mal von der Autobahn über die Wilhelmshöhe gefahren bin, habe ich zu meinem Mann gesagt: Das ist ja wie im Kurzurlaub. Die Aussicht ist gigantisch.“ Das war 2013. „Aber bis heute ist es so: Wenn ich ein paar Tage weg war und zurückkomme, denke ich immer, meine Güte, so schön wohnst du.“ Ursprünglich kommt Rabea Weiss aus Bochum, hat vor ihrem Umzug in Gelsenkirchen gewohnt. In Fröndenberg sei Vieles besser.

»Das ist wie im Kurzurlaub. Die Aussicht ist gigantisch.«
Rabea Weiss

Ein gepflegtes Städtchen mit netten Festen

„Fröndenberg ist einfach viel gepflegter“, betont sie, wohlwissend, dass viele Fröndenberger das komplett anders sehen. „Aber ich empfinde das eben so.“ In der Innenstadt gehe ihr das Herz auf, wenn sie all die inhabergeführten Geschäfte sieht, deren Betreiber sich so viel Mühe geben, das Umfeld schön zu gestalten. „Man passt hier auch gegenseitig auf sich auf – und wenn es nur das Blumengießen ist“, sagt sie. Bauern- und Frühlingsmarkt, die Blumenkunsttage seien nette, schön ausgerichtete Feste für die Familie. Rabea Weiss geht selbst mit ihren Kindern gern hin.

Zwei Zugezogene – zwei Liebeserklärungen an die neue Heimat Fröndenberg

Rabea Weiss ist begeistert von den Blumenkunsttagen und dem Engagement ihrer Einzelhändler-Kollegen. © Land

Ein Paradies auch für die Kinder

Apropos Kinder: „Sehr überragend habe ich auch die Sonnenbergschule empfunden. Aus Mama-Sicht wird da das Optimum geboten“, schwärmt die zweifache Mutter. Nur der Schulweg sei mäßig, weil die Kinder von ihrem Haus an der Ardeyer Straße die Hauptstraße entlanglaufen mussten. „Ansonsten waren das wirklich zwei Welten, wenn ich das mit dem vergleiche, was ich vorher kannte“, weiß Rabea Weiss auch zu schätzen, dass sie ihre Kinder in Ardey auch einmal allein rausgehen lassen kann. Das Überschaubare, Familiäre schätzt Rabea Weiss. Und dazu gehört auch, dass sie im Fröndenberger Bürgerbüro nicht erst einen Wartezettel ziehen muss, bevor sie Hilfe bekommt. „Die haben einen echt tollen Service dort“, lobt sie.

Keine große Shoppingtour, aber schnell da, wo viel los ist

Natürlich: Die große Shoppingtour könne man in Fröndenberg nicht unternehmen, aber: „Ich bin schnell da, wo viel los ist. Und wenn ich nach Hause komme, genieße ich die schöne Landschaft“,sagt Weiss. Die Dinge des täglichen Bedarfs gebe es schließlich vor Ort von den drei Discountern, zwei Supermärkten „und nicht zu vergessen bei den tollen Hofläden“. Landcafés und andere schöne Lokalitäten – „hier kann man sich aufs Rad schwingen und einen tollen Tag verbringen“, schwärmt die hauptberufliche Kinderkrankenschwester. Wenn es dann noch eine bessere Radwegeverbindung vom Westen in die Innenstadt gäbe, wäre ihr Glück perfekt.

Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Grundschulen

Sanierung der Grundschulen: Fröndenberg investiert über die Sommerferien 240.000 Euro

Hellweger Anzeiger Kultur unter freiem Himmel

Darum hat das Fröndenberger Sommersonntagskonzert inzwischen so wenige Teilnehmer

Hellweger Anzeiger Ausstellung im Kunstverein

Der Fotoclub Fröndenberg: Wiedervereinigung, das Ruhrgebiet bei Nacht und U-Bahnhöfe

Hellweger Anzeiger Infos im Gemeindezentrum

Nach Pfarrerrücktritt: kfd St. Marien wirbt für die eigene Sache: Neue Mitglieder erwünscht

Hellweger Anzeiger Hobbyfußballturnier

Löschgruppe Bentrop feiert 110 Jahre und letztes Feuerwehrfest am alten Gerätehaus

Meistgelesen