Zwei Muslime lesen in Fröndenberger Stiftskirche bewegenden Brief vor und ernten Applaus

dzKirchengemeinden in Fröndenberg

Auch Pfarrer Jörg Rudolph hatte so etwas noch nicht erlebt: Am Volkstrauertag erschienen zwei Muslime in der Stiftskirche und drückten in einem vorgelesenen Brief ihr Beileid aus - für ganz aktuelle Ereignisse.

Fröndenberg

, 16.11.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dass Muslime die Schwelle zu einer Kirche übertreten, ist nicht alltäglich - wie umgekehrt auch der Besuch von Christen in einer Moschee. Erst verblüfft und danach gerührt waren evangelische Fröndenberger jetzt von völlig unerwarteten Gästen und ihren bewegenden Worten.

»Die Ereignisse in Frankreich und Wien tun uns sehr leid. Wir teilen Ihren Schmerz.«
Zitat aus dem Brief

In der Stiftskirche feierten die Gläubigen am Sonntag den Gottesdienst im Zeichen des Volkstrauertages. Zwei muslimische Mitbürger hätten sich wohl keinen passenderen Moment aussuchen können als diese Stunde des Gedenkens.

Ohne Ankündigung erschienen die beiden Männer im Kirchenraum und bedeuteten Pfarrer Jörg Rudolph, dass sie etwas mitzuteilen hätten. Der Geistliche ließ die Besucher daraufhin mitten in der Feier einen Brief verlesen.

Demonstrativ den Gottesdienst mitgefeiert

„Die Ereignisse in Frankreich und in Wien tun uns sehr leid. Wir teilen Ihren Schmerz“, hörten die Gottesdienstbesucher dann. Und: „Wir sind auch Muslime, aber nicht radikal.“ Eine eindrucksvolle Distanzierung von den islamistischen Terrorakten der jüngeren Vergangenheit.

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Zwei Muslime zeigten sich am Volkstrauertag solidarisch mit den Christen: Die beiden Männer lasen in der Fröndenberger Stiftskirche einen Brief vor, in dem sie die islamistischen Terroranschläge bedauern.

Zwei Muslime zeigten sich am Volkstrauertag solidarisch mit den Christen: Die beiden Männer lasen in der Stiftskirche einen Brief vor, in dem sie die islamistischen Terroranschläge bedauern. © privat

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Michael Deimel

Michael Deimel © Udo Hennes

Zur Sache

Muslimische Gäste auch in der Marienkirche

  • Diakon Michael Deimel berichtet aus der katholischen Fröndenberger Marienkirche eine ähnliche Begebenheit wie jene in der Stiftskirche.
  • Dort betraten während der 10-Uhr-Messe am 8. November zwei Männer mit jeweils einem Blumenstrauß in der Hand die Kirche, sie setzten sich auf zwei freie Stühle und verfolgten die Messe weiter.
  • Am Ende der Messe übergaben die beiden Männer ihre Blumensträuße an die Küsterin; auf den Sträußen war ein Zettel angebracht mit der Aufschrift: „Die brutalen Angriffe in Europa tun uns sehr leid. Wir teilen Ihre Trauer und drücken Ihnen unser tiefstes Mitleid aus!“ Darunter standen die Namen einer muslimischen Familie.
  • Bei allen negativen Berichterstattungen in den letzten Wochen habe den Katholiken diese Begebenheit gezeigt, dass viele muslimische Mitbürger genauso unter dem unsäglichen Terror litten.
  • „Viele Menschen, die zu uns kommen, wollen in Frieden mit uns leben, das sollten wir nie vergessen“, schreibt Deimel an die Redaktion. „Dass diese beiden Männer zu uns in den Gottesdienst gekommen sind, war eine große Geste des Respekts für eine andere Religion, davor verneigen wir uns.“
  • Man habe diese „rührende Geste als sehr wohltuend empfunden, als ein echtes Zeichen der Solidarität zwischen Menschen, die alle nur in Frieden miteinander leben möchten“.

Noch einen Tag später ist Jörg Rudolph überwältigt von dieser Geste der beiden Muslime, die ihm namentlich bekannt sind. „Das fand ich sensationell“, sagt der Pfarrer im Gespräch mit dieser Redaktion.

Beide hätten ihm zu verstehen gegeben, dass es ihnen um die Verständigung der Weltreligionen gehe und sie das Gemeinsame vor dem Trennenden betonen wollten. Tatsächlich hätten sie demonstrativ den weiteren Gottesdienst mitgefeiert und sich auch mit segnen lassen.

Gemeinde applaudiert spontan

Und dies ausgerechnet am Volkstrauertag. „Was für ein Geschenk“, so Rudolph.

„Wir stellen uns eine Welt vor und streben sie an, in der alle Menschen in Brüderlichkeit leben“, trug einer der beiden Besucher weiter vor. Weil der Sprecher etwas gebrochen Deutsch sprach, las Rudolph den Brief ein zweites Mal vor.

„Wir teilen den Schmerz all unserer christlichen Freunde und sprechen unser Beileid aus“, endeten die Zeilen. Die Gemeinde habe nach diesen letzten Worten spontan applaudiert, berichtet Pfarrer Rudolph.

Die Männer hätten erzählt, dass sie politische Flüchtlinge seien und in Deutschland nun in einem anerkannten Aufenthaltsstatus leben dürften. Rudolph vermutet, dass bei der Aktion der beiden Moslems auch viel Dankbarkeit dafür mitschwingt.

Offenheit für fremde Kulturkreise

Dass sie sich, anders noch als eine Woche zuvor in der Marienkirche (siehe Infobox) auch trauten, sich vor der Kirchengemeinde zu öffnen, kann laut Rudolph eventuell einen bestimmten Grund haben.

»Ich finde dies ein Mut machendes Zeichen in dieser Zeit und denke, dass wir alle miteinander solche Nachrichten brauchen.«
Pfarrer Jörg Rudolph

Die Stiftskirche hat bereits einige Flüchtlinge aus der Unterkunft in Stentrop getauft; die Menschen aus fremden Ländern besuchten auch häufig die Gottesdienste. Womöglich habe diese Offenheit der Stiftskirche für fremde Kulturkreise die beiden Moslems in ihrem Tun bestärkt.

Blumen auf den Altar gelegt

Dank des Engagements des Patenschaftskreises gebe es eine recht enge Bindung zu diesen Menschen, die oft als christliche Minderheit auf der Flucht waren.

So wisse er, erzählt Rudolph, zum Beispiel von der gemischt-konfessionellen Familie eines iranischen Paares. Die Ehe des christlichen Vaters und der muslimischen Mutter hätten im Iran keine Zukunft gehabt.

Der Überraschungsbesuch legte nach dem Verlesen des Briefs Blumen auf den Altar der Stiftskirche. Pfarrer Jörg Rudolph: „Ich finde dies ein Mut machendes Zeichen in dieser Zeit und denke, dass wir alle miteinander solche Nachrichten brauchen.“

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