Er war lange unzufrieden mit den verkrusteten Kirchenstrukturen. Jetzt hat Pfarrer Norbert Wohlgemuth beim Erzbistum um Suspendierung gebeten. Betroffen, aber mit viel Verständnis reagieren die Fröndenberger.

Fröndenberg

, 29.07.2019, 09:34 Uhr / Lesedauer: 4 min

Bei der Verabschiedung von Pastor Georg Toborek am Sonntag ließ Pfarrer Norbert Wohlgemuth ganz am Ende des Gottesdienstes die Bombe platzen: Ab sofort ist er kein Pfarrer mehr, hat sich ab 29. Juli vom Priesteramt freistellen lassen. Am Ende konnte Wohlgemuth seinen Willen, dem Kirchenvolk ein Seelsorger zu sein und Gott zu dienen, nicht mehr damit vereinen, dass sich die katholische Kirche immer mehr von der Lebenswirklichkeit der Menschen entferne.

Kritik an Zölibat, Klerikalismus und Überheblichkeit

„In meiner Hoffnung auf eine Reformfähigkeit der katholischen Kirche bin ich immer wieder enttäuscht worden“, sagt Norbert Wohlgemuth. Er kritisiert das „Pastoral der Vergeblichkeit“ ebenso wie Zölibat und Klerikalismus, prangert Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit der Kirche an. Und trifft damit in der Gemeinde Fröndenberg auf Verständnis.

Krank machendes Zölibat und Selbstgefälligkeit: Pfarrer Wohlgemuth kehrt Kirche den Rücken

Bei der Verabschiedung von Pastor Georg Toborek am Sonntag hatte Pfarrer Norbert Wohlgemuth (l.) die Bombe platzen lassen und seinen Rückzug aus dem Priesteramt verkündet. © Pieper

Krankmachender innerer Konflikt

Der innere Konflikt hat den Seelsorger krank gemacht, sagt er. Rückenprobleme, depressive Episoden, Erschöpfungszustände – die Seele sei nicht mehr im Gleichgewicht gewesen, sagt der 58-Jährige. Hinzu kommt, dass er das Alleinsein im Pfarrhaus nicht sehr geschätzt hat. „Auch das fügt der Seele Schaden zu und kostet viel Kraft“, sagt er. Das Pflichtzölibat hält er schon allein deshalb für „überholt, machtbegründet, menschenunwürdig, krankmachend und als einen zu starken Eingriff in das Intimleben des Priesters.“ Eine Liebesbeziehung wünscht Wohlgemuth sich zwar im Moment nicht, will aber künftig nicht mehr allein leben.

Gespräch mit dem Erzbischof „etwas wertschätzend“

Am Montag vergangener Woche schließlich hatte Wohlgemuth bei Erzbischof Hans-Josef Becker in Paderborn um die Beurlaubung von seinen priesterlichen Diensten gebeten. Seine Schilderung von dem Gespräch mit dem Erzbischof wirkt kennzeichnend für die Gründe, die Wohlgemuth zu der Entscheidung getrieben haben. In einer Stellungnahme schreibt der Fröndenberger: „Das Gespräch mit dem Erzbischof und der weiteren Bistumsleitung war recht kurz, aber angenehm und etwas wertschätzend.“ Immerhin habe man ihm für seine bisherigen Dienste gedankt, sagt Wohlgemuth.

Kein Versuch, den enttäuschten Priester zu halten

Ein Angebot an ihn, um ihn vielleicht doch noch zu halten, habe es nicht gegeben. „Um jeden Messdiener bemüht man sich mehr“, musste der 58 Jahre alte scheidende Seelsorger nach fast 30 Jahren im Dienst ernüchtert feststellen. Außenstehende hätten das angesichts des dramatischen Priestermangels so vielleicht nicht erwartet.

Hilferuf Sabbat-Zeit zurückgewiesen

Freunde hat sich Wohlgemuth in Paderborn sicherlich nicht gemacht. Erst vor wenigen Monaten hatte er im Gottesdienst statt zu predigen seine Gedanken zur sexuellen Gewalt in der katholischen Kirche von einem vorbereiteten Zettel abgelesen und die verkrusteten Kirchenstrukturen kritisiert. „Schon damals war ich bereit aufzuhören“, sagt Wohlgemuth heute. Als Hilferuf betrachtet er seine damalige öffentliche Stellungnahme aber nicht. Hilferufe an die Kirchenoberen habe er ausgesandt, als er mehrfach um eine Sabbat-Zeit bat. Die zunächst erteilte Genehmigung sei jedoch aus formalen Gründen wieder zurückgezogen worden.

Krank machendes Zölibat und Selbstgefälligkeit: Pfarrer Wohlgemuth kehrt Kirche den Rücken

Zweieinhalb Jahre war Norbert Wohlgemuth Pfarrer in Fröndenberg und leitete den Pastoralverbund. Fast 30 Jahre war er insgesamt für die katholische Kirche tätig. © Udo Hennes

Unfassbar viele Tränen, aber ebenso viel Verständnis der Basis

Und das passt ins kritische Bild der Kirche, das Norbert Wohlgemuth zeichnet. Die Kirchenspitze höre nicht auf das sogenannte Kirchenvolk, das in seinen Reformbemühungen schon viel weiter sei. Stattdessen werde eine Sprache gesprochen, die kaum noch verständlich ist, aber dafür „schön fromm“ sei. Menschen würden mit Floskeln abgespeist, statt ihnen konkret und tatkräftig zu helfen. „Die Kirche als Institution verliert stetig an sozialer Plausibilität und an Relevanz“, so Wohlgemuth. Er erlebe mit Freude, dass viele Engagierte in den Gemeinden es satt haben, dass selbst die kleinsten Reformschritte seit Jahrzehnten verschleppt würden. „Sie wollen nicht mitwirken an einem Pastoral der Vergeblichkeit, sondern ihre Gemeinde vor Ort zeitgemäß gestalten“, so Wohlgemuth. Die 100-fachen Reaktionen auf seinen Rückzug aus dem Kirchenamt haben dies unterstrichen. „Es gab unfassbar viele Tränen, aber ebenso viel Verständnis“, berichtet der 58-Jährige.

Krank machendes Zölibat und Selbstgefälligkeit: Pfarrer Wohlgemuth kehrt Kirche den Rücken

Statt zu predigen wird Norbert Wohlgemuth die Wanderstiefel schnüren und voraussichtlich im Frühjahr 2020 den Jakobsweg gehen. © picture alliance / dpa

Als freier Mensch auf den Jakobsweg

Ihm selbst fällt ein Stein vom Herzen, auch wenn er die Arbeit und die Menschen vor Ort sehr geschätzt hat. Norbert Wohlgemuth fühlt sich nach dem einschneidenden Schritt als freier Mensch. Finanziell ist er durch Erbschaft und Rücklagen bestens abgesichert und nimmt sich nun für ein bis zwei Jahre erst einmal eine Auszeit. „Ich bin dann mal weg“ – frei nach dem Bestseller von Hape Kerkeling – könnte man seinen Abschied überschreiben. Schließlich will Wohlgemuth schon seit längerer Zeit den Jakobsweg gehen, hatte dafür auch um eine Auszeit gebeten. Nun soll es wahrscheinlich im nächsten Frühjahr losgehen.

»Ich fühle mich sehr frei und gelassen und gehe voller Gottvertrauen meinen weiteren Weg.«
Norbert Wohlgemuth, ehemaliger Pfarrer

Rückzug Wohlgemuths lässt geplante Reform früher greifen

Spontanen Applaus hat Wohlgemuth im Gottesdienst geerntet, als er seinen Rückzug bekannt gab. Das wertet nicht nur Jochen von Nathusius, Presbyter der Evangelischen Kirchengemeinde Fröndenberg und Bausenhagen, als „starkes Zeichen“ der katholischen Basisebene. Diese allerdings muss sich nun auf einige einschneidende Änderungen einstellen. Denn einen Ersatz für den Pfarrer wird es nicht geben. Das kündigte am Dienstag der stellvertretende Kirchenvorstandsvorsitzende Klaus Bathen an.

Die ursprünglich für Anfang 2020 vorgesehene Zusammenlegung von Fröndenberg, Unna und Holzwickede zu einem pastoralen Bereich wird laut Bathen vorgezogen. Damit wird Wohlgemuths Vorgänger, der mittlerweile zum Dechanten ernannte Paul Mandelkow, künftig wieder direkter für Fröndenberg zuständig sein.

Verbleibender Pastor Heinrich Stangorra erreicht 2025 Rentenalter

Pastor Heinrich Stangorra wird zudem bis zu seinem Ruhestand in Fröndenberg tätig sein. Regulär würde er im Jahr 2025 im Alter von 70 Jahren in den Ruhestand wechseln. „Für Stangorra wird es dann auch einen Nachfolger geben“, so Bathen. Am Dienstag will sich das Seelsorgerteam zusammensetzen, um die weitere Aufgabenverteilung zu besprechen. Dem Team gehören neben Pastor Heinrich Stangorra auch die Gemeindereferentin Mona Schomers und Heiner Redeker an, denen Norbert Wohlgemuth in seiner Stellungnahme am Sonntag ausdrücklich gedankt hatte ­– ebenso wie Pfarrsekretärin Rosemarie Schneider. Von den nebenamtlich tätigen zählen die Diakone Michael Deimel und Carsten Schindler zum Seelsorgerteam.

Ohne das Treffen vorwegnehmen zu wollen, mutmaßt Bathen, dass es wahrscheinlich auf je zwei Messen samstags und sonntags im Pastoralverbund hinauslaufe. „Wir werden enger zusammenrücken müssen. Unsere Laien werden mehr Aufgaben übernehmen müssen, sind aber auch bereit dazu“, betont Bathen.

Kirchenvorstands-Vize übt Kritik am Zeitpunkt der Rückzugsmitteilung

Er selbst zeigte sich am Montag sehr überrascht von der Entscheidung Wohlgemuths. „Es ist schade. Ich glaube, dass sich in der Kirche zurzeit viel bewegt, wenngleich nicht schnell genug“, so Bathen. Er äußerte aber auch sein Bedauern über den Zeitpunkt, zu dem Wohlgemuth seinen Rückzug mitgeteilt habe. „Das war schade für Georg Toborek. Das Fest am Sonntag galt eigentlich ihm und seinem 50-jährigen Priesterjubiläum“, so Bathen.

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