Zentrale der Nazi-Spitzel: SS-Bungalows nach 75 Jahren abgerissen

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Fröndenberg war in der NS-Zeit zeitweise eine regionale Zentrale der SS. Unscheinbare Bungalows dienten dem SS-Sicherheitsdienst als Außenstelle. 75 Jahre nach dem Krieg wird die Geschichte aktuell.

Fröndenberg, Frömern

, 28.04.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Dem Fröndenberger Historiker Dr. Stefan Klemp fiel es kürzlich auf einem Spaziergang zufällig auf: Das Behelfsheim des Sicherheitsdienstes der SS in Frömern ist 75 Jahre nach Kriegsende abgerissen worden - ein Gebäude, das eine dunkle Vergangenheit hat.

„Kurz vor Kriegsende entstanden zahlreiche ähnliche Bungalowhäuser auf dem Land, um ausgebombte Menschen oder auch Dienststellen von Sicherheitspolizei, SS und SD aus Großstädten in Sicherheit zu bringen.“
Dr. Stefan Klemp

Auf dem Spitt hatte das Haus gestanden, ein Doppelbungalow, der noch 1945 als Behelfsheim errichtet worden war. Der Auftrag dazu kam vom SD in Hamm, deren Dienststelle durch Luftangriffe völlig ausgebombt war.

Weil die Nazis ihren Polizei- und Terrorapparat bis zum Schluss so gut es eben ging funktionstüchtig halten wollten, entschied man sich, vor Fliegerangriffen relativ gut geschützt, nahe des Waldes in Frömern eine Notunterkunft zu bauen.

Sicherheitsdienst installierte Spitzeldienst

„Kurz vor Kriegsende entstanden zahlreiche ähnliche Bungalowhäuser auf dem Land, um ausgebombte Menschen oder auch Dienststellen von Sicherheitspolizei, SS und SD aus Großstädten in Sicherheit zu bringen“, weiß Dr. Stefan Klemp, der im Dortmunder Stadtarchiv unter anderem für die Ausstellung in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache zuständig ist.

Wie Stefan Klemp recherchierte, zog im Januar 1945 der Hammer SD-Chef Werner Reingen mit seinen Mitarbeitern in die eine Haushälfte des Neubaus in Frömern ein, die andere Hälfte belegte die SS selbst mit dem Untersturmführer Josef Lohner an der Spitze.

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Werner Reingen, der einige Wochen bis Kriegsende als Leiter des SD in Frömern residierte, wurde 1947 zu einer Geldstrafe verurteilt; als Angehöriger eines SS-Reiterregiments ist er wahrscheinlich auch für Verbrechen im heutigen Weißrussland mitverantwortlich.

Werner Reingen, der einige Wochen bis Kriegsende als Leiter des SD in Frömern residierte, wurde 1947 zu einer Geldstrafe verurteilt; als Angehöriger eines SS-Reiterregiments ist er wahrscheinlich auch für Verbrechen im heutigen Weißrussland mitverantwortlich. © privat

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Zur Sache

Eigentumsverhältnisse an Bungalows unklar

  • Dr. Stefan Klemp recherchierte auch über die Eigentumsverhätnisse an den Bungalows, die noch 75 Jahre nach Kriegsende bestehen blieben.
  • Die Bauherren, die Bedienstete des NS-Regimes gewesen waren, traten nach dem Krieg als Eigentümer der auf Staatskosten errichteten Häuser auf. Am 19. November 1945 schrieb der Fröndenberger Bürgermeister: „Die Errichtung der Behelfsheime geschah nach meinen einwandfreien Feststellungen auf Veranlassung der Geheimen Staatspolizei.“ Die Eigentumsverhältnisse seien nicht geklärt, die Bungalows beschlagnahmt.
  • Im Fall Werner Reingen schrieb das Bauamt Fröndenberg am 5. April 1948: „Es sind hier keine stichhaltigen Tatsachen bekannt, aus denen sich ergibt, dass Herr Werner Reingen, (…) Eigentümer des Behelfsheimes in dem ehemaligen Arbeitsdienstlager Fröndenberg ist.“
  • Das Dortmunder Landgericht stellte im Juni 2007 fest, dass der ehemalige SS-Führer Werner Reingen das „streitige Gebäude“ am 23. März 1950 an die Familie S. verkauft hatte. Das zugehörige Grundstück habe er vom Eigentümer gepachtet.
  • Später wechselte das Grundstück den Eigentümer. Der neue Besitzer wollte das Haus übernehmen und zog vor Gericht. Das Urteil zugunsten der Bewohner wurde nicht rechtskräftig.
  • Die Parteien schlossen einen Vergleich, die Häuser blieben stehen. Die unklaren Eigentumsverhältnisse könnten Grund für den langen Erhalt der Behelfsbungalows gewesen sein, vermutet Stefan Klemp.

Der Sicherheitsdienst der SS war eine Art Nachrichtendienst, der einen Überwachungsapparat und ein Spitzelsystem installierte, Regimegegner und Widerstandsgruppen observierte. Bekannt geworden sind auch der Nachwelt die sogenannten „Meldungen aus dem Reich“, in denen man die Stimmungslage im Volk dokumentierte.

Erster Chef des SD war Reinhard Heydrich, Stellvertreter Heinrich Himmlers.

Auch SS-Standarte aus Bochum kam nach Fröndenberg

Für einige Monate trieb also eine für den Großraum Hamm zuständige Spitzelorganisation, die auch Aufgaben der Polizei übernahm, von Fröndenberg aus ihr verbrecherisches Unwesen.

Damit nicht genug kam Anfang 1945 neben dem SD und der Waffen-SS in Frömern auch die 30. SS-Standarte Bochum mit ihrem Chef Adolf Vasel nach Fröndenberg und richtete Büros in der Alleestraße ein. Adolf Vasel ließ sich längerfristig in Fröndenberg nieder.

Damit schloss sich in gewisser Weise auch ein Kreis. Denn Fröndenberg war bereits von 1933 bis 1935 Sitz der SS-Führerschule im Gau Westfalen-Süd gewesen. Diese Kaderschmiede wurde vom damaligen Direktor der früheren Firma Union, Fritz Sils, gesponsert. Allerdings, auch das fand Stefan Klemp heraus, sorgte Sils ebenso dafür, dass die SS-Führerschule nach mehreren gewalttätigen Übergriffen von SS-Männern auf die Bevölkerung geschlossen wurde.

Werner Reingen kam mit einer Geldstrafe davon

Mit Werner Reingen, Jahrgang 1911, kam Anfang 1945 der Leiter der SD-Außenstelle Hamm für einige Wochen nach Frömern. Ein Mann, der höchstwahrscheinlich Taten begann, für die er kaum sühnen musste.

Reingen wurde 1947 in einem Spruchkammerverfahren in Detmold zu einer Geldstrafe von 3000 Reichsmark verurteilt. Wie Stefan Klemp den Akten entnehmen konnte, folgte das Gericht seinen Angaben, wonach die Arbeit beim SD völlig harmlos war. Die Staatsanwaltschaft vertrat gar die Auffassung, dass die Aufgaben des SD im Westen rein kultureller Natur gewesen seien.

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Dagegen recherchierte Stefan Klemp, dass Werner Reingen einem SS-Reiterregiment angehörte, das in der ersten Augusthälfte 1941 die Pripjetsümpfe, heute im Süden Weißrusslands und im Nordwesten der Ukraine gelegen, durchkämmte und dabei laut eigener Meldung an den Höheren SS- und Polizeiführer „Russland-Mitte“ 13.788 Menschen erschoss. „Die meisten Opfer waren Juden. Dörfer wurden vollständig niedergebrannt“, so Dr. Stefan Klemp.

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