Sommerzeit: Lokführer Uwe Richters Garten-Uhr ist pünktlich wie die Eisenbahn

dzZeitumstellung

Die Zeitumstellung ist für Uwe Richter kein Problem. Obwohl die Uhr in seinem Garten drei Meter hoch hängt. Die stammt vom Fröndenberger Bahnhof. Nicht nur deswegen ist sie pünktlich wie die Eisenbahn.

Fröndenberg

, 28.03.2020, 17:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

„Die einzige Bushaltestelle in Fröndenberg, die eine Uhr hat“, sagt Uwe Richter nicht ohne einen gewissen Stolz in der Stimme. Tatsächlich thront die alte Fröndenberger Bahnhofsuhr förmlich über dem Halt „Birkenweg“. In der Nachbarschaft ist der Zeitmesser längst eine Attraktion.

„Da entdeckte ich am Gleis 2 zwischen dem ganzen Schutt in einer Gitterbox zwei Bahnhofsuhren.“
Uwe Richter

Die Uhren werden in der Nacht von Samstag auf Sonntag eine Stunde nach vorn gedreht. Dafür muss sich Uwe Richter nicht strecken. Die Uhr, die er in seinem Vorgarten auf einen langen Mast gesetzt hat, wird automatisch auf Sommerzeit umgestellt. Überhaupt hat der alte Eisenbahner einiges an Aufwand betrieben.

Einmal Eisenbahner - immer Eisenbahner

So sind Eisenbahner eben. Original-Fahrpläne, alte Kursbücher, längst stillgelegte Nebenstrecken - da schlägt ihr Herz höher. Wer einmal bei der Bahn war, den lässt die Schiene auch im Ruhestand nicht los.

Kein Wunder, dass Uwe Richter, der jahrelang auf der Lok saß, sich unbedingt die alte Uhr vom Fröndenberger Bahnhof sichern wollte. Ende 2014 bis 2016 baute die DB den Bahnhof samt Bahnsteigen groß um.

„Da entdeckte ich am Gleis 2 zwischen dem ganzen Schutt in einer Gitterbox zwei Bahnhofsuhren“, erzählt der Ruheständler. Uwe Richter weiß es noch genau: Eine der beiden Uhren war am Gleis 11 und eine am Gleis 12/13 unter der Überdachung angebracht.

Die Eisenbahnfreunde Hönnetal, bei denen sich auch der Fröndenberger Uwe Richter engagiert, haben den alten Bahnhof Binolen restauriert. Eine baugleiche Bahnhofsuhr hing auch am Fröndenberg Bahnhof.

Die Eisenbahnfreunde Hönnetal, bei denen sich auch der Fröndenberger Uwe Richter engagiert, haben den alten Bahnhof Binolen restauriert. Eine baugleiche Bahnhofsuhr hing auch am Fröndenberg Bahnhof. © privat

„Die Uhren waren völlig zerstört, Glas und Zifferblatt zersprungen. Nur das Gehäuse und die Zeiger waren noch erhalten geblieben“, erinnert sich Richter. Der Baustellenchef überließ Richter die Wracks, die vermutlich auf dem Schrottplatz gelandet wären.

„Gesagt getan, Uhren eingeladen und danach in meiner Garage zerlegt“, schildert der tüftelnde Lokführer, wie er die Original-DB-Bahnhofsuhren wieder in Gang setzte.

Automatisch funktioniert die Zeitumstellung nicht überall. Marten Schuldt, Hausmeister der Evangelischen Kirchengemeinde Frömern, muss die Zeit an der Kirchturmuhr der Johanneskirche per Hand umstellen.

Automatisch funktioniert die Zeitumstellung nicht überall. Marten Schuldt, Hausmeister der Evangelischen Kirchengemeinde Frömern, muss die Zeit an der Kirchturmuhr der Johanneskirche per Hand umstellen. © Archiv

Zur Sache

Von der Eisenbahnzeit zur Mitteleuropäischen Zeit

  • Noch Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine „wahre Ortszeit“: Die Mittagszeit wurde schlicht am Stand der Sonne am Himmel abgelesen.
  • Diese wahre Ortszeit war ausreichend, solange es bei Reisen zwischen Orten unterschiedlicher Ortszeit nicht auf die Uhrzeit ankam.
  • Das änderte sich mit dem Aufkommen der Eisenbahn. Die verband natürlich auch Orte innerhalb Deutschlands, die nicht auf demselben Längengrad liegen, wo der Zeitpunkt von Mittag am Zielort also ein anderer als am Startort ist.
  • Die Eisenbahn führte daher frühzeitig die Eisenbahnzeit ein, die sich nach der Ortszeit eines Ortes ihres Verkehrsgebietes richtete. Das war vor allem notwendig, um Chaos und Unfälle zu vermeiden.
  • Die deutschen Eisenbahngesellschaften führten am 1. Juni 1891 die Zeit des 15. Längengrads (Greenwich) für den dienstlichen Verkehr und für die Dienstfahrpläne unter der Bezeichnung mitteleuropäische Eisenbahn-Zeit ein.
  • In Deutschland wurde zum 1. April 1893 mit dem „Gesetz betreffend die Einführung einer einheitlichen Zeitbestimmung“ die mittlere Sonnenzeit des 15. Längengrades östlich von Greenwich als gesetzliche Zeit festgelegt.

Die Uhren bestanden lediglich aus einem Antrieb für die Sekunden, Minuten und den Stundenzeiger, es gab aber keinerlei Steuerung der Zeit. Recherchen im Internet und ein Zufall brachten Uwe Richter auf zwei notwendige sogenannte Nebenuhren. „Und die hatte ich bei mir in der Garage liegen.“ Alter Eisenbahner halt.

Mutteruhr steuert die Tochteruhr

Diese Nebenuhren werden von einer Mutteruhr oder auch Hauptuhr genannt zentral angesteuert. Diese Mutteruhr gibt den Minutentakt vor, indem sie jede Minute einen elektrischen Impuls an die Tochteruhren abgibt und damit den Minutenzeiger weiterbewegt.

Die Mutteruhren der Bahnhofsuhren werden wiederum durch den Langwellen-Sender in Mainflingen bei Frankfurt am Main über ein DCF-77-Signal, ein sogenannter Zeitzeichensender, gesteuert wie übrigens die meisten funkgesteuerten Uhren im westlichen Europa.

Daher tickt auch Uwe Richters Uhr pünktlich wie die Eisenbahn - der wir ohnehin eine einheitliche Zeit in ganz Deutschland verdanken (siehe Infobox).

Bahnhofsuhr leuchtet nachts

Uwe Richter, der sich auch bei den Eisenbahnfreunden Hönnetal engagiert, hatte mittlerweile so viel über Bahnhofsuhren recherchiert, dass sein Fundstück vom Fröndenberger Bahnhof nun wieder so schön wie früher aussehen sollte.

Auf die Gehäuseteile, ganz frisch sandgestrahlt und pulverbeschichtet, ließ er von einem heimischen Glaser neue Scheiben einsetzen. Eine Fachfirma erstellte neue Zifferblätter und sogar ein DB-Logo.

In die Uhren baute Richter LED-Licht ein - so wissen die Nachbarn am Birkenweg selbst bei Dunkelheit, was die Stunde schlägt. Und wenn Richter in ein Taxi steigt, sagt der Fahrer mittlerweile: „Ach ja, zur Bahnhofsuhr.“

Im Hintergrund gut zu erkennen: Die Fröndenberger Bahnhofsuhr an Gleis 11 vor der Modernisierung der Bahngleise.

Im Hintergrund gut zu erkennen: Die Fröndenberger Bahnhofsuhr an Gleis 11 vor der Modernisierung der Bahngleise. © privat

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