Die Bewohner des Hauses am Bruayplatz, das für einen Aldi-Neubau weichen soll, sind in großer Sorge: Der Wohnungsmarkt in Fröndenberg ist derart angespannt, dass wenig Hoffnung auf ein passendes neues Heim besteht.

Fröndenberg

, 14.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Die Nachricht vom Eigentumserwerb durch Aldi verstärkt die Sorgen der Bewohner vom Bruayplatz: Das Gebäude, in dem einige von ihnen seit mehr als 30 Jahren leben, soll für einen Neubau des Discounters ohne Wohnungen abgerissen werden. Irgendwann in den nächsten zwei Jahren könnte das sein .

Wo findet man in Fröndenberg-Mitte eine bezahlbare Wohnung?

Im hellen und wohnlichen Esszimmer von Amelia und Domenico Di Maio haben die Nachbarn am Tisch Platz genommen, außer dem Ehepaar noch Uta Julius mit ihrem Sohn Lennard und Aida Bali von nebenan. Alle treibt sie seit fast genau zwei Jahren dieselbe Sorge um: Wenn wir schon unser lieb gewonnenes Zuhause verlassen müssen, wo sollen wir ein neues Heim finden, das uns ebenso lieb ist, so zentral und vor allem auch bezahlbar?

Wohnungsnot in Fröndenberg: Bewohner des Abrisshauses am Bruayplatz in Sorge um die Zukunft

Die Nachbarn am Bruayplatz 4 sorgen sich vor der Zukunft: Wo werden sie eine neue passende Wohnung in Fröndenberg finden? © Marcus Land

„Man hat sich die Rente verdient und möchte doch nicht noch mal bei Null anfangen“, sagt Domenico Di Maio, der mit seiner Frau im April 1987 in den Neubau am Bruayplatz eingezogen ist. Aus Lippstadt kamen die Italiener nach Fröndenberg, weil Domenico Di Maio in Fröndenberg eine Arbeit gefunden hatte. Sohn und Tochter der Di Maios wuchsen hier auf, sind Fröndenberg ebenfalls bis heute treu geblieben. Und bis heute zürnt Domenico Di Maio darüber, dass die Nachbarn im Juli 2017 erst aus der Zeitung erfuhren, dass Politik und Verwaltung dem Neubau eines Aldi-Marktes den Weg bereitet hatten. Viel später habe ihn mal ein Ratsherr besucht und mit Blick auf die schöne Wohnung gesagt: „Jetzt verstehe ich, warum Sie hier nicht ausziehen wollen.“

»Die Mieten sind sehr teuer in Fröndenberg – das macht mir Angst.«
Aida Bali, Bewohnerin am Bruayplatz 4

Uta Julius wird wütend, wenn sie an die Zeit vor zwei Jahren denkt. Am Bauamt sei man ganz verblüfft gewesen, dass es über dem Aldi Wohnungen geben solle. „Dabei wurde uns immer gesagt, die Stadt habe nur zugestimmt, weil Aldi den Mietern Hilfe angeboten hat.“ Das hat Domenico Di Maio nie geglaubt. „Wie soll diese Hilfe denn aussehen? Die Stadt hat doch nichts Schriftliches.“ Aldi habe er mal einen Brief geschrieben. Die Antwort lautete verkürzt: „Alles Gute für die Zukunft!“ Selbst die Kosten für einen Umzug würden sie daher ja irgendwann selbst tragen müssen.

Wohnungsnot in Fröndenberg: Bewohner des Abrisshauses am Bruayplatz in Sorge um die Zukunft

Dort, wo heute das Gebäude Bruayplatz 4 steht, soll einmal der neue Aldi-Markt stehen, ein Flachbau ohne Wohnungen im Obergeschoss. Auf der fotorealistischen Darstellung ist die östliche, an den Bruayplatz angrenzende Seite zu sehen. © privat

Zwei Jahre lang habe man sich sehr allein gelassen gefühlt. Der Bürgermeister hatte in der Vergangenheit bereits geäußert, dass die Verwaltung nicht viel tun, sondern allenfalls an die Wohnungsbaugesellschaften vermitteln könne. Eine kürzliche Initiative der SPD, Aldi zum Bau von Wohnungen zu verpflichten, sieht man skeptisch. „Ich schlafe schon schlecht – und jetzt leben wir wieder zwei Jahre mit dieser Sch ...“, schimpft Domenico Di Maio. Zwei der einst sieben Mietparteien wohnen schon nicht mehr am Bruayplatz 4. Eine Familie mit drei Kindern ist ausgezogen, ebenso wie ein Ehepaar. Die hätten einen Kredit aufgenommen und ein Haus gekauft. Das könne finanziell kein anderer der verbliebenen Nachbarn.

»Wir machen die Politiker und die Stadt Fröndenberg dafür verantwortlich.«
Domenico Di Maio, Bewohner am Bruayplatz 4

Die Mieten sind sehr teuer in Fröndenberg – das macht mir Angst“, sagt Aida Bali. Sie wohnt mit ihren drei erwachsenen Kindern und einem Hund seit zehn Jahren in dem Haus. Uta Julius nickt. Als sie vor zwei Jahren zuzog, brauchte sie noch einen Wohnberechtigungsschein für den Bruayplatz, leider stehe davon nichts in ihrem Mietvertrag. Als allein erziehende Mutter mit Halbtagsjob könne sie keine großen Sprünge machen. „Die Wohnungen in Fröndenberg sind unfassbar teuer“, weiß sie von ihrer Wohnungssuche. „Die sollen doch auf dem Karl-Wildschütz-Platz Wohnungen bauen“, ruft Amelia Di Maio, „oder da, wo sie das Rathaus abreißen wollen.“

Nachbarn wünschen sich Einsatz für Familien mit kleinem Budget

In dem Punkt sind sich alle einig: Man versteht nicht, warum in ein neues Rathaus oder die Stadtgestaltung investiert wird, „anstatt in Familien, denn Wohnungen für Familien mit kleinem Budget fehlen“, sagt Uta Julius. Oder eben stadtzentrale Wohnungen. Amelia Di Maio ist schwerbehindert, hat Ärzte und Apotheke vor der Haustür. „Zum Mühlenberg zu müssen, wäre tödlich“, sagt ihr Mann. Der zehnjährige Lennard findet die Wohnlage klasse, hat es nicht weit bis zur GSF. „Außerdem sage ich hier allen ‚Guten Tag‘“, sagt er. „Aber nur wenn du gute Laune hast“, frotzelt Domenico Di Maio. Man spürt, dass es in dieser Nachbarschaft stimmt. Di Maio nickt. „Wir sind hier wie eine große Familie.“

Sie überlegen, dem Bürgermeister einen Besuch abzustatten

Jetzt sieht der 64-Jährige im Oktober seiner Arbeitslosigkeit entgegen, noch bevor er in Rente gehen kann. Das Geld wird künftig eher weniger als mehr. Aida Bali leidet unter der Unsicherheit, wie es weiter geht. „Wir möchten nicht so sang- und klanglos hinausgeschmissen werden“, sagt am Ende Uta Julius. Domenico Di Maio gibt sich kämpferisch. Sie wollen jetzt Hilfe bei der Stadt suchen, einfach mal beim Bürgermeister vor der Tür stehen, malt er sich aus und sagt: „Wir machen die Politiker und die Stadt Fröndenberg dafür verantwortlich.“

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