Streitfall Wohnungsnot: „Wenn ich karierte Maiglöckchen suche, finde ich auch nichts“

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Wohnraum sollte mit Hilfe einer Satzung vor seiner Umwandlung in Geschäftslokale oder Büros geschützt werden. Die Verwaltung sieht dafür aber keinen Bedarf: Der Wohnungsmarkt sei gar nicht angespannt.

Fröndenberg

, 16.06.2020, 17:27 Uhr / Lesedauer: 2 min

Fehlt Wohnraum in Fröndenberg? Auf diese Frage gibt es völlig konträre Antworten: Die lange Suche von Mietern des Aldi-Gebäudes und Wartelisten bei Wohnungsunternehmen sollen dafür sprechen. Die Stadtverwaltung hat andere Daten.

»Wir wollen Wegzug verhindern.«
Peter Radzko, FWG-Fraktion

Die FWG-Fraktion hatte den Erlass einer Wohnraumschutzsatzung beantragt. Hintergrund für dieses Ansinnen war laut der Freien Wähler der beabsichtigte Abriss der Wohnungen über dem derzeitigen Aldi-Markt am Bruayplatz.

Aldi hatte angekündigt einen Flachbau zu errichten, also die wegfallenden Wohnungen nicht zu ersetzen. Großstädte schützen ihren knappen Wohnraum häufig ebenfalls durch Satzungen, um die Umwandlung von Wohnungen in gewerbliche Einheiten, also Büros, Praxen oder Ladenlokale, zu verhindern.

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Dieses Gebäude am Bruayplatz soll für den Neubau eines Aldi-Marktes weichen - der künftige Flachbau soll keine Wohnungen haben.

Dieses Gebäude am Bruayplatz soll für den Neubau eines Aldi-Marktes weichen - der künftige Flachbau soll keine Wohnungen haben. © Archiv/Marcus Land

Zur Sache

Keine Zweckentfremdung von Wohnraum

  • Die Wohnraumschutzsatzung soll laut FWG nicht nur zum Bau von Ersatzwohnungen nach Abriss verpflichten, sondern auch die Umnutzung als Geschäftsfläche verhindern.
  • Die Stadtverwaltung hat für den Zeitraum von 2011 bis 2019 die Umnutzungen von Gebäudeflächen überprüft. Demnach sind 52 Objekte von ihrer früheren gewerblichen Nutzung in Wohnraum umgewandelt worden und nur 20 Objekte von Wohnungen in Geschäftsräume.
  • Zweckentfremdung ist kein nennenswertes Problem“, bilanziert die Verwaltung nach diesem Ergebnis.

Die Stadtverwaltung hat den Antrag der FWG mittlerweile auf Herz und Nieren geprüft und kommt zu dem Schluss: An Wohnungen mangelt es in Fröndenberg gar nicht, also gibt es auch nichts zu schützen.

Für das gesamte Stadtgebiet werde aktuell eine Leerstandsquote von 7,2 Prozent ausgewiesen. „Das ist ein starkes Indiz: Wir haben keinen angespannten Wohnungsmarkt“, entgegnete Beigeordneter Heinz-Günter Freck Peter Radzkos Einwand: Die FWG habe seit dem 4. März die großen Internet-Immobilienportale beobachtet und sei auf lediglich ein Mietangebot einer Dachgeschosswohnung gestoßen.

Im Ausschuss für Umwelt und Stadtentwicklung mochte der FWG-Vertreter der Rechnung der Verwaltung nicht recht glauben. Bezahlbarer Wohnraum sei definitiv Mangelware.

Die Wohnungsgenossenschaft Fröndenberg habe eine lange Warteliste von Mietern bestätigt. Immobilienmakler am Ort würden von einer Vielzahl von Wohnungsanfragen sprechen, hätten aber keine Angebote im Bestand.

„Wir wollen Wegzug verhindern“, so Peter Radzko. Man finde halt nicht immer genau dort eine Wohnung, wo man sie haben will, antwortete Freck, der auch alle Außenbezirke einbezog, wo es freie Wohnungen gebe.

»Wir haben keinen angespannten Wohnungsmarkt.«
Heinz-Günter Freck, Beigeordneter

Im Rathaus habe man sich schlicht auf den Wortlaut des FWG-Antrags bezogen und das gesamte Stadtgebiet auf die Wohnungssituation untersucht. Die Freien Wähler sahen sich hierin vollkommen missverstanden: Eine Untersuchung ausschließlich der Innenstadt, die sie im Blick gehabt hätten, würde die Wohnungsnot vor allem für ältere Personen und allein Erziehende bestätigen.

Ausschussvorsitzender Kurt Potthoff (SPD) sprang der Verwaltung bei: Er habe sich persönlich für die Aldi-Mieter stark gemacht. Einige hätten mittlerweile ja auch neue Bleiben gefunden. „Wenn man aber karierte Maiglöckchen sucht, dann findet man nicht, was man sucht“, so Potthoff.

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