Blick durchs Schlüsselloch: Wo die Wirte des Stiftskellers nach dem Zapfen schlafen gehen

dzGastronomie in Fröndenberg

Im Stiftskeller wird seit bald einem Jahr kein Bier mehr gezapft. Neben der Gaststätte wohnt der Wirt traditionell in der zweigeschossigen Wohnung im Stiftsgebäude - wir durften einen Blick in interessante Räume werfen.

Fröndenberg

, 27.05.2020, 19:17 Uhr / Lesedauer: 2 min

Den gut-bürgerlichen Stiftskeller kennen unzählige Fröndenberger von ihrer Einkehr zu Speis und Trank. Vereine, Stammtische und Feierrunden schätzten den urigen Gesellschaftsraum - doch die Wirtewohnung ist auch nicht ohne.

Wirt Charly Riepl hängte Ende Juni 2019 nach vielen Jahren die Schürze an den Haken - er hatte sich als gebürtiger Österreicher mit entsprechend schmackhafter Küche in Fröndenberg einen Namen gemacht.

»Vielleicht müssen wir auch noch einmal die Köpfe zusammenstecken, wenn sich auf lange Sicht niemand meldet.«
Stefan Betzinger, Immobilienmanagement der Stadt

Doch seither sucht das einstmals beliebte Gasthaus einen neuen Pächter. Riepl hatte sein Engagement 2018 ohnehin schon verlängert, parallel suchte die Stadt, Eigentümerin des Stiftsgebäudes, bereits einen Nachfolger - ohne jeden Erfolg.

In diesem Jahr setzte nun der Coronavirus besonders dem Gastgewerbe arg zu - das sei wohl der Grund für die maue Nachfrage in den vergangenen Monaten, vermutet Stefan Betzinger, der im Rathaus für das Immobilienmanagement zuständig ist.

Nicht nur Wirte dürften sich in der Wohnung wohlfühlen

Die Stadt verpachtet Gasthaus, Gesellschaftsraum, auch den Ausschankraum im Erdgeschoss im Gesamtpaket - und auch die Wohnung gehört dazu, die sich im Stiftsgebäude über zwei Etagen erstreckt.

Hier wohnte zuletzt Charly Riepl. Auch wer nicht Wirt sein will, dürfte sich in den großzügigen Räumen mit den Fachwerkbalken nicht unwohl fühlen. „Von 1661“, sagt Stadtarchivar Jochen von Nathusius lakonisch.

Die Sprossenfenster lassen sich zum Teil wie eine Ziehharmonika auseinanderfalten, weil sie eine Doppelverglasung haben - Jochen von Nathusius versuchte es allerdings nicht, weil die Fensterrahmen ertüchtigt werden müssen.

Die Sprossenfenster lassen sich zum Teil wie eine Ziehharmonika auseinanderfalten, weil sie eine Doppelverglasung haben - Jochen von Nathusius versuchte es allerdings nicht, weil die Fensterrahmen ertüchtigt werden müssen. © Borys Sarad

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„Blick zum Niederknien“: Auf der Südostseite kann man tatsächlich einen schönen Blick Richtung Ruhrtal und Menden erhaschen - man muss sich dafür allerdings eher recken als niederzuknien.

„Blick zum Niederknien“: Auf der Südostseite kann man tatsächlich einen schönen Blick Richtung Ruhrtal und Menden erhaschen - man muss sich dafür allerdings eher recken als niederzuknien. © Borys Sarad

Zur Sache

Stadt entgehen jährlich Pachteinnahmen von 15.000 Euro

  • Bei einer Gesamtfläche von 531 Quadratmetern ruft die Stadt als Verpächterin einen Pachtzins von 1255 Euro monatlich auf.
  • Allein die Wohnung, über zwei Etagen, ist 129 Quadratmeter groß.
  • Innerhalb eines Jahres, seitdem Stiftskeller und Wohnung verwaist sind, sind der Stadtkasse damit schon rund 15.000 Euro Einnahmen entgangen.
  • Von einer „moderaten Höhe“ spricht die Stadtverwaltung angesichts des Objekts, das habe ihr auch der Immobilienmakler bestätigt.

Denn Ende der 1970er-Jahre war das historische Gebäude zwar entkernt und grundsaniert worden, dabei ging einiges an Originalsubstanz wie zum Beispiel das zweite, „katholische“, Treppenhaus verloren.

Aber das massive Ständerfachwerk blieb zumindest in der oberen Etage im ursprünglichen Zustand erhalten. Im Gesellschaftsraum zum Beispiel sind die Holzbalken unter der Decke zu erahnen, sie wurden aber ummantelt.

„Ein Blick zum Niederknien“ - am Horizont erscheint Menden

Der Blick vom oberen Fenster auf der Südostseite geht bis weit ins Ruhrtal - „ein Blick zum Niederknien“, so steht es in einem Exposee des Immobilienmaklers. Das ist etwas übertrieben. Man muss sich eher recken, um einen Blick auf den Mendener Horizont zu erhaschen.

Die Sprossenfenster, die denkmalpflegerisch erhalten bleiben bzw. ersetzt werden mussten, sind dagegen ein Blickfang auch von innen. Die Fenster sind übrigens doppelt verglast und lassen sich wie eine Ziehharmonika auseinanderfalten.

Dass die Wohnung gleich über zwei Etagen, verbunden mit einer Treppe, verläuft, war nicht immer so. Nachdem die Stadt 1959 zunächst die südliche (katholische) Hälfte und 1960 auch die nördliche (evangelische) Hälfte - mit der heutigen Wirtewohnung - des Stiftsgebäudes gekauft hatte, vermietete sie einige Räumlichkeiten an verschiedene Familien.

Sehr großzügig: Der Wohnraum der Wohnung im Stiftsgebäude lässt viel Platz für mehr - oder auch weniger - Einrichtung - ganz nach Geschmack.

Sehr großzügig: Der Wohnraum der Wohnung im Stiftsgebäude lässt viel Platz für mehr - oder auch weniger - Einrichtung - ganz nach Geschmack. © Borys Sarad

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Ungewöhnlich: Aus einem dreiecksförmigen Fenster im ersten Obergeschoss blickt man auf den Turm der Stiftskirche.

Ungewöhnlich: Aus einem dreiecksförmigen Fenster im ersten Obergeschoss blickt man auf den Turm der Stiftskirche. © Borys Sarad

In der nördlichen Hälfte, wo sich oben heute der Gesellschaftsraum befindet, war einige Jahre die Stadtbücherei untergebracht. Viele Fröndenberger werden sich noch an deren damaligen Leiter Heinz Bartoll und seine Mitarbeiterin Jantje Kron erinnern.

Das ist alles lange her und erst ein Ratsbeschluss 1974 führte zum Erhalt und zur Sanierung des stadtbildprägenden Hauses. Am 31. Mai 1979 feierte Fröndenberg mit einem Volksfest die Wiedereröffnung des Stiftsgebäudes, in das auch das Heimatmuseum im Dachgeschoss einzog.

Das Fachwerk in der Wohnung des Stiftsgebäudes atmet Stadtgeschichte. Von 1661, dem Jahr der Vollendung des Baus, stammt dieser Balken in der oberen der beiden Etagen.

Das Fachwerk in der Wohnung des Stiftsgebäudes atmet Stadtgeschichte. Von 1661, dem Jahr der Vollendung des Baus, stammt dieser Balken in der oberen der beiden Etagen. © Borys Sarad

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Ritter der Tafelrunde - diese Anmutung macht zumindest das schwere Holzmobiliar im Gesellschaftsraum, der zum Stiftskeller gehört.

Ritter der Tafelrunde - diese Anmutung macht zumindest das schwere Holzmobiliar im Gesellschaftsraum, der zum Stiftskeller gehört. © Borys Sarad

Womöglich stehen wieder Veränderungen in der langen Geschichte des Stiftsgebäudes an. Die Stadtverwaltung hat bereits ein Konzept erstellt, das zum Beispiel eine neue großzügigere Küche im Erdgeschoss, wo heute der Ausschankraum, zeitweilig auch Fraktionszimmer, zu finden ist.

Im Gegenzug müssten dann im Obergeschoss neue Räume für die Ratsfraktionen geschaffen werden. Man werde aber auf die Vorstellungen eines neuen Pächters des Stiftskellers eingehen, sagt Stefan Betzinger, bevor diese Pläne tatsächlich umgesetzt werden.

„Vielleicht müssen wir auch noch einmal die Köpfe zusammenstecken, wenn sich auf lange Sicht niemand meldet“, grübelt Betzinger. Bis dahin liegen der Stiftskeller und die Wirtewohung im Dornröschenschlaf.

Der Bodenin der Küche der Wohnung ist bereits entfernt; die Stadt wird das Stiftsgebäude im Innern nach und nach sanieren.

Der Bodenin der Küche der Wohnung ist bereits entfernt; die Stadt wird das Stiftsgebäude im Innern nach und nach sanieren. © Borys Sarad

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