Gaststätte Schulte: Wilma Meier rettet die letzte Dorfkneipe in der Fröndenberger Schweiz

dzGastronomie in Fröndenberg

Die Gaststätte Schulte ist die letzte echte Dorfkneipe in der Stadt. Mit Schnittchen und Sauerbraten auf Bestellung. Wenn Wilma Meier nicht wäre, würde die Fröndenberger Schweiz ein Wahrzeichen verlieren.

Fröndenberg, Bausenhagen

, 06.07.2020, 18:39 Uhr / Lesedauer: 2 min

Die Dortmunderin Wilma Meier hat sich in Land und Leute verliebt. Vor 45 Jahren folgte sie ihrem Mann Rüdiger nach Fröndenberg. Die altehrwürdige Gaststätte Schulte, wo Rieckenbrauck gegründet wurde, führt sie durch die Corona-Krise.

»Ich möchte nie wieder in die Großstadt.«
Wilma Meier

Bausenhagen, die Fröndenberger Schweiz, hat zwei Kirchen, die Freiwillige Feuerwehr und eben den traditionsreichen Gasthof, den es schon länger als 150 Jahre gibt. Zumindest das Gebäude: Rieckenbrauck, das legendäre Fröndenberger Modefachgeschäft hatte hier als Gaststätte und Manufakturwarenhandlung seinen Ursprung.

„Zuerst war die Kirche da, kurz danach der Gasthof“, erzählt Wilma Schulte und zeigt auf St. Agnes gegenüber. Sie ist erst in Fröndenberg und dann in Bausenhagen heimisch geworden: Ihr Mann gab ihr den Tipp, als für die Gaststätte 2000 eine neue Pächterin gesucht wurde. Gesagt - getan. Nach einigen behördlichen Auflagen konnte sie 2003 endlich eröffnen. Das Dorf dankte es ihr.

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Das Gebäude der Gaststätte Schulte in Bausenhagen diente ursprünglich der Manufakturwarenhandlung Riekenbrauck, die später auch in der Fröndenberger Innenstadt zu finden war.

Das Gebäude der Gaststätte Schulte in Bausenhagen diente ursprünglich der Manufakturwarenhandlung Riekenbrauck, die später auch in der Fröndenberger Innenstadt zu finden war. © Marcus Land

Ein Gebäude mit Geschichte: Die Gaststätte Schulte liegt in Bausenhagen gegenüber der Kirche St. Agnes und ist Vereinslokal des Schützenvereins Kirchspiel Bausenhagen.

Ein Gebäude mit Geschichte: Die Gaststätte Schulte liegt in Bausenhagen gegenüber der Kirche St. Agnes und ist Vereinslokal des Schützenvereins Kirchspiel Bausenhagen. © Marcus Land

„Schulte“ - das ist die Wirtschaft mit Saal aus alter Zeit, die sich in die Moderne gerettet hat. Sogar Wandergruppen aus Unna oder Recklinghausen melden sich an, dann kocht Wilma Meier selbst: Sauerbraten mit Klößen und Rotkohl.

Heute sagt Wilma Meier: „Ich möchte nie wieder in die Großstadt.“

Jetzt will die Wirtin eine Tradition retten: Die Corona-Krise dürfte einer der härtesten Einschnitte in der Historie des Gasthauses sein. Drei lange Monate war die Gaststätte Schulte seit dem 18. März wegen der Pandemie komplett geschlossen. Kürzlich erst, am 19. Juni, wagte sich Wilma Meier wieder, erste Gäste zu empfangen.

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Wilma Meier hat die Sitzgelegenheiten coronakonform angeordnet.

Wilma Meier hat die Sitzgelegenheiten coronakonform angeordnet. © Marcel Drawe

„Mein Mann und ich gehören ja selbst zur Risikogruppe“, sagt die 62-Jährige - das Herz. Die Knobler sitzen nun am Tisch, den Tresen hat sie mit Flatterband für alle sichtbar abgesperrt. Saal und Nebenräume sind noch tabu.

„Ich möchte sie alle im Blick behalten“, sagt Wilma Meier schmunzelnd, „damit sie nicht doch zusammenrutschen - das ist bei ein paar Bierchen schnell passiert.“ Eben das Gesellige einer Kneipe ist nun der Pferdefuß an allen Lockerungen.

Für Schützen, Spielmannszug und Stammtische sei die Zeit „ganz schlimm“, bedauert Wilma Meier. Für Vorschriften und Verbote hat sie aber Verständnis. „Das ist nun mal ein schlimmer Virus.“

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Flatterband am Tresen: sichtbarsten Zeichen dafür, dass hier eine große Krise im Gange ist.

Flatterband am Tresen: sichtbarsten Zeichen dafür, dass hier eine große Krise im Gange ist. © Marcel Drawe

Die Regierung habe schon unheimlich viel getan und geholfen, die Soforthilfe hat die dürren Wochen etwas überbrücken helfen können. Und dennoch seien gerade die Kneipen wieder einmal besonders schwer getroffen.

Als vor Jahren das Rauchverbot kam, hatte sie zunächst einen Abzug angeschafft, weil separate Raucherzimmer noch gestattet waren. Dann kam das Totalverbot. Doch ihre Gäste hielten ihr die Treue - schließlich muss man für ein gepflegtes Bier aus dem Zapfhahn ansonsten einige Kilometer weit wandern.

Ihr Biergarten sei leider zu klein, die Tische kann sie noch nicht freigeben, weil die vorgeschriebenen Mindestabstände nicht einzuhalten sind. „Im Sommer sitzen hier 15 bis 20 Leute in einer langen Reihe“, trauert Wilma Meier den schönen Zeiten hinterher. Dieser Sommer läuft anders.

Wilma Meier an ihrem Arbeitsplatz, dem Zapfhahn, jetzt mit Mundschutz und Desinfektionsmittel.

Wilma Meier an ihrem Arbeitsplatz, dem Zapfhahn, jetzt mit Mundschutz und Desinfektionsmittel. © Marcel Drawe

Im Saal hängen Fotso von den Schützenkönigspaaren von Kirchspiel Bausenhagen bis zurück in die 1950er-Jahre.

Im Saal hängen Fotso von den Schützenkönigspaaren von Kirchspiel Bausenhagen bis zurück in die 1950er-Jahre. © Marcus Land

»Durch Thekenbetrieb existiert eine Wirtschaft.«
Wilma Meier

„Durch Thekenbetrieb existiert eine Wirtschaft“, weiß die Wirtin, die früher bei Bier Schneider in Dortmund arbeitete. Das sei schon immer so gewesen - woran das liege, das wisse sie gar nicht. Doch der ist nicht in Sicht.

Einen Bierwagen vor das Gasthaus zu stellen, sei ein zu großer Aufwand. Das hat sie im vergangenen Jahr nur gemacht, weil die Schützen vom Kirchspiel Bausenhagen 200. Geburtstag feierten.

Damals beim großen Jubiläum zogen alle im Ort mit. „Die Dorfgemeinschaft ist toll“, sagt Wilma Meier fast ein bisschen wehmütig. Hochzeiten, Geburtstage, Konfirmationen - all das werde eben hier noch in der Wirtschaft gefeiert.

Gehörte den Meiers das Anwesen nicht - dann wäre die Gaststätte wohl schon lange dicht, vermutet sie. „Das wäre eine Katastrophe für Bausenhagen.“

Restaurants, Kneipen, Cafés und Eisdielen dürfen wieder öffnen – aber unter strengen Auflagen. Wir nehmen das zum Anlass, uns vor Ort in Fröndenberg ein Bild zu machen, wie der Betrieb in Corona-Zeiten läuft. In loser Folge stellen wir heimischen Lokale vor.
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