Die Entführung des Fabrikantensohnes Richard Oetker erregte 1976 bundesweit Aufsehen. Oetker berichtete jetzt beim Lions-Club Iserlohn-Hemendis in Menden, wie er seine Entführung erlebte.

Fröndenberg, Menden

, 05.04.2019 / Lesedauer: 4 min

Wie geht ein Entführungsopfer, das sogar in akuter Lebensgefahr schwebte, mit einer solchen Erfahrung um? Welche Gefühle bringt es dem Täter entgegen? Und wie angstfrei kann ein solcher Mensch danach leben? Der 1976 entführte Fabrikantensohn Richard Oetker kann diese Fragen beantworten. Auf Einladung des Lions-Clubs Iserlohn-Hemendis, dem auch Fröndenbergerinnen angehören, sprach Oetker jetzt in Menden über seine Entführung. Der Opferschutzverein Weisser Ring und die Gewerkschaft der Polizei unterstützten die Veranstaltung.

Wie Richard Oetker seine Entführung erlebte

Kirsten Schertl (l.) und Gina Friedrichs leiteten den Vortragsabend mit Richard Oetker musikalisch ein. © Dirk Becker

Um die Besucher im ausverkauften Alten Ratssaal in Menden an die Geschehnisse zu erinnern, wird zunächst ein etwa zwölf Minuten langer Film gezeigt. Das Material stammt aus dem Archiv des Landeskriminalamtes Bayern. Die Besucher sehen etwa Ausschnitte aus einer Pressekonferenz und hören das Tonband, auf dem Richard Oetker seine Familie darüber informiert, dass er entführt wurde. Sie sehen die kleine Holzkiste, in der Oetker gefangen gehalten wurde, und den weinroten Opel Commodore, in dem er später aufgefunden wurde. All das wirkt auch heute noch bedrückend. Wie mag sich erst der Mann fühlen, der damals das Opfer war?

„Ich empfinde es als großes Glück, dass ich nie Hass empfunden habe. Hass bindet nur die falschen Energien.“
Richard Oetker

Gesundheitlich hat sich Richard Oetker nie völlig von dieser Entführung erholt. Er ist stark gehbehindert. „Ich habe überlebt, das zählt“, sagt Oetker. Dabei war er 1976 durchaus in großer Lebensgefahr; seine Familie war sogar schon aufgefordert worden, sich von ihm zu verabschieden.

Entführt wird Oetker am 14. Dezember 1976. Damals absolviert er ein Studium der Agrarwissenschaften. Eine Vorlesung an der Universität Weihenstephan in Freising verlässt er gegen 18.45 Uhr vorzeitig - und allein. „Ich kannte die schon aus meinem Brauerei-Studium“, erinnert sich Oetker. Als er den Parkplatz betritt und zu seinem Auto will, fällt ihm ein weißer Lieferwagen auf. „Mir war damals mulmig und ich wollte schon zurück“, sagt Oetker. Doch in diesem Moment steht sein Entführer schon hinter ihm.

Wie Richard Oetker seine Entführung erlebte

Beim Oetker-Prozess in München betrachtete der Angeklagte Dieter Zlof am 3. Dezember 1979 eine Nachbildung der Kiste, in der Richard Oetker gefangengehalten wurde, neben ihm seine Verteidiger Rolf Bossi (l.) und Steffen Ufer (2.v.l.). © picture-alliance/ dpa/dpaweb

Dieter Zlof zwingt Oetker, in eine kleine Kiste zu steigen. Der 1,94 Meter große Mann passt kaum hinein, die Kiste ist nur 1,45 Meter lang, 70 Zentimeter breit und einen Meter hoch. „Ich lag da in Embryonalhaltung“, berichtet Oetker.

Diese Haltung ist es auch, die Oetkers Leben bedroht. Er kann kaum atmen, seine Lunge wird geschädigt. Oetker spürt diese Gefahr, atmet langsam. Mit seinem Entführer spricht er über eine installierte Babyphon-Anlage, verwickelt ihn in möglichst lange Gespräche. „Ich wusste, dass sich Täter und Opfer bei einer Entführung näher kommen, je länger sie dauert“, erklärt Oetker.

In der Kiste im Lieferwagen ist Oetker an Händen und Füßen gefesselt. Er konzentriert sich auf Geräusche, hört einen Hund bellen und das Auto, mit dem sein Entführer zwischendurch wegfährt.

Stromstoß als Lebensrettung

Als Zlof von einer solchen Fahrt zurückkehrt und den Lieferwagen öffnet, wird versehentlich ein Stromstoß ausgelöst. Die Kiste hat der Entführer extra mit einer solchen Anlage ausgestattet, um Fluchtversuche zu verhindern. Weil Oetkers Körper auf den Stromstoß in der engen Kiste nicht mit einer Bewegung reagieren kann, bricht er sich beide Hüften und zwei Brustwirbel. „Es klingt absurd, aber dieser Stromstoß hat mir mein Leben gerettet“, weiß Oetker heute. Denn in der Folge lässt ihn Zlof damals aufstehen, wodurch sich die Lunge wieder entfalten kann.

Ermittlungen gegen das Opfer

Als Polizisten Oetker nach der geglückten Lösegeldübergabe von 21 Millionen D-Mark am 16. Dezember 1976 befreien, muss der Entführte sofort ins Krankenhaus. Dort hat Oetker „täglich Besuch von der Polizei“. Sie befragen ihn, stellen aber angebliche Widersprüche in seinen Aussagen fest. Hintergrund ist ein zu Beginn falsch erstelltes Gedächtnisprotokoll eines Beamten. „Die Polizei hat auch gegen mich ermittelt. Ich könne ja schließlich in die Sache verwickelt sein“, sagt Oetker. Und nicht nur das: Die Beamten raten ihm, niemanden als Täter auszuschließen - auch nicht seine Familie oder enge Freunde. „Das ist belastend“, berichtet das Opfer.

Wie Richard Oetker seine Entführung erlebte

Trotz der lebensbedrohenden Erfahrung ist Richard Oetker ein positiver Mensch geblieben, der auch in Menden immer wieder ein Lachen auf den Lippen hatte. © Dirk Becker

Als Dieter Zlof zwei Jahre nach der Tat verhaftet wird, bekommt der Entführer für Oetker ein Gesicht, einen Namen. In einem Indizienprozess wird Zlof am 9. Juni 1980 zur Höchststrafe von 15 Jahren Haft verurteilt. In der Öffentlichkeit gibt es aber immer wieder Zweifel, ob Zlof wirklich der Täter ist. Er wird als fürsorglicher Familienvater dargestellt, bekommt in der Fernsehsendung „Schreinemakers TV“ eine Bühne.

Falle in London schnappt zu

Umso glücklicher ist Oetker, als es zwei Jahre nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis im Mai 1997 gelingt, seinem Entführer eine Falle zu stellen. Zlof wird in London gefasst, als er das Lösegeld waschen will. Er wird zu weiteren zwei Jahren Haft verurteilt.

„Ich bin ein großer Optimist, auch heute noch. Ich bin sehr nach vorne gerichtet und nicht nach hinten.“
Richard Oetker

Heute engagiert sich Oetker für den Weissen Ring. Er habe nie Angst gehabt, das habe sich bis heute nicht geändert - und das, obwohl Oetker längst weiß, dass Zlof schon vor der Tat mehrfach versucht hatte, ihn zu entführen. Seine Ehefrau und seine Tochter fürchten sich aber vor Entführungen. Oetker kritisiert auch heute noch den Umgang der Medien mit ihm. So sei versucht worden, ihn in eine Talkshow einzuladen, in der sein Entführer als Überraschungsgast auftauchen sollte. Mit seinen Vorträgen will er aufklären und zugleich zu Spenden für den Weissen Ring aufrufen. In Menden kamen so insgesamt 1557 Euro zusammen, die letztlich Kriminalitätsopfern zugutekommen.

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