Norbert Wohlgemuths Rücktritt vom Priesteramt hat bei Katholiken in der Region den Ruf nach Reformen bekräftigt. Tatsächlich steht die Kirche vor einem Umbruch – und eine Unnaerin wirkt mit.

Unna

, 07.08.2019, 14:45 Uhr / Lesedauer: 4 min

Für die katholische Kirche vor Ort war es ein Paukenschlag. Mit seinem Rücktritt vom Priesteramt hat Norbert Wohlgemuth in Fröndenberg und der gesamten Region eine eingeschlafene Reformdebatte neu angestoßen. Die Schärfe brachte freilich erst das Erzbistum selbst ein. Nämlich indem es die Entscheidung des Geistlichen nach dessen fast 30 Dienstjahren mit nicht viel mehr als einem Schulterzucken quittierte. Als arrogant und selbstherrlich werteten viele vor Ort diese (Nicht-)Reaktion aus Paderborn, die letztlich aber nur Ausdruck eines tiefen Risses zwischen den Kirchenoberen und der Basis war. Wasser auf den Mühlen von Wohlgemuth, der unter anderem Klerikalismus, Überheblichkeit und Selbstüberschätzung der katholischen Kirche anprangerte.

Wie eine Gemeindereferentin aus Unna die katholische Kirche reformieren will

Ein Bild von der Amtseinführung Norbert Wohlgemuths (3.v.l.) Anfang 2017 als Pfarrer in Fröndenberg mit (von links) Saju Eric (Hagen), Michael Deimel (Diakon), Heinrich Stangorra (Fröndenberg), Dechant Paul Mandelkow, Pastor Michael Müller (Hemer) und Domkapitular Gisbert Wisse. © Udo Hennes

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Der Fall Wohlgemuth

Dabei wächst unter den reformdurstigen Katholiken in Deutschland gerade die Hoffnung auf grundlegende Erneuerung. Mit dem „Synodalen Weg“ haben Deutsche Bischofskonferenz und Zentralkomitee deutscher Katholiken (ZdK) eine Diskussion angestoßen, die sich mit Grundsatzfragen zu Neuausrichtungen und Veränderungen in der katholischen Kirche auseinandersetzen soll. Bischöfe und Laien sitzen an einem Tisch, um die drängendsten Reformfelder auszuloten und damit den Weg für die weitere Debatte zu ebnen.

Wie eine Gemeindereferentin aus Unna die katholische Kirche reformieren will

Infolge einer Studie zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche hat die Deutsche Bischofskonferenz den „Synodalen Weg“ als Reformprozess gemeinsam mit dem Zentralkomitee deutscher Katholiken auf den Weg gebracht. © dpa

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Auf zwei Jahre ist der „Synodale Weg“ laut Bischofskonferenz angelegt. „Wir wissen heute noch nicht, was am Ende herauskommt“, teilte ein Sprecher des Gremiums auf Anfrage dieser Redaktion mit. Auch, ob etwaige Beschlüsse, Erklärungen beziehungsweise Empfehlungen am Ende dieses Weges in einer verbindlichen Reformagenda münden oder bloß Grundlage für weitere innerkirchliche Debatten und Entscheidungsprozesse sind, ist demnach offen. Derzeit werde ein Statut entwickelt, das diese Fragen aufgreife, so der Sprecher.

Unnaer Gemeindereferentin sitzt mit am Tisch

Zur Person

Das ist Michaela Labudda

Wie eine Gemeindereferentin aus Unna die katholische Kirche reformieren will

Michaela Labudda © Udo Hennes

Michaela Labudda (49), diplomierte Religionspädagogin mit einem Masterabschluss in Theologischer Bildung, arbeitet seit 25 Jahren als Gemeindereferentin, seit 16 Jahren im heutigen Pastoralverbund Unna. Sie ist seit 2012 Vorsitzende des Bundesverbandes der Gemeindereferentinnen und arbeitet mit einer halben Stelle als wissenschaftliche Referentin im Fachbereich Theologie der Katholischen Hochschule in Paderborn. Über sich selbst sagt sie, gerne Dinge auszusprechen, die anderen zwar schon auf der Zunge liegen, „für die sie aber irgendwie noch keine Worte haben“.

„Anders brauchen wir gar nicht anfangen“, hat dagegen Michaela Labudda sehr konkrete Vorstellungen. Die Gemeindereferentin aus Unna sitzt als Vorsitzende des Bundesverbandes ihrer Berufskollegen mit am Tisch; als Mitglied des Forums „Priesterliche Lebensform“. Eines von insgesamt vier Foren, die sich mit den Themen Macht und Gewaltenteilung, Sexualmoral, Rolle der Frau und eben der priesterlichen Lebensform befassen. „Wir wollen am Ende konkrete Ergebnisse zu den strittigen Themen haben; Dinge, die man vor Ort in den Gemeinden spüren kann“, so Labudda. „Ich habe genug Theologie studiert um einschätzen zu können, wie schwer es ist, eine 2000 Jahre alte Theologie zu bewegen – und zwar so, dass sie für heute sprachfähig ist.“ Dennoch habe sie den Eindruck, „dass der Großteil der deutschen Bischöfe inzwischen verstanden hat, dass wir dringend etwas tun müssen. Dass wir mit dem ewigen Reden nicht mehr weiter kommen, sondern Veränderungen brauchen“.

Gleichwohl werde die Diskussion ganz sicher keine einfache. „Das Argument, dass unsere Welt zu schnelllebig geworden ist und wir als Kirche das Gegengewicht sein müssen, ist natürlich ein starkes, das man erstmal so nicht entkräften kann.“ Dabei bewegt genau diese Frage wohl die allermeisten an der Basis; nämlich ob das Weltbild der Kirche überhaupt noch zur Lebenswirklichkeit der Menschen passt.

„Schonmal vorweg zu nehmen, was später kommt; nämlich die totale Vereinigung mit Jesus – das können Sie heute niemandem mehr glaubhaft darstellen. Und das glaubt auch keiner derer mehr, die dieses Zölibat eingehen.“
Gemeindereferentin Michaela Labudda

Zölibat ist ein, aber nicht das alleinige Thema

Aus weltlicher Sicht sinnbildlich für veraltete Moral- und Wertvorstellungen der katholischen Kirche steht das Pflichtzölibat. Die umstrittene Ehelosigkeit und Keuschheit von Priestern hatte auch Wohlgemuth mit seinem Rücktritt als überholt, menschenunwürdig und krankmachend verurteilt. Auf Nachfrage zur grundsätzlichen Haltung der Bischofskonferenz verweist deren Sprecher lediglich auf „die Lehrmeinung der katholischen Kirche, so wie sie im Kirchenrecht und im Katechismus der Katholischen Kirche erläutert ist“. Da heißt es unter Verweis auf mehrere Bibelstellen: „Die freiwillige Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist ein besonderes Zeichen der Nachfolge Jesu, der selbst ehelos lebte, des ungeteilten Dienstes für Jesus Christus und seine ‚Sache‘, Zeichen der vollkommenen Hingabe für Gott und die Menschen, des neuen Lebens und der kommenden Welt, die der Priester in besonderer Weise zu bezeugen hat“. Labudda dazu: „Sich frei von Beziehung und damit frei fürs Himmelreich zu halten, schonmal vorweg zu nehmen, was später kommt; nämlich die totale Vereinigung mit Jesus – das können Sie heute niemandem mehr glaubhaft darstellen. Und das glaubt auch keiner derer mehr, die dieses Zölibat eingehen.“ Man müsse nicht am Pflichtzölibat rütteln, so die Unnaer Gemeindereferentin mit unüberhörbarer Ironie. „Aber dann müssen wir darüber reden was passiert, wenn wir keine Priester mehr haben. Dann müssen wir uns darüber unterhalten, wie wir Sakramente geben, die keine mehr sind.“

Kirche braucht Profis – aber keine Priester im alten Sinne

„Ist es wirklich noch richtig, einen Priester ins Pfarrhaus zu setzen und ihn dort alleine leben zu lassen?“, fragt sie – um auch gleich die Zulassung der Frau zum Priesteramt zu thematisieren. „Warum sich Kirche der Hälfte der Menschheit beschneidet, das verstehe ich nicht.“ Überhaupt ist Michaela Labudda überzeugt, dass man völlig unabhängig von der Lebensform ein guter Seelsorger sein kann. So habe die Berufsgruppe der Gemeindereferenten eine Jahrzehnte lange Berufsgeschichte mit von Bischöfen bestätigter, guter Seelsorge. „Ich bin davon überzeugt, dass Kirche Profis braucht – aber mit einer größeren Vielfalt an Berufen, um die Wirklichkeit der Menschen vor Ort abzubilden“, so die Unnaerin. „Das alte Priesterbild ‚Ich bin der Pfarrer und das sind meine Gemeindeschäfchen‘ hat schon lange ausgedient.“

Wie eine Gemeindereferentin aus Unna die katholische Kirche reformieren will

Michaela Labudda © Udo Hennes

„Moralisch heiße Eisen“: Schwierige Suche nach Kompromissen

Es sind Ansichten wie diese, mit denen Michaela Labudda sich auf den „Synodalen Weg“ begeben will. Die ersten Treffen der Foren haben bereits stattgefunden, sie dienen der Vorbereitung einer gemeinsamen Konferenz von Bischofskonferenz und Zentralkomitee der deutschen Katholiken Mitte September. Der offizielle Auftakt des „Synodalen Wegs“ soll am Ersten Advent erfolgen; Ausgang offen. Sie selbst sei optimistisch, aber auch verhalten. „Ich habe 25 Jahre Erfahrung mit der katholischen Kirche und weiß, wie schwierig es ist, zu Kompromissen zu kommen, wenn es um moralisch heiße Eisen geht.“ Aber schon in der Vorbereitungsphase habe man an kleinen Stellschrauben gemerkt, dass es den Bischöfen ernst ist. „Und wenn sich das bestätigt, dann wird es tatsächlich ein Miteinander sein; und kein Gegenüber.“ Die Zeit wird es zeigen...

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