Der ehemalige Fröndenberger Pfarrer Norbert Wohlgemuth ist mittlerweile ins Sauerland gezogen und ist viel unterwegs. © Udo Hennes
Kirchenaustritt

Wie ein Ex-Priester das Zölibat überwindet und Familie findet

Vor rund zwei Jahren ließ der Fröndenberger Pfarrer Norbert Wohlgemuth sein Priesteramt hinter sich und trat aus der Katholischen Kirche aus. Aus Protest gegen deren mangelnde Reformbereitschaft.

Mit einem Paukenschlag beendete der damalige Fröndenberger Pfarrer Norbert Wohlgemuth im Jahr 2019 seine Laufbahn bei der Katholischen Kirche. Er wollte die Aufmerksamkeit. Denn sein Kirchenaustritt war auch Protest. Gegen die Leibesfeindlichkeit der obersten Katholiken, den Umgang mit Frauen, Homosexuellen, Geschiedenen, das Zölibat. Außerdem wollte der Geistliche nicht mehr länger in Sippenhaft genommen werden – für die Missbrauchsskandale an Kindern. Hatte er diese doch in 30 Jahren Jugendarbeit immer „wie Heilige“ behandelt. Jetzt ist Norbert Wohlgemuth wieder glücklich. Weil er verkrustete Strukturen hinter sich ließ – und auf sehr moderne Art und Weise eine Familie gefunden hat.

„Ich sitze gerade im Auto, bin auf dem Weg nach Schweden“, berichtete uns der Ex-Priester am Freitag. Ganz allein begibt sich Norbert Wohlgemuth gerne auf Reisen. Diesmal besucht er eine Bekannte, um die Sommersonnenwende in Stockholm zu verbringen. „Ich genieße das Reisen und das Alleinsein, habe das Gefühl, dass ich noch eine ganze Menge nachholen muss.“

Michael Deimel © Udo Hennes © Udo Hennes

Doch diese neu gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit, die der ehemalige Fröndenberger Pfarrer jetzt in vollen Zügen genießt, sind nur eine Hälfte des neuen Lebens. Denn in Marsberg im Sauerland hat er eine Familie gefunden – sozusagen. „Ich lebe nicht in einer Partnerschaft, aber ich lebe auch nicht allein.“ Ganz im Gegenteil: Norbert Wohlgemuth lebt mit Freunden gemeinsam in einem Haus. Mit einer großen Familie. „Da werden Babys geboren“, sagt er begeistert. Dass er das noch erleben dürfe – „eine große Gnade, ich bin sehr dankbar.“

Eingebunden ins Familienleben

In Marsberg, wo Norbert Wohlgemuth 18 Jahre Pfarrer war, kennt er alle Nachbarn. Und er kannte auch die Familie schon, bei der er jetzt wohnt, von der er in den Alltag eingebunden wird. Im Haus war eine Wohnung frei, es gab einen Todesfall. Norbert Wohlgemuth selbst hatte den Mann beerdigt, mit dessen Frau er nun zusammenlebt. Nicht in einer Beziehung, sondern Tür an Tür. „Es ist eine WG.“

Aber eben diese Gemeinschaft, das Unter-Freunden-Sein, abends gemeinsam zu kochen, eine Flasche Wein zu trinken, Kinder aufwachsen zu sehen – all das hätte er im Dienst der Katholischen Kirche wohl niemals so intensiv erleben dürfen. Der ehemalige Priester glaubt nicht mehr an Reformen in absehbarer Zeit. „Dazu fehlen die Leute.“ Mit Papst Johannes Paul II. habe die Katholische Kirche keinen guten Weg eingeschlagen. Der frühere Papst habe zu viele Bischöfe um sich gescharrt, die „zu fromm“ waren, an die Unfehlbarkeit des Papstes glaubten.

Aus Kritik an der Katholische und wegen der mangelnden Reformbarkeit trat Norbert Wohlgemuth aus der Kirche aus. © Tobias Schürmann © Tobias Schürmann

Vor seinem Austritt und Rücktritt hatte sich Norbert Wohlgemuth regelrecht geschämt. Für die Missbrauchsskandale, die ab 2010 ans Licht kamen. Parallel begannen Einsamkeit und Arbeitsbelastung an ihm zu nagen. „Da muss ich ganz ehrlich sein, ich habe ein hohes Maß an Einsamkeit empfunden, das hat mir nicht gutgetan.“ Sicherlich könnten andere vielleicht besser mit dem Einsamsein leben. Norbert Wohlgemuth verweist aber auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Bei fehlendem sozialen Kontakt verkümmerten ganze Areale im Hirn. Der Mensch brauche die Nähe anderer. „Das Zölibat macht krank.“

Jungen Priestern werde immer vorgehalten, dass die Gemeinde das neue Sozialgefüge sei. Aber in der heutigen Zeit würden Priester häufig versetzt. „So kann man keine intensiven Beziehungen aufbauen und pflegen.“

Nicht mehr einsam und deshalb auch gesünder

„Ich bin jetzt viel seltener krank“, freut sich Wohlgemuth. Mit weniger Wehwehchen stürzt er sich Hals über Kopf in sein neues Leben – genießt die Zeit allein und das Reisen, genauso wie die wertvollen Stunden mit seiner neuen Familie.

Über die Autorin
Redaktion Fröndenberg
Jahrgang 1988, aufgewachsen in Dortmund-Sölde an der Grenze zum Kreis Unna. Hat schon in der Grundschule am liebsten geschrieben, später in Heidelberg und Bochum studiert. Ist gerne beim Sport und in der Natur.
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Dagmar Hornung

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