Das dunkelste Kapitel Eritreas hat Dr. Wolf-Gerhard Kramme hautnah erlebt. Mit seiner Hilfe brachte der Fröndenberger Arzt Licht in das vom 30-jährigen Unabhängigkeitskrieg gezeichnete Land.

Fröndenberg

, 19.10.2018, 16:23 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wolf-Gerhard Kramme sitzt am Esszimmertisch in seinem Haus am Neuenkamp, ganz weit draußen an der östlichen Fröndenberger Stadtgrenze. Es sind wenige Tage vor einer großen Ehrung: Der Unfallchirurg soll den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland erhalten. Es ist die höchste Auszeichnung, die das Land für Verdienste um das Gemeinwohl zu vergeben hat. Krammes großer Einsatz, die unzähligen Operationen in dem ostafrikanischen Land, oft in der Nacht, in einem vor Luftangriffen getarnten Krankenhaus im Gebirge, seine bis heute fortwährende humanitäre Hilfe - das alles wird bei der Ordensverleihung zur Sprache kommen. Doch auf den Orden kommt Wolf-Gerhard Kramme selbst nur einmal kurz zu sprechen. Man merkt ihm an, dass ihn das Schicksal der Eritreer berührt, denen er nun mehr als 30 Jahre so nahestand.

Notruf: Der Spezialist für Schussverletzungen soll in Eritrea operieren

Der 69-Jährige versetzt sich zurück in das Jahr 1985, als er einen Notruf eines Kollegen aus Recklinghausen erhielt: Danjo Mengesha, selbst eritreischer Abstammung, bat den Spezialisten für Schussverletzungen um unfallchirurgische Hilfe in seinem Heimatland. Angesichts der dramatischen Zustände dort, zögerte Kramme nicht lange und begann, damals noch von der Bergmannsheilklinik in Bochum aus, elementarstes Gerät wie medizinsiche Instrumente, Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel, das in Eritrea Mangelware war und ist, zu sammeln. Sogar Bob Geldof, den berühmten Initiator der Live-Aid-Benefizkonzerte, gewann Kramme für sein Projekt: Den Sänger überzeugte er, damals 100.000 D-Mark für den Kauf von sogenannten Fixateuren zu geben. Die Metallstangen, die wie eine Art Schiene gebrochene Knochen ruhigstellen, gab es im Überfluss in deutschen Krankenhäusern - „und lagen unbenutzt herum“, sagt Kramme.

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1987 war es dann so weit, der Unfallchirurg aus Deutschland betrat nach Umwegen über den Sudan erstmals eritreischen Boden. Die Hilfsgüter mussten nun noch in ein Krankenhaus in ein schwer zugängliches Gebirgstal gebracht werden. „Hinter der Grenze ging die Fahrt auf der Ladefläche eines LKW in stockfinsterer Nacht weiter“, erinnert sich der frühere Chefarzt des Werler Krankenhauses, der die Reise auf Weizensäcken liegend überstand. Die Transporte mussten nachts erfolgen, weil damals die mit Äthiopien verbündete Sowjetunion alle Fahrzeuge in der von der eritreischen Befreiungsfront befreiten Gebieten bombardierte.

Der Chefarzt aus Deutschland fährt nachts auf der Lkw-Ladefläche mit

„Das war wirklich abenteuerlich“, erzählt Wolf-Gerhard Kramme im Rückblick. Doch so groß die Gefahren für das eigenen Leben auch waren, die nicht abschätzbaren Risiken in einem Kriegsgebiet und die verheerenden Zustände in dem Land - für den gebürtigen Hamburger und Wahl-Fröndenberger kam es nie in Frage, seine Hilfe für das Land einzustellen.

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1991 gewann Eritrea seinen blutigen Kampf um Unabhängigkeit von seinen Unterdrückern aus Äthiopien. „Die Jahre darauf waren wunderschön, die Menschen blühten förmlich auf“, spricht Kramme bewundernd von der Kreativität und dem Elan der Menschen, alles zum Besseren zu wenden. Doch auf Militärmachthaber Colonel Mengistu folgten von 1997 bis 2001 wieder Kriege, weil Äthiopien das Land erneut besetzen wollte. „Die Kämpfe forderten auf beiden Seiten rund 50.000 Tote - für nichts“, erzürnt sich Kramme, der für Eritrea auf einen dauernden Friedensprozess gehofft hatte.

Dem erfahrenen Mediziner steigen Tränen in die Augen

Kramme hält inne, dem erfahrenen Mediziner steigen Tränen in die Augen. Er ist gerührt, als er vom zweiten Hilferuf aus Eritrea, zu Beginn der neuen blutigen Schlachten, berichtet. Und Dr. Kramme war wieder zur Stelle. Erneut bat man um die so wichtigen Fixateure und Verbandsmaterial - täglich mussten damals 40 Schwerverwundete operiert werden. Kramme organisierte! Viele Amputation habe man verhindern können dank des Materials aus Deutschland. Als er vom unendlich großen Respekt und Dank berichtet, gesteht er ein: „Im Laufe der Jahre habe ich viele Menschen in Eritrea ins Herz geschlossen!“ Die Zeit in dem geschundenen Land hat ihn nachhaltig geprägt. Auch wenn er „nach drei Wochen Aufenthalt dort froh war, wieder nach Hause zurückzukehren“. Schließlich lernte er ein Land kennen, das nach Besetzung durch fremde Mächte, jahrzehntelangen Krieg und Entbehrungen heute immer noch unter Korruption und Misswirtschaft leidet, während das Volk in großer Armut lebt. Neun von zehn Familien leben in nur einem Raum. Wolf-Gerhard Kramme bekennt: „Das Leben bei uns ist viel einfacher, das lernt man wieder zu schätzen.“

Den Verdienstorden habe er zunächst gar nicht annehmen wollen. Nun tue er dies - stellvertretend für die vielen Unterstützer seiner Hilfsprojekte.

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