Er kämpfte im Widerstand gegen Hitler: Auf den gebürtigen Fröndenberger Wilhelm zur Nieden ist Willi Schnieder aufmerksam geworden - als Seniorenstudent an der Ruhr-Universität Bochum. Was er erfuhr, bestürzte ihn.

Fröndenberg

, 14.07.2019, 21:54 Uhr / Lesedauer: 3 min

Das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 jährt sich in diesem Jahr zum 75. Mal. Lebende Zeitzeugen gibt es kaum noch. Der Heimathistoriker Willi Schnieder holt dafür einen Mitwisser des „20. Juli“ ins Bewusstsein, der in Fröndenberg fast nicht bekannt ist. Dabei ist er ein Sohn der Stadt: Wilhelm zur Nieden.

Heimatgeschichte hat Willi Schnieder immer schon interessiert

Willi Schnieder ist in Fröndenberg vor allem als einer der Stadtführer bekannt, die in historischer Kluft Besucher in die geschichtsträchtigen Winkel von Stift und Stadt geleiten. Für die Heimatgeschichte hat sich der gebürtige Fröndenberger schon immer interessiert, aber eben auch für die neuere deutsche Geschichte.

Im Widerstand gegen Hitler: Seniorenstudent erinnert an den Fröndenberger Wilhelm zur Nieden

Willi Schnieder ist Gasthörer an der Fakultät für Geschichtswissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Das Vorstandsmitglied des Heimatvereins Fröndenberg hat sich eingehend mit dem gebürtigen Fröndenberger Wilhelm zur Nieden befasst, der als Mitwisser des 20. Juli 1944 ermordet wurde. © Marcus Land

Als er die Rente durch hatte, war es dann soweit: 2015 schrieb sich Schnieder als Gasthörer an der Ruhr-Universität Bochum ein. Als Seniorenstudent der Fakultät für Geschichtswissenschaft kann er sein universitäres Leben noch viel freier gestalten, als man es von den regulären Studenten ohnehin annimmt.

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Er besucht nur Vorlesungen und Seminare, die ihn interessieren. Dafür bezahlt er 100 Euro pro Semester, hat keinen Prüfungsdruck, lernt aber im Alter unheimlich viel dazu. „Der geht ja nur wegen der jungen Mädchen dahin“, hätten sie dagegen in seinem Bekanntenkreis erst gefrotzelt.

„Der geht ja nur wegen der jungen Mädchen dahin.“
Kommentar zu Willi Schnieders Seniorenstudium

Nein, nein, sagt Willi Schnieder, aber ins Café setzen und sich das Treiben auf dem Campus angucken, das macht er schon mit Vergnügen.

Während die Professoren ihn völlig gleichwertig als „Kommilitonen“ in die Diskussionen einbeziehen, fassen sich seine jungen Mitstudenten manchmal ein Herz und sprechen ihn an. Dann wird erst mal gesiezt, aus Respekt vor dem Alter. „Sie beneiden mich, weil ich das alles für mich tue und niemandem Rechenschaft ablegen muss“, erfährt der Seniorenstudent in den Gesprächen an der Uni.

Im Widerstand gegen Hitler: Seniorenstudent erinnert an den Fröndenberger Wilhelm zur Nieden

Willi Schnieder, Vorstandsmitglied des Heimatvereins Fröndenberg und als Stadtführer bekannt, hat sich eingehend mit dem gebürtigen Fröndenberger Wilhelm zur Nieden befasst, der als Mitwisser des 20. Juli 1944, des Attentats auf Hitler, ermordet wurde. In der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin hat Schnieder recherchiert. © Marcus Land

Einen zwölfseitigen Aufsatz zum Beispiel hat er auch freiwillig, nur für sich, verfasst. „War das Scheitern der Weimarer Republik alternativlos?“ lautete davor der Titel eines Seminars, das er belegte. „Erst dachte ich, wie will man damit das Semester füllen“, erzählt der 68-Jährige und grinst verschmitzt. Heute ist er schlauer, denn: „Das ist ein ganz weites Feld!“

Hitler-Attentat führte ihn zu dem Fröndenberger Wilhelm zur Nieden

Das Scheitern der Weimarer Republik - da ist die NS-Diktatur nicht weit und der deutsche Widerstand mit dem Attentat vom 20. Juli 1944. Mit diesem dunklen Kapitel hat sich Willi Schnieder, der gelernte Finanzbuchhalter, besonders eingehend befasst.

Von Wilhelm zur Nieden, der engen Kontakt zu den Verschwörern des Kreisauer Kreises hatte, hat Willi Schnieder dabei erstmals durch sein Hobby erfahren und vor allem dies: Zur Nieden entstammt einer alt eingesessenen Pfarrersfamilie mit elf Kindern aus Fröndenberg.

„Für mich sind alle, die im Widerstand waren, mutige Leute.“
Willi Schnieder

Wilhelm zur Nieden, geboren 1878 als Sohn des evangelischen Pastors Karl zur Nieden, wird 1927 Generaldirektor der Städtischen Werke in Leipzig. Dort wird er bekannt mit Carl Friedrich Goerdeler, der 1930 Oberbürgermeister der Stadt wird und später herausragende Gestalt des Widerstandes gegen Hitler.

Zur Nieden ist im Falle des Gelingens des Attentats vom 20. Juli als neuer Verkehrsminister vorgesehen. „Ein großes Problem des Kreisauer Kreises war das Denunziantentum“, weiß Willi Schneider. Die konspirativen Treffen sind daher lebensgefährlich, sobald die Gestapo davon erfährt.

Gestapo kann Wilhem zur Nieden nichts nachweisen

Umso größeren Respekt nötigt Schnieder die Bereitschaft von Wilhelm zur Nieden ab, die NS-Dikatur stürzen zu helfen. Er sagt aber auch: „Für mich sind alle, die im Widerstand waren, mutige Leute.“

Das Ende von Wilhelm zur Nieden hat Willi Schnieder sehr bestürzt. Nachdem das Attentat auf Hitler gescheitert war, floh zur Nieden nach Mecklenburg. Die Gestapo fasste ihn.

Im Widerstand gegen Hitler: Seniorenstudent erinnert an den Fröndenberger Wilhelm zur Nieden

Im Heimatmuseum hielt Willi Schnieder kürzlich einen Vortrag zum 20. Juli 1944 und insbesondere über den Fröndenberger Widerstandskämpfer Wilhelm zur Nieden. © Udo Hennes

Die vielen gefundenen Namenslisten, die die Widerstandskreise mit künftigen Funktionsträgern für die Zeit nach Hitler angefertigt hatten, werden ihm womöglich zum Verhängnis. Vielleicht hat auch ein Mitverschwörer unter Folter seinen Namen genannt.

Eine aktive Unterstützung des Attentats kann ihm die Gestapo dennoch nicht nachweisen. Trotzdem verurteilt ihn der Volksgerichtshof zum Tode.

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In der Nacht vom 22. auf den 23. April 1945, kurz vor Kriegsende, wird Wilhelm zur Nieden mit anderen Häftlingen von einem Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamtes auf einem Fabrikgelände in Berlin ermordet. Am 5. Mai 1945 ist er auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof verscharrt worden. Das Grab Wilhelm zur Niedens hat Willi Schnieder besucht. Und über den unbekannten Widerstandskämpfer aus Fröndenberg hat er kürzlich im Heimatmuseum einen Vortrag gehalten.

Im Widerstand gegen Hitler: Seniorenstudent erinnert an den Fröndenberger Wilhelm zur Nieden

Das Grab Wilhelm zur Niedens und weiterer Mitverschwörer des 20. Juli 1944 hat Willi Schnieder auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin besucht. © privat

Etwas treibt Willi Schnieder in diesen Tagen, wo der Attentäter und Verschwörer des 20. Juli 1944 wieder gedacht wird, besonders stark um. „Die schwierigste Frage, die ich mir seit Jahren stelle und die ich bis heute nicht klar beantworten konnte: Wie hättest du dich damals verhalten?“

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