Westfalens zweitältestes Gasthaus „Zum Markgrafen“ besteht seit 325 Jahren

dzPächterwechsel

Das zweitälteste Gasthaus in Westfalen besteht seit 325 Jahren. „Zum Markgrafen“ ist in Fröndenberg eine Marke. Die Geschichte des Gebäudes ist bewegt – und hat auch dunkle Kapitel.

Fröndenberg

, 21.11.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Es gibt nicht wenige Fröndenberger, die den Markgrafen als ihr zweites Zuhause betrachten. Die urige Wirtsstube am Markt empfinden Menschen wie Berthold Degenhardt wie ein heimeliges Wohnzimmer. „Ich bin fast 70 Jahre Gast hier“, sagt der Ur-Fröndenberger. Die enge Bindung, das ist kaum übertrieben, hat Degenhardt förmlich mit der Muttermilch aufgesogen. Denn das Degenhardtsche Elternhaus stand praktisch vis-à-vis, in der Karl-Wildschütz-Straße. Quer über den Marktplatz hat er schon als Junge so manchen nützlichen Gang gemacht. „Ich habe für meinen Vater Krüge mit Feierabendbier nach Hause getragen“, erinnert sich Degenhardt und fügt einen Satz an, der das wohlige Zugetansein eines Poahlbürgers zu seiner Wirtschaft beweist: „Seitdem habe ich dieses Haus nicht mehr verlassen.“

Das scheidende Wirtsehepaar sagt: „Wir gehen hier nicht weg“

Seit 325 Jahren gibt es nun einen Ausschank in dem imposanten Gebäude, vor dem Auswärtige meist staunend stehen bleiben, um den mächtigen Fachwerkbau von links nach rechts und von oben nach unten zu mustern. In den zurückliegenden acht Jahren drehten Antoula und Christos Ntontis den Zapfhahn auf und servierten die gutbürgerlichen Speisen. Im Jahr des in Westfalen fast einzigartigen Jubiläums setzt sich das griechische Wirtsehepaar zur Ruhe und gibt den Stab weiter an Sokratis Stivachtis und seine Frau Isabel Batista Mendoza. Nein, aufhören so ohne Weiteres, das gehe nicht, sagt Antoula Ntontis. „Wir gehen hier nicht weg.“ Man unterstützt weiter die Nachfolger, schließlich hatte Christos schon viele Jahre zuvor als Kellner den Markgrafen und seine vielen Stammgäste kennen und schätzen gelernt.

Pächtern der Höfe musste eine „gebührende Mahlzeit“ gereicht werden

Wenn Steine erzählen könnten – aus den Mauern des Markgrafen müssten die Geschichten nur so hervorsprudeln. Stadtarchivar Jochen von Nathusius hat bereits vor Jahren anlässlich des Markgrafenfestes zu der bewegten Historie des Gebäudes viele Fakten zusammengetragen. So gab es bereits zu Zeiten des Fröndenberger Stifts einen Vorgängerbau an derselben Stelle, den der Historiker Dietrich von Steinen als Uhlenbrock bezeichnet, der unweit der drei Tore, die den Zugang zum Stiftsbezirk markierten, stand. Schon Anfang des 18. Jahrhunderts diente das Haus als Gasthof, Übernachtungs- und Ausspannstation für weit gereiste Gäste, „die ihre weiblichen Familienangehörigen im Adelsstift besuchten“, wie Jochen von Nathusius recherchierte.

Westfalens zweitältestes Gasthaus „Zum Markgrafen“ besteht seit 325 Jahren

Auf dieser Ansicht aus dem Jahr 1905 hat das Gasthaus „Zum Markgrafen“ noch nicht seine markanten Dachgauben. © Stadtarchiv Fröndenberg

Und der Heimatforscher Franz Lueg fand heraus, dass der Pächter des Uhlenbrock-Kottens dem Stift zwar keinen Pachtzins zu entrichten hatte, aber sämtlichen abgabepflichtigen sonstigen Pächtern der umliegenden Höfe „alljährlich eine gebührende Mahlzeit zu reichen“ hatte, wenn sie ihre Abgaben im Kornhaus entrichteten. Das heutige Gebäude des Markgrafen ist an derselben Stelle des alten Vorgängerbaus zwischen 1820 und 1828 aus dessen Abbruchmaterial erbaut worden.

25 volle Flaschen Cognac stehen in einer Bilanz des Jahres 1931

Vermutlich im Jahr 1908 verkauften die damaligen Erben das Anwesen an die Firma Union, die das Gasthaus samt Fremdenzimmern, Sälen und später angebauter Kegelbahn bis Anfang der 1980er-Jahre verpachtete. Wohl für steuerliche Zwecke wurde im Jahr 1931 der Ertrag des Markgrafen auf 5200 Mark geschätzt, das Betriebskapital mit 3200 Euro angesetzt, „mit eingerechnet 20 Cognacgläser und immerhin 25 volle Flaschen des edlen Getränks sowie Vorräte an Zigarren und Zigaretten“, wie Stadtarchivar von Nathusius in alten Akten entziffern konnte.

Zwangsarbeiter und Flüchtlinge fanden hier ebenfalls ein Quartier

Im Markgrafen spielte aber beileibe nicht stets nur der Ausschank eine wichtige Rolle, in ihm spiegeln sich auch historische Ereignisse wider. So waren hier während des Zweiten Weltkriegs polnische und kroatische Zivil- und Zwangsarbeiter untergebracht und nach dem Krieg diente das Gasthaus als Quartier für die Flüchtlinge und Vertriebenen aus dem Osten. Für den Zeitraum von April bis Juli 1948 sind in drei Doppel- und einem Einzelzimmer 320 und von Oktober 1948 bis Januar 1949 sogar stolze 421 Übernachtungen dokumentiert. Ein jüngeres Kapitel dürfte vielen Fröndenberg noch gut in Erinnerung sein: Im Zuge der Stadtkernsanierung sollte der Gasthof, zusehends baufälliger geworden, Anfang der 1980er-Jahre abgerissen werden. „Wir haben damals mit einem Regenschirm am Tresen gestanden“, erinnert sich ein lachender Berthold Degenhardt an diese Zeit.

Lange Tradition

Erste Schankerlaubnis datiert von 1693

Die erste Schankkonzession wurde dem Gasthof 1693 von der damaligen Äbtissin Christine Agnes von der Heyden erteilt. Als ältestes Gasthaus Westfalens gilt das Brauhaus Zwiebel ijn Soest. Bis etwa 1880 wurde das Anwesen von der Familie Uhlenbrock, danach von der Familie Lücke und seit spätestens 1908 von der Familie Degener bewirtschaftet. Die Schankkonzession ging nach dem Tod Hugo Degeners zunächst an seine Witwe Maria und 1931 an deren zweiten Ehemann Franz Anton Schulte über. Pächter Schulte verstarb Mitte der 1950er-Jahre und nach dem Tod seiner Frau im Februar 1958 wurde der betrieb umgeschrieben auf Hugo Degener junior. Hugo und Mathilde Degener bewirtschafteten die Gaststätte bis 1982, danach noch einige Jahre ihre Tochter Mechthild. Seither wechselten die Pächter häufiger.

Am Ende musste nur der Saalanbau im Hof weichen, im Mai 1986 stellte die Stadt den Markgrafen dann sogar unter Denkmalschutz. Jetzt ist es an den neuen Pächtern, die Geschichte fortzuführen. „Wir haben uns hier sehr schnell wohlgefühlt und es ist schon eine enge Bindung zu den Gästen entstanden“, sagt Sohn Ioannis Stivachtis, der im Markgrafen kellnert. Sehr wahrscheinlich, dass es die neue Wirtefamilie ähnlich hält, wie Berthold Degenhardt es aus der Vergangenheit erinnert: „Wenn es im Hause zu eng wurde, stellte man kurzerhand Stühle auf den Marktplatz und feierte dort weiter.“

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