Alle Kinder im Verlauf der Grundschulzeit zu Schwimmern zu machen, ist ein ambitioniertes Ziel. Kitas im Kreis sollen jetzt bereits die Weichen für ein effektives Schulschwimmen stellen.

Fröndenberg

, 27.11.2018, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mehr als die Hälfte der Kinder in Deutschland können laut Kreissportbund nicht richtig schwimmen. Das führe dazu, dass immer mehr Kinder ertrinken. Dieser „dramatischen Entwicklung“ möchte der Kreissportbund zusammen mit dem Schwimmverband NRW entgegenwirken. Unter dem Motto „Unsere Kita ist dabei! Wassergewöhnung und Wasserbewältigung“ sollen Kindertageseinrichtungen im Kreis bei Angeboten für Kinder unterstützt werden.

Zu einer mehrstündigen Informationsveranstaltung waren am Montag Erzieher und Erzieherinnen, Kita-Leitungen sowie Trägervertreter und -vertreterinnen eingeladen, die beabsichtigen, Kindern in ihren Einrichtungen erste Erfahrungen mit Wasser zu ermöglichen. Zu klären waren Möglichkeiten, wie Kindertageseinrichtungen die „Wassergewöhnung“ und „Wasserbewältigung“ von Kindern mit eigenem Programm unterstützen können. Dabei spielten Themen wie Kooperationsmöglichkeiten, Versicherungsschutz und Aufsichtspflicht, Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten eine Rolle.

Jeder Zweite ist unsicher

Genau genommen 59 Prozent der Grundschüler können nicht schwimmen, nannte Niklas Scholz, beim Schwimmverband NRW zuständig für Integration durch Sport und Inklusion, Ergebnisse einer aktuellen Umfrage des Instituts Forsa. Zudem halte sich jeder zweite Erwachsene für einen schlechten Schwimmer. Und etwa 25 Prozent der Grundschüler hätten gar keinen Zugang zu einem Schwimmbad. Von 2012 bis 2016 hat sich die Zahl der ertrunkenen Kinder in Deutschland von 383 auf 537 gesteigert. Die Zahl für dieses Jahr werde noch höher ausfallen, so Scholz am Montag im Bürgerzentrum in Fröndenberg. Und dabei seien die Badeunfälle, bei denen Kinder fast ertrunken seien, mit möglichen gravierenden Folgeschäden für die Gesundheit, noch gar nicht erfasst.

Gestiegen sei die Zahl auch, weil in den vergangenen Jahren die Zuwanderung stark zugenommen habe. So hätten viele Menschen aus anderen Kulturkreisen die Gewässer und deren Gefahren hier in Deutschland nicht richtig eingeschätzt.

„Jedes Kind soll am Ende der Grundschulzeit schwimmen können“, heißt es im NRW-Lehrplan. Das hat sich die neue Landesregierung auf die Fahne geschrieben. Warum das bisher nicht der Fall ist, hat vielfältige Gründe: Eltern, Lehrer, Bädermangel oder Verfehlungen der Politik. Einem Problem soll im Kreis Unna nun entgegengewirkt werden: das unterschiedliche Startniveau. Wenn in der Grundschule nur ein Jahr Schwimmunterricht angeboten werden kann, ist es ein Problem, wenn ein Drittel der Kinder bereits schwimmen kann, ein Drittel rudimentäre Schwimmfähigkeiten besitzt und ein Drittel der Kinder solche Angst vor Wasser hat, dass Duschen zur Herausforderung wird.

Wassergewöhnung in den Kindertageseinrichtungen soll Ängste abbauen

Niklas Scholz vom Schwimmverband NRW hat im Fröndenberger Bürgerzentrum auf dem Mühlenberg Mitarbeiter von Kindertageseinrichtungen informiert. © UDO HENNES

Falsche Einschätzung

Deshalb sollten die Phasen „Wassergewöhnung“ und „Wassererbewältigung“ Einzug in den Alltag der Kindertagesstätten halten, auch ohne dass diese aktuell per Gesetz dazu verpflichtet sind, mit den Kindern am und im Wasser zu arbeiten. Am Rande räumte Niklas Scholz auch mit weitverbreiteten Vorurteilen auf: „Ein Seepferdchen zu haben bedeutet nicht, dass ein Kind gleichzeitig sicher schwimmen kann“. Ein Seepferdchen sei ein sinnvolles Motivationsabzeichen, bedeute aber lediglich, dass sich ein Kind unabhängig vom Schwimmstil 25 Meter über Wasser halten kann. „Schwimmfähigkeit ist nach aktuellem Stand mit Erreichen des Bronze-Abzeichens gegeben“, erklärte er. Das setzt voraus: Sprung vom Beckenrand und mindestens 200 Meter Schwimmen in höchstens 15 Minuten, einmal etwa zwei Meter Tieftauchen von der Wasseroberfläche mit Heraufholen eines Gegenstandes, Sprung aus einem Meter Höhe oder Startsprung sowie Kenntnis von Baderegeln.

Viele Bedeunfälle passierten, weil Eltern glaubten, dass sie ihr Kind nach Absolvieren des Seepferdchens unbeaufsichtigt schwimmen lassen können, so Scholz.

Wassergewöhnung und Wasserbewältigung

Wassergewöhnung bedeutet vornehmlich, die Kinder an das unbekannte, in manchen Fällen auch beängstigende Element zu gewöhnen. Ab drei Jahren könnten Kinder damit beginnen, optimal ist ein Alter von vier bis fünf, erklärt Niklas Scholz. Er selbst hat schon Kinder betreut, die von ihren Eltern mit Schwimmbrille unter die Dusche gestellt werden, weil sie Wasser in den Augen scheuten; auch die Erzieherinnen berichteten in Fröndenberg von Kindern, die Angst von „Wasser von oben“ haben.

Bei der Wassergewöhnung sollen die Kinder spielerisch Angst, Schluck- und Liedschutzreflex abbauen. Denn wer ins Wasser falle und die Augen nicht öffnen kann, um sich zu orientieren, gerate in Panik, schlucke Wasser oder atme es im schlimmsten Fall ein. Manche Kinder gewöhnen sich schneller, andere langsamer ans Wasser. Das sei ganz normal. Es sollte spielerisch geschehen, allerdings ohne Hilfsmittel wie Schwimm- oder Taucherbrillen. Auch weil viele Eltern den Unterschied nicht kennen – und Schwimmbrillen ab einer gewissen Wassertiefe gefährlich werden können.

Sind die Kinder ans Wasser gewöhnt, können sie mit der Bewältigung, sprich ersten Schwimm- und Tauchversuchen starten. Das muss gar nicht unbedingt als erstes Brustschwimmen sein, sagt Niklas Scholz. Denn beim Brustschwimmen handle es sich eigentlich um den komplexesten Bewegungsablauf. Kraulen etwa, sei einfacher zu erlernen.

Stefanie Hellmann vom Kreissportbund würde sich nun freuen, wenn sich Kindertageseinrichtungen vermehrt mit Vereinen vernetzen, um Angebote zu schaffen. Wenn Erzieher DLRG-Silber besitzen, könnten sie die Wassergewöhnung theoretisch auch ohne Unterstützung von einem Schwimmverein durchführen.

Zur Finanzierung gibt es Fördermöglichkeiten und bei allen wichtigen versicherungstechnischen Fragen können die Kindertageseinrichtungen auf dem Kreissportbund zugehen.

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