Mal eben mit der Bahn von Fröndenberg nach Unna: Vor über 120 Jahren wurde das mit der „Haarstrang-Querbahn“ Realität. Frömern, Ardey und Kessebüren profitierten von der Bahn – aber nicht alle gleichermaßen.

Frömern

, 26.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Dass Frömern als erster Haltepunkt auf der Strecke feststand, wurmte die Kessebürener besonders: „Frömern hatte aus Sicht der anderen Dörfer damals schon alles andere bekommen: Die Post war dort, der Friedhof – und jetzt auch noch die Bahn. Das hat gerade in Kessebüren viele Menschen geärgert“, weiß Alfred Leider, Ortsheimatpfleger von Frömern. Über 120 Jahre ist der Spatenstich für die Bahnlinie zwischen Unna und Fröndenberg her – und Frömern hat seinen Bahnhof noch immer.

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Dabei erfolgte der erste Spatenstich für die Bahnlinie im Februar 1897 auf Kessebürener Gebiet – ziemlich genau dort, wo sich heute die Kessebürener Landwehr und seit neun Jahren keine Brücke mehr über die Bahngleise befindet. Wo heute die Landwehr abrupt an den Gleisen endet, wurde 1897 der Grundstein für die Bahnlinie gelegt. „Damit verbunden war die Hoffnung, dass viele einheimische Bürger dort Arbeit bekämen und an der Bahnlinie mitbauen können“, erzählt Alfred Leider.

Bau der Bahnlinie brachte keine Arbeitsplätze in die Region

Die Kessebürener und Frömerner hofften vergeblich: Ein Kölner Bauunternehmer bekam für 100.000 Mark den Zuschlag, den ersten Bauabschnitt von rund vier Kilometern Länge zu bauen. Fast nur auswärtige Arbeiter bauten die Bahnlinie – und das einzige, was Kessebüren bekam, waren die Baracken entlang der entstehenden Bahntrasse, in denen die Arbeiter wohnten.

Der Bahnhof in Frömern um 1910. Frömern bekam als erster Ort eine Haltestelle der neuen Bahnlinie zwischen Unna und Fröndenberg, auch, weil der Ort ungefähr auf halber Strecke lag.

Der Bahnhof in Frömern um 1910. Frömern bekam als erster Ort eine Haltestelle der neuen Bahnlinie zwischen Unna und Fröndenberg, auch, weil der Ort ungefähr auf halber Strecke lag. © privat

Auch die Hoffnung auf einen Bahnhof erfüllten sich zuerst nur in Frömern: 1899 hielt die Bahn in Frömern – und bescherte dem Dorf damit nicht nur eine neue Form der Mobilität. „Der Bau des Bahnhofs war natürlich für geschäftstüchtige Gastwirte eine Chance. Nahezu zeitgleich mit der Eröffnung des Bahnhofs nahm auch der heutige Gasthof Püttmann damals seinen Betrieb auf“, weiß Alfred Leider.

Der heutige Gasthof Püttmann, als Wilhelm Ahland ihn betrieb, um 1912/13. Bezeichnend der Name „Gasthof zur Bahn“.

Der heutige Gasthof Püttmann, als Wilhelm Ahland ihn betrieb, um 1912/13. Bezeichnend der Name „Gasthof zur Bahn“. © privat

Mit der Bahn kam die Gastronomie

Direkt gegenüber des neuen Bahnhofs gelegen, konnte der damalige Wirt Wilhelm Dieckmann auf zahlreiche Gäste setzen. Als Kessebüren 1911 auch endlich seinen Bahnhaltepunkt bekam, spielte ebenfalls ein Gasthaus eine entscheidende Rolle: In der passenderweise „Zur Bahn“ genannten Kneipe direkt gegenüber des Haltepunktes konnten die Fahrkarten für die Bahnfahrt gekauft werden. Anders als in Frömern bekam Kessebüren kein eigenes Bahnhofsgebäude; hier musste ein Bahnsteig reichen. Dieser befand sich übrigens direkt unterhalb der Bahnbrücke der Kessebürener Landwehr.

Brücken über die Bahngleise gab es in Kessebüren von Beginn an viele, wie hier die des Loerweges. Sie waren für die Landwirte wichtig, die zu ihren Feldern gelangen mussten. Die Loerweg-Brücke ist mittlerweile nur noch für Fußgänger nutzbar und gilt als marode.

Brücken über die Bahngleise gab es in Kessebüren von Beginn an viele, wie hier die des Loerweges. Sie waren für die Landwirte wichtig, die zu ihren Feldern gelangen mussten. Die Loerweg-Brücke ist mittlerweile nur noch für Fußgänger nutzbar und gilt als marode. © privat

Zugang zu den Feldern war wichtig

Viel wichtiger war für die Kessebürener Landwirte in der Bauphase der Bahnlinie eine ganz andere Frage: Wie sollten sie künftig zu ihren Feldern gelangen, wenn die Bahn diese „zerschnitt“? „Die Bauern haben um die Zuwege zu ihren Feldern gekämpft. Das sieht man heute noch an den vielen Brücken und Unterführungen über und unter der Bahnlinie in Kessebüren“, erzählt Alfred Leider. In der allerersten Version der Bahnstrecke wäre dies vermutlich nicht notwendig gewesen: Ursprünglich sollte die Bahnlinie weit um alle Dörfer herumführen – doch die Kosten dafür waren zu hoch.

Bis Ende der 1960er-Jahre kreuzte die Bahn die B1 in Höhe des heutigen Induparks. Hier liefen Straße und Gleise fast parallel - eine gefährliche Situation für Autofahrer und Zugführer. Immer wieder kam es zu Unfällen.

Bis Ende der 1960er-Jahre kreuzte die Bahn die B1 in Höhe des heutigen Induparks. Hier liefen Straße und Gleise fast parallel – eine gefährliche Situation für Autofahrer und Zugführer. Immer wieder kam es zu Unfällen. © privat

Auch so sorgte die Streckenführung der Bahn noch für Probleme: Im Bereich des Induparks Unna und der B 1 kam es in den 1930er-Jahren immer wieder zu schweren Unfällen, weil hier die Bahn die B1 so ungünstig kreuzte, dass Autos und Zug sich oft zu spät bemerkten. „Hier lief die B1 ein Stück lang fast parallel zur Bahnlinie und wenn es dunkel war, wurden viele Autofahrer von den Lichtern des Zuges geblendet“, berichtet Alfred Leider. Ende der 1960er-Jahre wurde das Problem behoben – seitdem macht die B1 an dieser Stelle einer leichten Bogen gen Norden und führt in einem Überwurf über die Bahn, die blieb, wo sie war.

Ein Dorf wehrt sich: Mit einer Protestaktion versuchten die Kessebürener, ihren Bahnhaltepunkt im Frühjahr 1987 zu retten – vergeblich.

Ein Dorf wehrt sich: Mit einer Protestaktion versuchten die Kessebürener, ihren Bahnhaltepunkt im Frühjahr 1987 zu retten – vergeblich. © privat

Ziegen und Schafe fuhren auf der letzten Fahrt mit

In Kessebüren blieb die Bahn allerdings nur bis 1987, dann wurde der Haltepunkt dort wegen zu geringer Frequenz stillgelegt. Wieder fühlten sich die Kessebürener benachteiligt, behielten doch Frömern und Ardey ihre jeweiligen Bahnhaltestellen. Doch aller Protest – sogar inklusive Trauergästen – blieb vergebens. Ende Mai 1987 hielt zum letzten Mal ein Zug in Kessebüren. Den nutzten als letzte Protestaktion auch Ziegen und Schafe, die die Kessebürener mitgenommen hatten. Wenig später wurde der Bahnsteig abgerissen – ein Schicksal, das fast 20 Jahre später auch die nebenstehende Brücke über die Gleise ereilen sollte.

Gut zu erkennen sind hier noch die Reste des abgerissenen Bahnsteigs in Kessebüren. Im Mai 1987 hielt die Bahn zum letzten Mal dort.

Gut zu erkennen sind hier noch die Reste des abgerissenen Bahnsteigs in Kessebüren. Im Mai 1987 hielt die Bahn zum letzten Mal dort. © privat

In Frömern dagegen steht der Bahnhof noch heute. Nicht nur die Bahn hält hier, auch das Bahnhofsgebäude selbst wird aktiv als Café und Atelier genutzt. Und Püttmann gegenüber freut sich immer noch über Gäste – nicht nur Bahnreisende.

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