Zugegeben: Nicht jeder Schneemann am Sonntag war eine Augenweide. Aber für kleine und große Kinder ist der selbst gebaute eben perfekt. © Hornung
Schneemann-Glosse

Vom Recht darauf, unperfekt zu sein, und dem Klassendenken des Menschen

Hunderte Schneemänner erwachten am Wochenende zu einem Leben von kurzer Dauer. Für manch einen endete das Dasein im Schneematsch besonders abrupt. Was sagt das über uns?

Mittagsrunde am Sonntag im Park: Es ist schon drei Grad über null und gerade hat es auch ein wenig zu regnen begonnen. Trotzdem möchte ich kurz raus. Schließlich liegen noch Reste von Schnee – und wer weiß, wann ich das nochmal erleben darf.

Mein Freund kommt mit und schlägt vor, einen kleinen Schneemann zu bauen. Die Wiese unter den Resten der weißen Pracht ist matschig, voller Laub und Dreck, den die Kugeln für Beine, Leib und Kopf des Schneemanns mit aufnehmen. Trotzdem sind kindlicher Spieltrieb und Ehrgeiz schnell geweckt. Unser Schneemann wächst – wenn auch mit schmuddeligem Kleid und Antlitz.

Zum Abschluss erhält der Kleine eine freche Frisur aus Stöckchen, die zu seinem rotzigen Äußeren passt. Wir sind zufrieden und setzen unseren Weg weiter fort. Da schlendert ein anderes Paar über die Wiese, bleibt vor unserem Schneemann stehen und tritt mit voller Wucht hinein. Mehrfach. Erst er, dann auch sie; es scheint ihnen großes Vergnügen zu bereiten.

Irritierend: Die Schneemann-Treter waren keine halbstarken Jugendlichen, sondern erwachsene Leute, Mitte 30 bis 40 Jahre alt, gekleidet, als wohnten sie in einer schicken Altbauwohnung im an den Park grenzenden Kreuzviertel.

Ich frage mich, ob unseren Schneemann das gleiche Schicksal ereilt hätte, wenn ein prächtiger Zylinder sein Haupt geziert, er stolz eine perfekte Karotten-Nase und eine weiße Weste getragen hätte?

Über die Autorin
Redaktion Fröndenberg
Jahrgang 1988, aufgewachsen in Dortmund-Sölde an der Grenze zum Kreis Unna. Hat schon in der Grundschule am liebsten geschrieben, später in Heidelberg und Bochum studiert. Ist gerne beim Sport und in der Natur.
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