Im Kreis Unna beginnt ein bedeutendes Vogelschutzgebiet. Damit es bedrohten Arten Lebensraum bietet, muss die Bevölkerung mithelfen. Bauern lassen dafür sogar Disteln stehen.

Fröndenberg

, 25.07.2019, 15:29 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Mornellregenpfeifer brütet in Skandinavien. Wer etwas Glück hat, kann den prächtigen Vogel aber auch schon mal an der Wilhelmshöhe antreffen. Er ist ein Zugvogel, verbringt also den Winter im warmen Afrika. Im Vogelschutzgebiet Hellwegbörde legen die Tiere gern eine Pause ein, um auszuruhen und Energie zu tanken für den kräftezehrenden Flug in den Süden. Das Vogelschutzgebiet gibt es seit dem Jahr 2004. Es zieht sich über eine Fläche von 500 Quadratkilometern vom südöstlichen Kreis Unna bis nach Paderborn und ist Teil des europaweiten Schutzgebietssystems Natura 2000.

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Die 32 Quadratkilometer im Kreisgebiet liegen im Fröndenberger und im Unnaer Stadtgebiet, von der Wilhelmshöhe in Strickherdicke bis zur Kreisgrenze in Hemmerde.

Die Kiebitzwiese

Vogelschutz an der Ruhr

Besonders geschützt leben Vögel in Fröndenberg auch auf der Kiebitzwiese. Die Kiebitzwiese in Strickherdicke ist rund 43 Hektar groß. Im Jahr 2002 wurde sie als Naturschutzgebiet ausgewiesen. Das Gebiet umfasst im Prinzip die Grünflächen nördlich der Ruhr von der Grenze des Hammer Wasserweks bis zum Fröndenberger Stadion im Westen. Seit 2009 wird die Kernzone des Naturschutzgebietes durch Heckrinder beweidet. Sie ist eingezäunt, sodass die Vögel hier besondere Ruhe haben. Auch Angler und Kanufahrer müssen die Naturschutz wahren. Im Winter – vom 4. Oktober bis 30. März – darf die Ruhr nicht mit Booten befahren werden, zu den restlichen Zeiten ist das befahren im Abschnitt zwischen Hammer Wasserwerk und Westicker Wehr Kanufahrern, die die Ruhr in Fließrichtung und mittag befahren, erlaubt. An Teilabschnitten der Ruhr gilt ein ganzjähriges Angelverbot. Ein gutes Stück im Bereich der Kiebitzwiese ist davon betroffen. Die Anzahl des namensgebenden Vogels ist im gesamten Kreis stark gesunken. In Fröndenberg gibt es nur noch ein bis zwei brütende Paare.

Darin liegen drei Schwerpunktgebiete, in denen der Kreis Unna und die Biologische Station Informationstafeln aufgestellt haben. Die Tafeln informieren über das Vogelschutzgebiet, seine Lage und Bedeutung und über die Arten, die darin vorkommen. Es sind beispielsweise Schafstelzen, die akut in ihrem Bestand bedrohten Feldlerchen, Rebhühner oder Rohrweihen. In den Offenlandflächen wechseln sich Felder, Wiesen und hier und da auch blühende Grünstreifen oder -flächen ab. Darunter sind inzwischen die von den Landwirten angelegten Blühstreifen. Außerdem hat der Kreis Unna Schwarzbrachen anlegen lassen. Das sind Felder, die im Frühjahr gepflügt, ansonsten sich selbst überlassen und natürlich nicht gedüngt und nicht gespritzt werden.

Hunde bitte an der Leine lassen

„Beides sind keine Hundespielwiesen“, betont Hermann Knüwer von der Unteren Naturschutzbehörde beim Kreis Unna. Hunde seien grundsätzlich bei Spaziergängen anzuleinen, auch außerhalb der Vogel-Brutzeiten. Werden Halter darauf von Naturschützern oder Landwirten hingewiesen, hörten sie oft die Frage „Wo steht das denn?“ Jetzt steht es da, auf den neuen Hinweistafeln. Insgesamt 13 der informativen Schilder wurden im Vogelschutzgebiet aufgestellt.

Naturschutz und Landwirtschaft arbeiten zusammen

Kreis Unna und Ökostation wollen mit den Tafeln einerseits für das richtige Verhalten im Schutzgebiet sensibilisieren, andererseits auf ihr Engagement für den Naturschutz hinweisen. Und dabei haben sie die Landwirtschaft mit im Boot. Das Schutzgebiet umfasst im Wesentlichen landwirtschaftliche Flächen. Wo der Kreis eine ökologisch wertvolle Brache anlegt, muss zuvor ein Bauer sie abgeben.

Man pflege einen kooperativen Ansatz, betonten Vertreter des Kreises, der Ökostation und des Landwirtschaftsverbands bei einem Ortstermin. An einem „Runden Tisch“ werden die Naturschutzthemen besprochen, wechselseitig Verständnis für die jeweiligen Probleme und Interessen gefördert. Und damit sei der Kreis Vorreiter in Nordrhein-Westfalen.

Vogelschutzgebiet Hellwegbörde: In Strickherdicke sollten Hunde an die Leine

So sieht es im Vogelschutzgebiet an der Wilhelmshöhe aus: Neben Feldern, die möglichst mit vielfältiger Fruchtfolge bestellt werden, liegen Schwarzbrachen, die der Natur überlassen sind. © Raulf

So sei auch in der Landwirtschaft inzwischen ein Bewusstsein dafür gewachsen, welchen Stellenwert der Naturschutz hat. Kreislandwirt Henrik Plaas-Beisemann zeigt auf einen Blühstreifen, in dem verschiedene Wildpflanzen Insekten und Vögeln Nahrung bieten. „Wir lassen auch die Disteln stehen“, sagt der Landwirt. Die stacheligen und vor allem wuchernden Pflanzen sind Bauern in der Regel ein Dorn im Auge. „Aber sie sind für viele Falter eine wichtige Nahrungsquelle.“ Und nachdem Insekten den Nektar der Blüten gesaugt haben, fressen Vögel die Samen, zum Beispiel die farbenfrohen Stieglitze, auch Distelfinken genannt.

Appell für bessere Agrarförderung

Leider lasse sich noch immer mit Naturschutz kein Geld verdienen, sagt Heinz-Wilhelm Büscher, Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Kreisverbands Ruhr-Lippe. Die Agrarförderung müsse anders organisiert werden. So erhielten Landwirte für eine Fläche, die sie dem Naturschutz zur Verfügung stellen, einen finanziellen Ausgleich, berechnet nach dem durchschnittlichen Ertrag auf Landesebene.

Die guten Böden der Region ermöglichen aber weit höhere als Durchschnittserträge. Ein Bauer, der sein Feld der Lerche überlässt anstatt dem Mais, fährt also Verluste ein. „Das müsste verändert werden“, mahnt Büscher in Richtung der Politik, vor allem auf europäischer Ebene.

Auf Asphalt wachsen weder Disteln noch Weizen

Bauern mit einem Herz für die Natur könnten aber auch von anderer Seite Schwierigkeiten bekommen. Es gebe Landbesitzer, die eine Fläche nicht verpachten, wenn sie für Naturschutzzwecke genutzt werden soll. Rund zwei Drittel der landwirtschaftlich genutzten Fläche im Kreis Unna wird auf Pachtbasis bewirtschaftet. Die Abhängigkeit von den Eigentümern ist also recht hoch.

Grundsätzlich sehen sich Landwirte und Naturschützer in einem Boot, weil sie mit demselben Grundproblem fertig werden müssen: Flächenfraß. Wo immer mehr Land für Straßen, Wohn- und Gewerbegebiete aufgegeben und für immer versiegelt wird, kann auch immer weniger für den einen oder den anderen „grünen“ Zweck genutzt werden.

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Die Fröndenberger Kiebitzwiese und Weißstörche – das nahm in der Vergangenheit nie ein glückliches Ende. 2014 und 2016 bescherten Weißstörche dem Fröndenberger Naturschutzgebiet zwar Nachwuchs, doch in beiden Jahren überlebten die Jungtiere nicht. Zu kalt und nass war es. Im dritten Anlauf stehen nun alle Zeichen auf ein Happy-End zumindest für eines der beiden Jungtiere, ist Ornithologe Gregor Zosel zuversichtlich. Nur noch die Hitze könnte den Vögeln jetzt etwas anhaben. Ob am Ende tatsächlich beide Jungvögel das Nest verlassen, wird sich in den nächsten Tagen und Wochen zeigen. „Ein Jungvogel war von vornherein ein bisschen hinterher“, hat Zosel beobachtet.
Vogelschutzgebiet Hellwegbörde: In Strickherdicke sollten Hunde an die Leine

Die Weißstörche mussten ihr Nest anfangs noch gegen Besetzer verteidigen. © Greogor Zosel

Dabei hatte Gregor Zosel für dieses Jahr eigentlich gar nicht mehr mit Weißstorch-Nachwuchs gerechnet. Nilgänse hatten es sich in dem für Störche vorgesehenen Horst inmitten des Naturschutzgebietes gemütlich gemacht und sporadisch vorbeischauende Adebare sogleich verscheucht. „Die Störche sind in diesem Jahr aber erst sehr spät angekommen“, weiß Zosel. Übrigens nicht nur in Fröndenberg, sondern auch auf den Hemmerder Wiesen, wo Weißstörche in diesem Jahr erfreulicherweise ebenfalls Nachwuchs hervorgebracht haben. Nachdem die Nilgänse in Fröndenberg mit ihrer Brut fertig waren, konnten sich die Spätzügler schließlich ins gemachte Nest setzen.
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