Der Ärger über das Signalhorn der Regionalbahn 54 hält an: Anwohner aus Ardey sammeln nun Unterschriften gegen das laut tönende Pfeifensignal des Zuges. Der Lärm zeitigt bereits wirtschaftliche Folgen.

Ardey

, 26.07.2019 / Lesedauer: 4 min

Das Signalhorn der Regionalbahn 54 pfeift in lauten Tönen unvermindert weiter: Die Anlieger an der Bahnstrecke aus Ardey greifen nun zur Selbsthilfe und sammeln Unterschriften gegen die Lärmbelästigung.

Sie sehen ihre Lebensqualität stark eingeschränkt, den Wert ihrer Immobilien gemindert und fühlen sich vom Konzern Deutsche Bahn, salopp formuliert, auf den Arm genommen: Mehrere Nachbarn aus der Goldbreite haben sich daher zusammengeschlossen, um ihren Protest nun bei Bahnchef Richard Lutz persönlich loszuwerden.

Unterschriftenaktion in Ardey: Protest gegen das Signalhorn der RB 54 beim Bahnchef

Der Bahnübergang Hilkenohl wird nur durch Andreaskreuze gesichert; es gibt weder eine Blinkanlage noch eine Schranke. Daher muss die Regionalbahn vor der Überfahrt kreuzenden Verkehr mit einem Pfeifensignal warnen. © Marcus Land

Die Hönnetal-Bahn von Unna nach Neuenrade führt quer über Fröndenberger Stadtgebiet und passiert relativ dicht Wohnbebauung in Ardey und in Frömern. Vor den unbeschrankten Bahnübergängen, zum Beispiel am Hilkenohl und am Birnbaum, müssen die Lokführer einen Warnton absetzen. Das sehen die betroffenen Nachbarn auch ein. „Es geht uns um die Tonhöhe“, sagt Reinhard Schnitzmeier, der zu den Initiatoren der Unterschriftenaktion gehört und 1974 zu den ersten Häuslebauern am Westfeld zählte.

»Das schallt das ganze Dorf hoch.«
Heidi Steenhuis, Anwohnerin

Im Vergleich zu früher, als noch der alte Bombardier-Zug fuhr, zerschneide der jetzige Ton seit einigen Monaten die Stille im Ort zweimal in der Stunde unerträglich. Dazu muss man wissen: Die Siedlung in Ardey grenzt unmittelbar an das idyllische Naturschutzgebiet Ostholzbachtal an, das die Regionalbahn rund 170 Meter Luftlinie zu den nächstgelegenen Häusern quert.

Nachbar misst Lautstärke von mehr als 100 Dezibel

Ludwig Steenhuis liefert Zahlen. Tagsüber herrschten gerade 30 Dezibel an der Goldbreite, erklärt der Ardeyer. Zum Vergleich: So laut ist leichter Wind oder das Ticken einer Armbanduhr. Mit dem vorbeifahrenden Zug und dem Signalhorn dröhnten je nach Windrichtung mehr als 100 Dezibel in die Gärten und Häuser. Wieder ein Vergleich: 110 Dezibel misst man normalerweise bei Rockkonzerten oder einer laufenden Motorsäge. „Das schallt das ganze Dorf hoch“, weiß Heidi Steenhuis, die im Dorfcafé Buntes Sofa aktiv ist.

Unterschriftenaktion in Ardey: Protest gegen das Signalhorn der RB 54 beim Bahnchef

Lärm beeinträchtigt die Gesundheit. © dpa

Ein anderer Nachbar habe die Werte mit einem nicht geeichten Gerät gemessen. Man bemüht sich nun parallel zur Unterschriftenaktion um ein geeichtes Messgerät, vielleicht könne die Polizei da ja behilflich sein.

Tatsächlich ist es nicht der Signalton allein, der mit dem neuen Pesa-Link-Zug lauter geworden sei. „Die Züge passen nicht auf die Schienen, die kreischen in jeder Kurve“, schildert Ingrid Wolfertz ihre Eindrücke.

Sie führt seit Wochen einen ihr mittlerweile aussichtlos erscheinenden E-Mail-Verkehr mit der DB Regio AG Nordrhein-Westfalen. „Es tut sich überhaupt nichts“, berichtet Wolfertz.

Zur Sache

Lärmsanierung an Bahnstrecken in Fröndenberg

  • Im Stadtgebiet Fröndenberg gibt es laut Deutscher Bahn mehrere Lärmsanierungsbereiche. Diese befinden sich ausnahmslos an der Ost-West-Strecke von Schwerte in Richtung Arnsberg.
  • Alle sich im Einflussbereich dieser Strecke befindlichen bebauten Gebiete innerhalb der Gemeindegrenze sind untersucht worden. Demzufolge sind hier die Lärmsanierungsgrenzwerte an den Gebäuden überschritten.
  • Die eingleisige Strecke von Fröndenberg nach Unna ist dagegen nicht im Lärmsanierungsprogramm enthalten.
  • Hier sind die Lärmsanierungsgrenzwerte an den Gebäuden nicht überschritten. Dies betrifft insbesondere das Wohngebiet Westfeld in Ardey.
  • Der Sanierungsabschnitt „Schwerte - Fröndenberg/Ruhr - Menden (Sauerland) - Arnsberg“ des Gesamtkonzeptes der Lärmsanierung weist eine im bundesweiten Vergleich sehr niedrige Priorisierungskennziffer auf. Daher ist auch der Beginn für eine Lärmsanierung dort noch nicht absehbar.

„Die Anforderungen an die Dynamik der Fahrzeuge ist mit Umstellung auf die PESA-Neufahrzeuge deutlich anspruchsvoller gegenüber den Altfahrzeugen“, erfuhr Wolfertz aus Münster. Und: „Dass dies im besten Falle unter mindestens gleichbleibender Lärmemission geschieht, können wir als Betreiber nicht beeinflussen.“

Unterschriftenaktion in Ardey: Protest gegen das Signalhorn der RB 54 beim Bahnchef

Der Bahnübergang Westfeld/Talstraße in Ardey war vor Jahren ebenfalls unbeschrankt, mittlerweile wird der mit Blinkanlage und Bahnschranke gesichert. © Marcus Land

Mit dieser Auskunft wollen sich die Nachbarn nicht mehr zufrieden geben. „Wir haben vor 30 Jahren hier gebaut, das war ganz gemütlich hier“, bedauert Heidi Steenhuis. „Jetzt sind wir im wohlverdienten Ruhestand und man setzt uns eine solche Pfeife vor die Nase“, ergänzt ihr Mann Ludwig verärgert.

Auch Schallschutz für Fenster und Türen, die im besten Fall bezuschusst würden, sehen sie nicht als Lösung. „Was bringt das, wenn man draußen sitzt?“, fragt Heidi Steenhuis. Und eine Schallschutzwand entlang der Strecke? Eine Verschandelung der Landschaft wolle doch auch niemand, wenn man schlicht den Ton herunterpegeln könnte. Ingrid Wolfertz wünschte sich mehr Hilfe von der Stadt. Die kann aber allenfalls unterstützen.

»Da machen sich manche einen Spaß und wollen uns aufwecken.«
Ingrid Wolfertz, Anwohnerin

Nicht nur das persönliche Wohlbefinden sei erheblich gestört. „Für uns Hausbesitzer bedeutet das eine Wertminderung der Gebäude“, ergänzt Ingrid Wolfertz, „wer verkaufen will, hat ganz schlechte Karten.“ Gehört habe sie kürzlich von dem Fall, dass ein 30-jähriger Kaufinteressent Ohrenzeuge des Signalhorns wurde und sich dankend von dem Hauseigentümer in Ardey verabschiedete.

Ingrid Wolfertz flüchtet sich bereits in Sarkasmus. Zweimal dürfe ihres Wissens der Lokführer den Signalton auslösen. Notiert hat sie am 18. Juli um 6.15 Uhr morgens gleich fünf Huptöne. „Da machen sich manche einen Spaß und wollen uns aufwecken.“

Ardeyer wollen Kontakt zu Betroffenen in Frömern knüpfen

Jetzt werden fleißig Unterschriften gesammelt, zu den betroffenen Nachbarn in Frömern will man unbedingt noch Kontakt knüpfen, rechnet am Ende mit bestimmt 300 Unterzeichnern.

Denn Hoffnung ziehen die Ardeyer auch nicht mehr aus einer Ankündigung der DB Regio: „Ihre Anmerkungen, dass die notwendigen Warntöne bei beschrankten und unbeschrankten Übergängen mehr und länger geworden sind, haben wir zur Prüfung an den zuständigen Linienmanager weitergeleitet.“

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