Der Staat gibt Darlehen in Millionenhöhe, doch beim sozialen Wohnungsbau kommt Fröndenberg seit Jahren nicht vom Fleck. Denn die Mittel werden nicht abgerufen. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren.

Fröndenberg

, 24.06.2019 / Lesedauer: 4 min

In den vergangenen fünf Jahren sind in Fröndenberg gerade fünf Wohnungen mit staatlicher Förderung gebaut worden. Gleichzeitig klagen Mieter über einen angespannten Wohnungsmarkt und hohe Mieten. Woran liegt das?

Mieter des Abrisshauses am Bruayplatz machen Problem sichtbar

Die Pläne von Aldi, einen neuen Markt als Flachbau am Bruayplatz zu errichten und dafür den Altbau mit Wohnungen abzureißen, haben das Problem der Wohnungsnot offengelegt. Betroffene Mieter fürchten, keine adäquaten Ersatzwohnungen in der Stadtmitte zu finden. Wohnungsgesellschaften berichten von Wartelisten Wohnungssuchender. Der SPD-Ortsverein Fröndenberg-Mitte beantragt, Aldi möglichst zur Schaffung von Wohnraum zu verpflichten.

Tatsächlich tut sich in Fröndenberg auf dem Gebiet des sozialen Wohnungsbaus in jüngerer Vergangenheit so gut wie nichts. Seit 2014 sind nicht weniger als 44,6 Millionen Euro an zinsgünstigen staatlichen Darlehen für den sozialen Wohnungsbau in den Kreis Unna geflossen, 427 Wohnungen dadurch in den Städten und Gemeinden entstanden. Im selben Zeitraum ist in Fröndenberg eine kleine Pflegeeinrichtung mit fünf Wohnungen öffentlich gefördert worden – aber keine einzige neue Wohnung für einkommensschwache Mieter.

Fröndenberg sei neben einigen anderen Kommunen im Kreis Unna Diaspora beim sozialen Wohnungsbau, bestätigt Bernd Teichert, Leiter des Sachgebiets Wohnraumförderung beim Kreis. Dabei spricht Teichert lieber von staatlich gefördertem Wohnungsbau. Denn der Begriff sozialer Wohnungsbau sei immer noch negativ besetzt. Es herrsche eine irrige Vorstellung darüber, wer wohl in „Sozialwohnungen“ einziehen werde. Man wünsche sich im Allgemeinen solvente Mieter in der Nachbarschaft, aber keine „Hartz-IVer“. Dabei könnten angesichts der abgesenkten Einkommensgrenzen „heute theoretisch 50 Prozent aller Mieter im Besitz eines Wohnberechtigungsscheins sein“, so Teichert.

Die Engpässe beim bezahlbaren Wohnraum entstünden dadurch, dass die Sozialbindung nach Tilgung der staatlichen Kredite entfalle und die Wohnungen in den freien Markt übergehen. „Diese Verluste werden nicht aufgefangen“, so Teichert. Dabei könnten die Kommunen aktiv gegensteuern. „Sie reagieren auf den Bedarf, indem sie Quoten in Bebauungsplänen für öffentlich geförderten Wohnungsbau einrichten.“

Beispiele hierfür in aktuellen Bebauungsplänen in Fröndenberg sind rar. Im Bebauungsplan für das Neubaugebiet Gosemark II in Dellwig heißt es, dass das vorgesehene Mehrfamilienhaus mit sechs Wohnungen neuen Wohnformen wie Mehrgenerationenwohnen oder dem sozialen Wohnungsbau dienen kann. Eine Kann-Bestimmung, keine Verpflichtung. Aber selbst hieran gab es in Dellwig bereits Kritik. Bei der Offenlegung der Pläne hatten Bürger negative Auswirkungen auf das „Wohn- und Sozialklima“ geäußert. Auch von einer Wertminderung ihrer eigenen Immobilie ist die Rede.

»Heute können theoretisch 50 Prozent aller Mieter im Besitz eines Wohnberechtigungsscheins sein.«
Bernd Teichert, Leiter des Sachgebiets sozialer Wohnungsbau

Die Stadtverwaltung hatte auf diese Einwände mit dem Hinweis reagiert, dass die Errichtung von Mehrfamilienhäusern die „Schaffung sozial stabiler Bewohnerstrukturen“ fördere. Zudem wisse man um eine anhaltende Nachfrage nach Grundstücken, die sich für den sozialen Wohnungsbau eignen. Nicht genug getan hat die Stadt in diesem Punkt jedoch in den letzten Jahren aus Sicht der FWG. Die Ratsfraktion der Freien Wähler fordert jetzt, die Machbarkeitsstudie für ein neues Rathaus auf dem Karl-Wildschütz-Platz zu stoppen. „Es wäre sinnvoll, einen Investor für sozialen Wohnungsbau zu finden, der ein solches Projekt auf dem Wildschützplatz verwirklichen kann“, schreibt die FWG in einem Dringlichkeitsantrag. Der Bestand an Sozialwohnungen ist seit 2008 von damals 699 auf 465 im Jahr 2017 geschrumpft.

Bewilligungen für Sozialwohnungen hinken Bautätigkeit hinterher

Bernd Teichert geht davon aus, dass allerdings auch Investoren wenig Interesse daran haben, sich beim sozialen Wohnungsbau zu engagieren. Sie dürfen zunächst nur eine weitaus geringere Miete aufrufen als bei frei finanzierten Wohnungen. Tatsächlich hinkt die Zahl der Bewilligungen preisgebundener Wohnungen der Bautätigkeit eklatant hinterher: Den Höchststand der letzten zehn Jahre bei staatlich geförderten Wohnungen in Fröndenberg gab es 2008 mit sechs bei 66 Baugenehmigungen im selben Jahr. In den Jahren danach pendelte die Zahl zwischen null und zwei (mit Ausnahme der fünf Pflegewohnungen 2015).

Trotz Millionenförderung ist Fröndenberg eine Wüste beim sozialen Wohnungsbau

Vor 50 Jahren wurden öffentliche Mittel für 52 weitere Wohnungen im Baugebiet "Mühlenberg-Nord-West" bewilligt. © Land, Marcus

Fördermittel des Landes für den sozialen Wohnungsbau sind abrufbereit. Er informiere auch regelmäßig bei Treffen der Stadtplaner über die Programme. Die Resonanz aus Fröndenberg sei aber bescheiden. „Wir sind dankbar über jeden Antrag, der zu uns ins Haus kommt, aber wir können ihn grundsätzlich nicht selbst initiieren“, sagt Bernd Teichert.

Statistik

Bestand an Sozialwohnungen geht stark zurück

  • Der Bestand an staatlich geförderten Wohnungen ist in Fröndenberg seit 2008 ständig zurückgegangen, während die frei finanzierten entsprechend zulegten.
  • 2008: 2.551 frei finanziert, 699 preisgebunden, 3.250 gesamt;
  • 2009: 2.599 – 657 – 3.256
  • 2010: 2.773 – 600 – 3.373
  • 2011: 2.793 – 583 – 3.376
  • 2012: 2.807 – 575 – 3.382
  • 2013: 2.829 – 553 – 3.382
  • 2014: 2.837 – 549 – 3.386
  • 2015: 2.860 – 526 – 3.386
  • 2016: 2.970 – 465 – 3.435
  • 2017: 2.984 – 465 – 3.449
  • Die Zahl der Bewilligungen von staatlich geförderten Wohnungen befindet sich seit 2008 auf einem sehr niedrigen Niveau. 2008: 6 Bewilligungen, 66 Baugenehmigungen insgesamt; 2009: 2/15; 2010: 2/18; 2011: 0/17; 2012: 2/22; 2013: 1/48; 2014: 0/34; 2015: 5/55; 2016: 0/29; 2017: 0/23.
  • Die mittlere Angebotsmiete (nettokalt Euro/Quadratmeter) ist in Fröndenberg seit 2008 bei Erstvermietungen von Neubauwohnungen von 6 Euro auf 6,30 Euro im Jahr 2017 gestiegen. Bei der Wiedervermietung von Bestandswohnungen hat sich der Mietzins von 5,22 Euro auf 5,56 Euro erhöht. Die Miete der günstigsten zehn Prozent aller Wohnungen lag 2008 im Schnitt bei 4,32 Euro, 2017 bei 4,67 Euro; die teuersten zehn Prozent bei 6,36 Euro (2008) bzw. bei 6.97 Euro (2017).

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