Zuhause vorm Fernseher Kaffee trinken, die Füße hoch, entspannt ausruhen? Das ist nichts für Olga Gart. Sie arbeitet jeden Donnerstag ehrenamtlich für die Tafelausgabe im Bürgerzentrum.

von Martin Krehl

Fröndenberg

, 20.10.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer Frau Gart ist, das weiß am Mühlenberg vielleicht der Briefträger, ansonsten erntet man ratloses Achselzucken. Aber Olga, ja, die kennt da oben jeder. Da weiß auch jedermann, wo sie donnerstags ab 11 Uhr zu finden ist. Vor allem die Kundschaft der Tafel im Bürgerzentrum wissen Bescheid, die würde ohne Olga nicht versorgt.

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Es ist wirklich so – das Team der Helferinnen der Tafel in Fröndenberg ist knapp bestückt. Es fällt immer mal jemand aus, aus familiären oder sonst irgendwie wichtigen Gründen. Dann müssen sich die anderen schon mächtig sputen.

Von der Tafel-Kundin zur Helferin des Tafel-Teams

Olga Gart räumt den Saal im Bürgerzentrum um, stapelt Stühle, verschiebt schwere Tische, baut die Kasse auf und bereitet Plastiktüten für Kuchenstücke vor. Vielleicht gibt es ja diesmal Kuchenstücke.

Olga Gart war selbst Tafel-Kundin, warum denn auch nicht? Komplett versorgen kann man sich bei der Tafel in Fördenberg nicht, es ist "nur" eine schöne und willkommene Ergänzung, wenn die Rente klein ist oder die Grundversorgung einfach nicht ausreicht.

Tafel Fröndenberg: Ohne Ehrenamtliche wie Olga lief die Ausgabe nicht

Im Bürgerzentrum auf dem Mühlenberg geben vor allem ehrenamtliche Mitarbeiterinnen die Lebensmittel aus. © Archiv

"Es ist anstrengend, manchmal gibt es auch Streit, manchmal ist irgendwie schlechte Laune im Raum", Olga Gart arbeitet trotzdem mit. "Ich bekomme doch soviel zurück, soviel Dankbarkeit, soviel Freude..." Und soviel Beweise, dass sie echt gebraucht wird, dass sie sinnvolle Arbeit macht. Auch wenn es keiner bezahlt. Mit Geld, sagt Olga Gart, kann man sich auch nicht alles kaufen.

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Man muss ein bisschen robust und resolut sein, manchmal muss man sich Gehör verschaffen, manchmal muss mal sehr verbindlich etwas erklären. Manchmal wird ihr nicht zugehört, manchmal weiß es jemand besser. Olga Gart kann mit den wechselhaften Stimmungslagen im Bürgerzentrum umgehen.

Olga Gart lebt Bescheidenheit und Optimismus vor

Wenn sich etwa 30 Menschen drängeln, um etwas von dem zu bekommen, das die Tafel-Helfer aus Unna herangefahren haben. Keiner weiß vorher, was es gibt. Milchprodukte, Obst und Gemüse, Brot, ab und zu auch Kuchen.

Es ist nicht viel Auswahl da, aber es muss ja auch niemand allein von diesen Produkten leben. „Wir machen das ja auch nur donnerstags, nicht öfter“, sagt Olga Gart. Bescheidenheit lebt sie vor, aber auch eine gute Portion Humor und Optimismus.

2003 hatte sie dem Drängen ihres Sohnes nachgegeben und ist wie so viele aus ihrer Umgebung nach Deutschland ausgewandert. Groß geworden ist sie in einer grund-deutschen Familie in Sibirien. „Meine Großeltern waren Wolgadeutsche, ich habe Russisch erst in der Schule gelernt“, erzählt sie. Der Sohn erlebte, wie immer mehr Familien aus der Umgebung die Koffer packten, also wollte auch er in den vermeintlichen Wohlstand nach Deutschland.

Mit dem Sohn und ohne Mann nach Deutschland

Olga Gart packte und reiste mit ihrem Sohn. Gibt es auch einen Mann dazu? „Ach, es geht ohne Mann besser...“ Dabei lächelt sie verschmitzt. So wie sie das sagt, duldet sie keine Nachfrage an dieser Stelle.

Tafel Fröndenberg: Ohne Ehrenamtliche wie Olga lief die Ausgabe nicht

Olga will solange die gute Seele der Fröndenberger Tafelausgabe bleiben, wie sie kann. © Martin Krehl

Arbeit fand sie in der Hauswirtschaft im Schmallenbach-Haus, eine schöne Arbeit mit netten Kolleginnen und Kollegen. Als sie selbst noch ab und zu etwas zu sparen versuchte und die Tafel aufsuchte, da war die noch im Evangelischen Gemeindehaus unten in der Innenstadt.

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"Das war besser, das war zentral für die meisten Leute, die zu uns kommen", bedauert sie wie alle ihre Teamkolleginnen der Umzug zum Mühlenberg. Sie selbst hat die Tafel nun quasi vor der Haustür, aber sie weiß, wie beschwerlich der Weg mit dem Bus für viele Kunden der Tafel ist.

Wer ist für Sie
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  • Im Rampenlicht stehen oder besonders gelobt werden, das will sie nicht - aber sie ist in jedem Verein, jedem Klub und jedem Kränzchen unverzichtbar. Die "gute Seele" vom Ganzen hält sich eher im Hintergrund, steht aber uneigennützig sofort parat, wenn sie gebraucht wird.
  • Der Hellweger Anzeiger möchte in loser Folge an dieser Stelle über die berühmten "guten Seelen" berichten. Welche Motivation treibt sie an? Warum opfern sie ihre Freizeit, Kraft und Nervenstärke?
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  • Wer ist Ihre "gute Seele"? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns: Tel. (02303) 20 21 31 oder froendenberg@hellweger-anzeiger.de.

„Einige, die früher zu uns kommen konnten, schaffen das hier herauf nicht mehr“, bedauert Olga Gart. Früher in der Innenstadt, da kamen immer um die 50 Männer und Frauen und ließen sich gegen kleines Geld Waren geben, die Supermärkte oder vereinzelt auch Privatpersonen gespendet hatten. Zum Mühlenberg kommen allenfalls 30 Menschen.

Olga Gart ist auch aufgefallen, dass heute mehr nach Fröndenberg geflüchtete Menschen zur Tafel kommen als Deutsche. Natürlich sind ihr und allen im ehrenamtlichen Tafel-Team Geflüchtete willkommen, aber sie beobachtet sorgenvoll, dass die Tafel längst nicht mehr das Klientel erreicht, für das sie mal gedacht war.

Olga Gart würde etwas fehlen, wen sie nicht mehr donnerstags drei Stunden hart arbeiten dürfte: „Also mache ich das, solange ich es kann."

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