Wohnen im alten Wartesaal: Großzügig und trotzdem gemütlich hat es Familie Becker, die den stillgelegten Bahnhof von Fröndenberg-Frömern in vielen Jahren zu ihrem Traumhaus umgebaut hat. © Marcel Drawe
Immobilie der Woche

Täglich grüßt der Lokführer: Wohnen und Winken im alten Wartesaal

Im alten Wartesaal steht eine Wohnlandschaft, der frühere Fahrkartenschalter ist eine stylische Küche: Familie Becker hat einen Bahnhof zum Traumhaus umgebaut – die Züge rollen dennoch weiter.

Fährt die Regionalbahn den Haltepunkt Fröndenberg-Frömern an, der quasi am Haus liegt, winken Passagiere der auf der Terrasse sitzenden Familie gern mal zu. „Wir winken dann zurück“, erzählt Tobi Becker lachend.

»Für alle anderen Augen war das eine Bauruine, wir haben das Potenzial gesehen.«

Tobi Becker

Man kennt sich. Zumindest gilt das mittlerweile für die Pendler, die die Strecke täglich nehmen und den Beckers praktisch beim Umbau des Denkmals aus der Kaiserzeit aus Winkdistanz zusehen konnten.

Klassischer Schandfleck im Dorf

Nachdem Anfang der 1980er-Jahre der Betrieb des Bahnhofs stillgelegt worden war, drohte das mächtige Empfangsgebäude aus dem Jahr 1898 zunächst zu verfallen. Zerborstene Schieferplatten, zugenagelte Fenster, immer wieder Vandalismus – das einst stolze Bauwerk war zum klassischen Schandfleck eines Dorfes geworden.

Vorgänger der Beckers, die der Deutschen Bahn das Haus abkauften, begannen dann vor 30 Jahren damit, ein architektonisches Kleinod umfassend zu sanieren und ließen es unter Schutz stellen.

Früher Fahrkartenschalter, jetzt Küche: In Eigenarbeit ist aus dem einst stark verfallenen Gebäude wieder ein Schmuckkästchen geworden.
Früher Fahrkartenschalter, jetzt Küche: In Eigenarbeit ist aus dem einst stark verfallenen Gebäude wieder ein Schmuckkästchen geworden. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

»Bis dahin war ich unter meinen Freunden nicht gerade als Handwerker bekannt.«

Tobi Becker

Seit 2009 verwirklicht das Ehepaar Becker für sich, seine drei Kinder und drei Hunde einen Wohntraum, nachdem sie das verschieferte Haus mit dem markanten weiß getünchten Holzgiebel übernommen hatten.

„Als Kind habe ich hier gespielt“, erinnert sich Katrin Becker, die in Frömern groß geworden ist. Ihr Elternhaus steht nur 500 Meter entfernt. Die Bohlen in sämtlichen Räumen, die großen Sprossenfenster, Oberlichter in den Türen, eine phänomenale Holztreppe, die in die oberen Stockwerke führt – Katrin Becker hatte alles noch vor Augen.

Handwerkliche Fähigkeiten entdeckt

Schnell war für sie und ihren Mann Tobi daher klar, dass sie hier ganz besondere Wohnideen in die Tat umsetzen könnten, als sie eines Tages die Immobilienannonce sahen.

Gewartet haben sie dennoch eine ganze Zeit lang. Bis der Preis irgendwann so günstig war, dass sie zuschlugen. Schließlich musste noch reichlich in die eigenen vier Wände investiert werden.

Gruppenbild am Bahnsteig: Gleich hinter ihrer Veranda kann Familie Becker den Zügen der Regionalbahn zuwinken (v.l.): Emma, Katrin, Sam, Tobi und Tilda sowie die drei Familienhunde.
Gruppenbild am Bahnsteig: Gleich hinter ihrer Veranda kann Familie Becker den Zügen der Regionalbahn zuwinken (v.l.): Emma, Katrin, Sam, Tobi und Tilda sowie die drei Familienhunde. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

»Um die Verwendung alter Materialen ist ja ein Hype entstanden.«

Katrin Becker

Nur mit ganz viel zusätzlicher Eigenleistung sei das aber möglich gewesen, indem Eltern, Freunde und Bekannte nach Kräften halfen. „Für alle anderen Augen war das eine Bauruine, wir haben das Potenzial gesehen“, sagt Tobi Becker, der aus einem Nachbardorf stammt und ebenfalls in Fröndenberg verwurzelt ist.

Ein bisschen wohnten die Beckers daher auch lange auf einer Baustelle. Allein die steilen Stufen der originalen Treppe komplett abzuschleifen und neu zu versiegeln, war ein Werk von Wochen. Ein einsturzgefährdetes Vordach aus Holz haben sie dank des Wissens eines befreundeten Försters retten können.

„Bis dahin war ich unter meinen Freunden nicht gerade als Handwerker bekannt“, gibt der 42-Jährige grinsend zu.

Landmarke im Fröndenberger Ortsteil Frömern: der verschieferte alte Bahnhof mit dem markanten Holzgiebel.
Landmarke im Fröndenberger Ortsteil Frömern: der verschieferte alte Bahnhof mit dem markanten Holzgiebel. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Die einst öffentlichen Räume, in denen Reisende nach Unna oder ins Sauerland jahrzehntelang auf die Eisenbahn gewartet haben, wo uniformierte Bahnbeamte Bahnsteig- und Fahrkarten ausgaben, strahlen heute geschmackvolle Wohlfühlatmosphäre aus.

Denkmalschutz ist kein Störfaktor

Die Bahn stört da gar nicht? „Der Zug läuft hier sanft ein“, sagt Tobi Becker völlig entspannt. Zweimal in der Stunde ist Halt in Frömern. Vermutlich weniger störend als Auto- und Lkw-Verkehr anderswo.

Aus dem Betriebsraum des Bahnhofsvorstehers im Obergeschoss sind nun Schlafzimmer und Kinderzimmer für Sam (5) und Tilda (7) geworden; im einstigen Lagerraum unter dem Dach wohnt Tochter Emma (13).

Der Bahnhof Frömern vor gut hundert Jahren: Züge halten heute immer noch, doch der im Empfangsgebäude lebt heute eine fünfköpfige Familie mit ihren drei Hunden.
Der Bahnhof Frömern vor gut hundert Jahren: Züge halten heute immer noch, doch der im Empfangsgebäude lebt heute eine fünfköpfige Familie mit ihren drei Hunden. © Privat © Privat
Die Historie der denkmalgeschützten Immobilie erläutern Beckers vor dem alten Bahnhof in einem Schaukasten.
Die Historie der denkmalgeschützten Immobilie erläutern Beckers vor dem alten Bahnhof in einem Schaukasten. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

»Fertig ist man mit einem solchen Objekt nie – das ist ja auch das Schöne.«

Tobi Becker

Nur weil Beckers es verraten, wird überhaupt sichtbar, dass die stylische Küche eine umlackierte Ikea-Zeile und der massive Esstisch im Vintage-Look aus Holzplanken selbst zusammengezimmert ist. „Wir haben immer Ideen“, sagt Tobi Becker.

Die historischen Einbauten im Haus müssen wegen des Denkmalschutzes nicht nur erhalten werden; Beckers habe geradezu ein Faible, Altes aus Stein, Glas und Holz so gut es geht originalgetreu zu vervollständigen. Doch so einfach ist das gar nicht.

Goldschmiede im alten Güterschuppen

„Um die Verwendung alter Materialen ist ja ein Hype entstanden“, weiß Katrin Becker. Sie zu finden daher schwer.

Als Goldschmiedin ist die 44-Jährige vom handwerklichen Fach. Ihr eigenes Atelier „Juvenile“ mit Werkstatt und Schmuckausstellung über zwei Etagen hat sie übrigens nebenan im ehemaligen Güterschuppen. „Wohnen und arbeiten wollten wir gern verbinden“, sagt der Familienvater, selbst zurzeit im Homeofffice.

Tilda muss sich ganz schön strecken: Die originalen Baupläne hängen im historischen Holztreppenhaus, das Beckers restaurierten.
Tilda muss sich ganz schön strecken: Die originalen Baupläne hängen im historischen Holztreppenhaus, das Beckers restaurierten. © Marcel Drawe © Marcel Drawe

Der alte Bahnhof ist fast schon so etwas wie ein Ausflugsziel geworden. Denn außerdem hat das Ehepaar das alte Stellwerk an die „Törtchenschmiede“, eine angesagte Konditorei, von zwei erst kürzlich prämierten Zuckerbäckerinnen vermietet; im Gewölbekeller gibt es zudem ein Fotostudio. Viele Besucher, auch aus dem weiteren Umkreis, sind Beckers daher gewohnt.

Das Dach, der Schiefer, die Fassade – zu tun gibt es auch in Zukunft noch viel am Haus. „Fertig ist man mit einem solchen Objekt nie – das ist ja auch das Schöne“, findet Tobi Becker.

Der Haltepunkt der Regionalbahn 54 in Frömer: Die Züge nach Unna und Richtung Sauerland sehen Beckers zweimal stündlich vorbeirollen.
Der Haltepunkt der Regionalbahn 54 in Frömer: Die Züge nach Unna und Richtung Sauerland sehen Beckers zweimal stündlich vorbeirollen. © Marcus Land © Marcus Land

So wie nach hinten an der Gleisseite fühlen sich Beckers auch von vorn, wo Passanten durch ein grandioses Sprossenfenster in den Wohnraum blicken können, überhaupt nicht gestört.

Diese Offenheit zeichnet das Leben der Beckers aus. Denn wo sich sonst Eigenheimbesitzer in ihrem Reich gern oft mit hohen Hecken umgeben, zeigt die Familie überhaupt keine Berührungsängste.

Und wenn auf der Veranda am Bahnsteig gegrillt wird, läuft von den Beckers hin und wieder jemand zum haltenden Zug und reicht schnell ein Bratwürstchen durchs Fenster in den Führerstand: Ein Freund der Familie ist nämlich Lokführer.

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Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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Marcus Land

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