Sütterlin: Fröndenberger bieten Übersetzungshilfe für eine fast ausgestorbene Handschrift

dzNostalgie

Liebesbriefe, Geburtsurkunden, Postkarten – es ist bedauerlich, wenn man den spannenden Inhalt alter Dokumente aus Großmutters Zeiten nicht entziffern kann. In Fröndenberg gibt‘s Übersetzungshilfe.

Fröndenberg

, 18.12.2019, 11:05 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bärbel Beckmann sitzt vor einem Schwung alter Dokumente. Ihr Blick wechselt zwischen der alten Sterbeurkunde und einem Blatt mit Buchstaben hin und her. Die Fröndenbergerin übersetzt Schriftstücke, die in Sütterlin verfasst sind.

„Man erfährt ganz viele geschichtliche Hintergründe.“
Bärbel Beckmann

Menschen, die heute in ihren Neunzigern oder Achtzigern sind, haben die früher in Deutschland übliche Schreibschrift noch in der Schule gelernt. In Nachlässen finden Erben daher häufig unzählige Schriftstücke, die sie nicht entziffern können. Denn die Buchstaben des Sütterlin-Alphabets unterscheiden sich oft stark von den heute gebräuchlichen lateinischen Lettern.

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Sütterlin: Fröndenberger bieten Übersetzungshilfe für eine fast ausgestorbene Handschrift

Mit Hilfe einer Alphabet-Gegenüberstellung kann Bärbel Beckmann auch Handschriften in Sütterlin in die heute übliche Schreibschrift übertragen. © Udo Hennes

Bärbel Beckmann erlebt oft, dass Leute ihr alte Urkunden zum Übersetzen vorbeibringen, weil bei Behördenanträgen Familiendaten eine Rolle spielen.

Die Fröndenbergerin transkribiert neben Fritz Stüwe und Brigitte Sprunk die Schriftstücke im Repair-Café im Bürgerzentrum auf dem Mühlenberg. Exakt müsste man von Transliteration sprechen, also dem buchstabengetreuen Umschreiben.

Zur Sache


Schreibschrift und Druckschrift

  • Der Pädagoge Ludwig Sütterlin entwickelte 1911 aus der bis dahin gängigen Kurrentschrift die fließendere Sütterlinschrift. Deutsche Kinder lernten seither Sütterlin als „deutsche Schrift“.
  • Weltweit herrschte dagegen die in römischer Tradition stehende Schreibschrift vor, daher wurde in den Schulen in Deutschland weiterhin auch die heute gängige Schreibschrift gelehrt.
  • In einem Erlass aus dem Jahr 1941 ordnete Hitler an, dass künftig nur noch die Deutsche Normalschrift zu lehren sei, nicht mehr Frakturschrift oder Sütterlin. Der angeblich jüdische Ursprung der Frakturschrift war eine Lüge. Vermutlich sorgte man sich bei den Nazis, dass ihre in Fraktur verfasste Propaganda im Ausland nicht zu entziffern war.
  • Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich die in den Schulen gelehrte Schreibschrift nochmals: 1953 kam die Lateinische Ausgangsschrift in Westdeutschland, 1968 die Schulausgangsschrift in Ostdeutschland, zeitgleich im Westen die vereinfachte Ausgangsschrift und seit 2011 die Grundschrift, die einer Druckschrift stark angenähert ist.

Beckmann ist 67, ging in den 1950er- und 1960er-Jahren zur Schule. Die Sütterlinschrift war allerdings bereits 1942 im Unterricht von der Deutschen Normalschrift abgelöst worden. Dennoch lernte Beckmann am damaligen Städtischen Mädchen-Oberlyzeum in Unna noch Sütterlin.

Denn die „ältlichen Fräuleins“ an ihrer Penne, wie sie liebevoll sagt, lehrten Sütterlin noch als Kunstschrift im Kunstunterricht. Heute ist Bärbel Beckmann dankbar für diese Lektionen.

„Man erfährt ganz viele geschichtliche Hintergründe“, erzählt Beckmann, die ganz fasziniert ist, wenn sie in alten Briefen eines kaiserlichen Soldaten in die Fröndenberger Heimat plötzlich entziffert: „Ich habe heute den Kronprinzen getroffen!“

Ansprüche bei Behörden oder Ahnenforschung

Solche spektakulären Funde sind aber eigentlich nur eine Begleiterscheinung ihres Auftrags. Denn oft sollen ihre Umschriften helfen, Ansprüche bei den Ämtern zu begründen, wenn etwa vor Jahrzehnten erhaltener Wehrsold für die Rente wichtig wird.

Viele Menschen bringen Bärbel Beckmann auch Bündel von Briefen, weil sie bei der Ahnenforschung in ihrer Familie weiterkommen wollen.

Kinder dürften sie ohnehin für eine Geheimschrift halten. Doch das Übertragen in lateinische Buchstaben ist auch dann nicht so einfach, wenn man die Sütterlinschrift selbst einmal gelernt hat. Denn schließlich müssen Handschriften entziffert werden und die sind damals wie heute mal leserlicher und mal kreativer zu Papier gebracht worden.

Unleserlichkeit trifft auf Sütterlin wohl noch stärker als auf die lateinische Ausgangsschrift zu. „Es ist schwieriger, als ich mir das gedacht habe“, gibt Bärbel Beckmann zu, „denn die Buchstaben verfließen ineinander.“

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Sütterlin: Fröndenberger bieten Übersetzungshilfe für eine fast ausgestorbene Handschrift

Wer kann schon Sütterlin lesen? In vielen Schubladen dürften Schriftstücke wie Urkunden, Briefe oder Postkarten schlummern, die kaum zu entziffern sind. © Marcus Land

Hinzu kommt, dass das kleine „e“ und das kleine „r“ dem kleinen „n“ zum Verwechseln ähnlich sind, das kleine „s“ könnte man ebenso gut für ein „f“ halten. Die Großbuchstaben unterscheiden sich manchmal ebenfalls vollkommen von unserer heute gängigen Schreibschrift.

„Solche authentischen Briefe zu haben ist noch einmal etwas ganz anderes, denn da stecken ja Menschen dahinter.“
Bärbel Beckmann

Geholfen hat Bärbel Beckmann das Angebot der Sütterlinstube Hamburg, die seit Jahren in großem Umfang alte Schriftstücke überträgt. Von dort hat sie auch eine Übersicht über die Alphabete in „deutscher“ und lateinischer Schreibschrift.

Das Stadtarchiv überträgt historische Kirchenbücher

Das Transkribieren alter Schriften ist nichts Ungewöhnliches. Auch Fröndenbergs Stadtarchivar Jochen von Nathusius ist schon seit Längerem damit beschäftigt, historische Kirchenbücher für die Heutigen zu übertragen.

Denn oft sind Kirchenbücher, neben Schulchroniken, die einzige zeitgeschichtliche Quelle, aus denen wichtige Angaben über Ereignisse und Personen in der Dorf- und Stadtgeschichte entnommen werden können.

Bei Bärbel Beckmanns Job geht es eher um Familiäres, da kann sich neben den Sterbe- oder Heiratsurkunden auch einmal Großmutters Liebesbrief in einem Papierbündel finden. Bärbel Beckmann: „Solche authentischen Briefe zu haben ist noch einmal etwas ganz anderes, denn da stecken ja Menschen dahinter.“

„Oma, kannst du das lesen?“ ist der Titel einer Sonderausstellung zur Geschichte der Schreibschrift im Westfälischen Schulmuseum, An der Wasserburg 1, 44379 Dortmund, Tel. (0231) 6130 95; geöffnet Dienstag bis Sonntag, 10 bis 17 Uhr; bis 12. Januar 2020.
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