Suche nach der seltenen Kohle kostete ein Leben

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„Drei Bergleute lachen wieder“, titelte der Hellweger Anzeiger am 15. Oktober 1953, nachdem sich an den beiden Tagen zuvor in der Kleinzeche „Frohe Ansicht“ ein Drama abgespielt hatte, bei dem ein Bergmann den Tod fand.

von Sebastian Pähler

Fröndenberg

, 10.10.2018, 15:38 Uhr / Lesedauer: 3 min

Am Morgen des 13. Oktober wurden aufgrund eines Strebbruches im Flöz Dreckbank vier Bergleute verschüttet. Der 24 Jahre alte Walter Sudhoff aus Frömern starb. Die Bergleute Gustav Potthoff aus Ardey, dessen Schwager Werner Liebers aus Fröndenberg und Fritz Schwake aus Strickherdicke wurden in 60 Metern Tiefe eingeschlossen. Gegen 9 Uhr fuhr ein zur Hilfe gerufener zwölfköpfiger Rettungstrupp der Zeche Königsborn ein, um die Kumpel zu befreien. Auf der erst kurz zuvor wieder in Betrieb genommenen Kleinzeche hatte es sowohl an Erfahrung als auch an geeignetem Gerät gefehlt. Durch Klopfzeichen war es Potthoff gelungen, auf sich aufmerksam zu machen. Dies konnte er nur, da er zufällig eine Kombizange in der Hosentasche hatte. Durch ein ins Flöz eingeführte Pressluftrohr wurde die erste Kontaktaufnahme mit den Verschütteten möglich. Kurz nach 22.30 Uhr erloschen ihre Karbidlampen, sodass sie die Nacht nicht nur in Kälte, sondern auch in Dunkelheit verbringen mussten. Um 10.45 Uhr des 14. Oktober erreichte der Rettungstruppe die Eingeschlossenen. Es sollte aber noch bis 12 Uhr dauern, bis die drei Bergleute wieder das Tageslicht erblickten. Die Zeche „Frohe Ansicht“ wurde unmittelbar danach stillgelegt. Von dem Betreiber, Emil Deichmüller (nach anderen Quellen Deißmüller) heißt es, er sei kurz nach dem Unglück verschwunden, da er Gerüchten zufolge an der Sicherheit gespart habe. Tatsächlich stellten Experten am Tag der Rettung fest, dass dieses Unglück so in jeder Grube hätte passieren können.

Ruhrstadt für den Bergbau uninteressant

Die Geschichte des Bergbaus in Fröndenberg ist ein bisschen wie die Suche nach der sagenumwobenen, goldenen Stadt El Dorado. Immer wieder haben es Menschen versucht – immer wieder vergebens. Grund ist die geologischen Beschaffenheit der Region, erläutert Bergbauingenieur Joachim Huske.

An verschiedenen Stellen treten zwar kohleführende Gesteinsschichten an die Oberfläche. „Fenster“ sagen Geologen zu dem Phänomen, durch das die Menschen auf die Schätze unter der Erde aufmerksam wurden. Gerade in Fröndenberg fielen diese auf, denn eigentlich endet das flözführende Steinkohlegebirge des Ruhrreviers östlich von Opherdicke und Billmerich und wird ab da von jüngeren Kreideschichten überdeckt. In Fröndenberg treten die Karbonschichten aber noch einmal zutage und konnten hier schon vor Jahrhunderten mit damaligen Mitteln abgebaut werden.

Erster Abbau 1575 dokumentiert

Tatsächlich findet sich sogar die frühste urkundliche Erwähnung über den Steinkohleabbau im heutigen Kreis Unna auf Fröndenberger Gebiet. Bereits 1575 wurde bei der zuständigen Behörde in Kleve Anträge auf den Abbau von Steinkohle eingereicht, wie Huske berichtete. „Als Fundort wurde Herigke beziehungsweise die Gemeinde Veheweide zwischen Upherdicke (Opherdicke) und Langschede angegeben.“ Da es in diesem Bereich nachweislich keine Kohle gegeben haben kann, ist sich der als „Bergbaupapst“ bekannte Huske sicher, dass eigentlich ein weiter nördlich gelegener Fundort gemeint ist, nämlich die Gegend zwischen Strickherdicke und Thabrauk.

„Frohe Ansicht“ nahm 1821 Betrieb auf

Genau hier nahm 1821 die Zeche „Frohe Ansicht“ den Betrieb auf. Mit bis zu 60 Meter tiefen Schächten und einer mehr als ein Jahrhundert andauernden Fördergeschichte das größte Förderprojekt der Ruhrstadt. Dass aber auch hier der Abbau sich kaum lohnte, verrät der zweite Name der Kleinzeche, die der Volksmund „Zeche Elend“ getauft hatte.

Die Region ist aus bergmännischer Sicht einfach „völlig uninteressant“, sagt Huske. Denn die Fördermengen reichten einfach für eine kommerzielle Nutzung nicht aus. Was gefördert wurde, wurde meist privat von anliegenden Bauern genutzt. Die später zuständige Bergbaubehörde in Dortmund wollte den Fröndenberger Abbau sogar stoppen. Auch weil der beaufsichtigende Revierbeamte zu Pferde immer einen ganzen Tag lang unterwegs war. Dass es dazu nicht kam, lag am Protest nahegelegener Abnehmer. So wurden Kohle und Erz etwa in den Kettenschmieden der Umgebung benutzt. In Unna Königsborn fand die Kohle Verwendung zur Solesiedung. In Balve wurde sie zur Eisenverhüttung gebraucht. Und Ziegeleien der ganzen Region nutzten sie zum Brennen der Ziegel. Mit dem Bau der Eisenbahnlinie Ende des 19. Jahrhunderts, die Rohstoffe aus dem Siegerland brachte, waren die Fröndenberger Zechen aber nicht mehr konkurrenzfähig.

Zeche „Zum Wilden Mann“

Trotzdem lassen sich bis heute viele Stellen finden, wo zumindest eine Zeit oder zur Probe Abbau betrieben wurde. So etwa die Zeche „Zum Wilden Mann“ im Tal des Voßacker-Baches, die über einen 42 Meter langen Stollen verfügte. An der Hellkammer in Bausenhagen findet man in einer Natursteinwand, die einen Abhang stützt, eine auffällige Öffnung. Hier ging es früher in einen kurzen Suchstollen, dessen dünne Erzschicht sich aber ebenfalls nicht für den Abbau lohnte. Besondere Anziehungskraft verbreitete ein heute überfluteter Stollen am Waldrand in Warmen, von dem es hieß, hier seien Edelsteine zu finden, da Teile der Decke vor Glimmer funkeln. Dieser Erzsuchstollen gehörte wahrscheinlich zum Kloster Scheda, dieses erhielt 1775 die bergbehördliche Erlaubnis zur Förderung von Steinkohle. Belege dafür gibt es nicht – wahrscheinlich, weil auch dieses Unterfangen ohne Ergebnis blieb.

Suche nach der seltenen Kohle kostete ein Leben

Tilo Cramm (Leiter des Arbeitskreises Dortmund des Fördervereins Bergbauhistorischer Stätten Ruhrrevier) bei einer Besichtigung des Stollens in Warmen (Kloster Scheda) 2010. Neben ihm Munitionskisten, die offenbar im Krieg dort versteckt wurden.

Ein kurzes Aufflammen erlebte der Bergbau in Fröndenberg noch einmal in den 40er und 50er Jahren. Der Zweite Weltkrieg befeuerte die verzweifelte Suche nach allen Bodenschätzen, derer man habhaft werden konnte. Dass die Ergebnisse die Risiken aber nicht wert waren, wurde 1953 deutlich, als sich kurz nach der Wiederaufnahme der Fördertätigkeit der Zeche „Frohe Ansicht“ das Grubenunglück ereignete. Trotzdem gab es bis in die 1980er Jahre Versuche, den Bergbau in Fröndenberg wiederzubeleben.

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