Stromsperren: Ratsherr kritisiert „Vollstrecker“ der Stadtwerke Fröndenberg

dzSozialhilfeempfänger

Der Strom kann Haushalten abgedreht werden. Ein Fröndenberger Ratsherr kritisiert, dass die „Vollstrecker“ den offenbar bedürftigen Wohnungsinhabern dafür auch eine Gebühr in Rechnung stellen.

Fröndenberg

, 14.11.2019, 18:25 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der Strom wird gesperrt, wenn Kunden der Stadtwerke ihre Rechnungen nicht bezahlen. Wolfgang Voesch, Ratsherr der Linken in Fröndenberg, kritisiert, dass den zahlungsunfähigen Menschen für diesen Akt Mahngebühren und Sperrgebühren berechnet werden.

Stromsperren: Ratsherr kritisiert „Vollstrecker“ der Stadtwerke Fröndenberg

Wolfgang Voesch, Ratsherr Die Linke © Archiv

»Geld wird zunächst zweckentfremdet, weil es gebraucht wird.«
Wolfgang Voesch, Ratsherr Die Linke

Voesch betreut ehrenamtlich Empfänger von Sozialleistungen und bemerkt eine Zunahme von Stromsperren, wie er sagt, in Unna und auch in Fröndenberg.

Was den Politiker der Linken besonders wurmt: Diejenigen, die ohnehin über sehr wenig Geld zum Leben verfügen, bringen sich aus dieser Not heraus in immer weitere finanzielle Schwierigkeiten – eben weil ihr Fehlverhalten mit Gebühren sanktioniert wird.

Stromsperren kamen 2018 in Fröndenberg 90 Mal vor

In die Bredouille kommen seine Klienten, weil die Kosten der Unterkunft vom Jobcenter nicht an Vermieter und Energieversorger, sondern in der Regel als Geldleistung an die Sozialhilfeempfänger direkt ausgezahlt wird.

Voesch räumt ein: „Geld wird zunächst zweckentfremdet, weil es gebraucht wird.“ Soll heißen: Der für den Haushaltsstrom vorgesehene Anteil der Geldleistung wird vielleicht für ein paar Schuhe oder für Unterrichtsmaterialien, die die Kinder benötigen, ausgegeben. Möglicherweise auch für weniger dringliche Dinge.

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Info

Jobcenter kann Raten an Energieverorger überweisen

  • Sofern Kunden des Jobcenters von Stromsperren betroffen sind, sollen sie so früh wie möglich mit ihrem zuständigen Leistungssachbearbeiter Kontakt aufnehmen und abklären, wie die angefallenen Zahlungsrückstände getilgt werden können.
  • Das Jobcenter empfiehlt seinen Kunden, auch den Kontakt zum Energieversorger aufzunehmen und die Möglichkeit einer Ratenzahlung abzuklären.
  • Auf Wunsch des Kunden ist es möglich, dass das Jobcenter eine vereinbarte Ratenzahlung direkt an den Energieversorger zahlt, allerdings nicht als zusätzliche Geldleistung.
  • Der anfallende Betrag wird von der Regelleistung des Kunden einbehalten, denn die Zahlung des Stroms ist grundsätzlich im Betrag der sogenannten Regelleistung mit einberechnet.
  • Gegebenenfalls ist als eine Option auch die Gewährung eines Darlehens über das Jobcenter möglich. Diese Option sollte aber wirklich nur im Ausnahmefall, nach Prüfung aller alternativen Möglichkeiten, greifen, teilt das Jobcenter mit.

Stromsperren gibt es tatsächlich in Fröndenberg. Eine Zunahme in den letzten Jahren könne er allerdings nicht bestätigen, sagt Stadtwerke-Geschäftsführer Bernd Heitmann.

Rund 90 Mal haben die Stadtwerke 2018 Haushalten den Strom abgedreht, so Heitmann. Weil zahlungsschwache Personen mehrfach im Jahr betroffen sind, handelt es sich aber effektiv nur um 40 bis 50 betroffene Haushalte.

Wer seine Stromrechnung nicht bezahlt, wird zweimal gemahnt. Mit der zweiten Mahnung wird auch die Sperrung des Stroms angedroht. Mit der Mahnung entstehen 4,70 Euro und mit der Stromsperre 18,80 Euro Kosten, die den säumigen Kunden berechnet werden.

Stromsperren abwenden kann man mit Ratenzahlungen

Man biete den betroffenen Haushalten Ratenzahlungen an, um die drohende Sperrung noch abzuwenden. Dennoch kommt es bald hundert Mal im Jahr zu diesem letzten Mittel.

Dafür arbeite man in den kritischen Fällen mit dem Jobcenter zusammen, „um alles sozialverträglich zu gestalten“, so Heitmann.

So suche man nach anderen Lösungen besonders dann, wenn Kinder in dem Haushalt leben. Freitags, also vor den Wochenenden, aber auch vor den Feiertagen, besonders Weihnachten, sehe man von Stromsperren völlig ab.

Natürlich will man Menschen die Festtage nicht verderben, aber auch höhere Kosten für die betroffenen Familien abwenden: Denn wird feiertags oder sonntags Strom abgedreht, steigen die Arbeitskosten – und die Rechnung ebenso.

Stromsperren: Ratsherr kritisiert „Vollstrecker“ der Stadtwerke Fröndenberg

Stadtwerke-Geschäftsführer Bernd Heitmann © ARCHIV

»Wir sind keine Parallelsozialbehörde.«
Bernd Heitmann, Geschäftsführer Stadtwerke Fröndenberg

Anders verfahren die Stadtwerke übrigens beim Wasser. „Eine Sperre versuchen wir völlig zu vermeiden“, betont Bernd Heitmann. Eine Sperrung der Wasserleitung sei 2018 in Fröndenberg auch kein einziges Mal vorgekommen.

Wasser sei ein Lebensmittel, man benötige es für die Toilettenspülung, eine Sperrung der Wasserversorgung müsse daher sehr sensibel gehandhabt werden. Daher schalte man hier auch stets die Sozialbehörde ein, damit schnellstmöglich eine Lösung gefunden wird.

Beim Strom verhält es sich anders. Er ist letztlich nicht unbedingt lebenswichtig, in Einzelfällen könne sicherlich auch die Heizung betroffen sein, was im Winter unangenehme Folgen haben. Aber: „Wir sind keine Parallelsozialbehörde“, sagt Bernd Heitmann.

ZUR SACHE

CHIPKARTE ALS VORAUSZAHLUNG

  • Die Stadtwerke bieten Kunden alternativ zur Rechnung einen Chipkartenzähler an. Der Kunde hat Strom, solange Guthaben auf der Karte ist.
  • Wer also die Karte beispielsweise mit 100 Euro Guthaben auflädt, kann an dem Zähler zuhause ablesen, wie lange er den Strom noch beziehen kann.
  • „Dann hat der Kunde es selbst in der Hand, sich darum zu kümmern“, sagt Bernd Heitmann. Eine Sperrung des Stroms entfällt auf diese Weise.
  • Die Karte ist um beliebige Beträge wiederaufladbar; die Stadtwerke akzeptieren auch eine geringfügige Überziehung.

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