Die Fröndenberger SPD feiert in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen. Kurt Potthoff gehört zum Jubiläumskomitee und spricht über Nachwuchssorgen, eine überalterte Ratsfraktion und Hetze auf Facebook.

Fröndenberg

, 29.03.2019 / Lesedauer: 4 min

Vor einem besonderen Jubiläum steht die Fröndenberger SPD in diesem Jahr: Die Sozialdemokraten feiern die Gründung ihres Ortsvereins vor 100 Jahren. Die SPD war in der damalige Gemeinde recht spät dran, denn der Landstrich war eher konservativ geprägt. In den zurückliegenden Jahrzehnten konnte die Partei oft Mehrheiten bei Wahlen erringen und hat mehrere Stadtoberhäupter gestellt. Mit Kurt Potthoff, seit 2015 Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Mitte und Mitglied des Jubiläumskomitees, haben wir uns auf einen Espresso verabredet und den Blick vor allem in die Zukunft gerichtet.

Herr Potthoff, graben Sie für die Festschrift zum 100. Geburtstag schon fleißig in den Archiven?

Willi Demmer hat das Archiv im Kopf! Er ist unser Brunnen, der nur so sprudelt. Allerdings können wir tatsächlich die Lücke zwischen 1919 und 1964 nicht schließen. In der Nazizeit mussten wir uns ja verstecken und offenbar sind viele Unterlagen vernichtet worden. Wir sind daher dankbar, wenn wir aus der Bevölkerung noch Hinweise erhalten könnten.

„SPD-Sitzungen sind öffentlich – stattdessen werden wir in den Sozialen Medien zerrissen“

© Vivien Nowak

Dann wenden wir uns doch einfach der Gegenwart zu. Wie geht es denn der SPD Fröndenberg als Partei heute?

Unsere Mitgliederzahl hat sich in den letzten zehn Jahren kontinuierlich erhöht, das ist eine starke Truppe geworden. Der gesamte Stadtverband Fröndenberg hat heute knapp über 200 Mitglieder. Allerdings hatte allein der Ortsverein Mitte in seinen Glanzzeiten auch schon einmal rund 195 Mitglieder. Wichtig ist uns, dass wir Gleichberechtigung im Vorstand haben, was auch die jüngeren Mitglieder anbelangt. Mit Taner Cegit als Bildungsobmann und Julian Koch als Mitgliederbeauftragter haben wir sehr junge Leute im Vorstand. Besonders stolz sind wir, dass Taner Cegit mit Migrationshintergrund einen vorherigen CDU-Wahlkreis bei der Kommunalwahl direkt gewonnen hat. Er hat einen Haustürwahlkampf gemacht und sich seine Sporen wirklich verdient.

„SPD-Sitzungen sind öffentlich – stattdessen werden wir in den Sozialen Medien zerrissen“

Zu Kurt Potthoffs (4.v.l.) Aufgaben als Vorsitzender des SPD-Ortsvereins Fröndenberg-Mitte gehört in jedem Jahr auch die Ehrung langjähriger Mitglieder. © Picasa

In der Zusammensetzung der SPD-Ratsfraktion schlägt die Jugend aber noch nicht richtig durch . . .

Vor Taner Cegit und Julian Koch bin ich mit 61 Jahren einer der Jüngsten in unserer Fraktion gewesen! Einige Ältere werden uns nach der nächsten Kommunalwahl verlassen, das ist ja kein Geheimnis. Herbert Ziegenbein hat ja bereits den Fraktionsvorsitz abgegeben. Aufgrund unserer Altersstruktur können wir bestimmt vier oder fünf Ratsmitglieder ersetzen. Da werden wir Platz schaffen für junge Leute.

Es ist immer von den Ochsentouren durch die Partei die Rede. Lassen sich Jüngere denn überhaupt noch für Parteiarbeit begeistern?

Wir sagen den Jüngeren ganz klar: Ihr müsst nicht Plakate kleben und euch damit hocharbeiten, wie es früher immer geheißen hat. Die Jüngeren sollen ja die Politik auch in ihrem Sinne verändern können. Manche muss man dafür aber auch erst einfangen.

„SPD-Sitzungen sind öffentlich – stattdessen werden wir in den Sozialen Medien zerrissen“

Daniel Heine – hier mit seiner Ehefrau auf einem Foto aus den 1950er-Jahren – gehört zu den Sozialdemokraten der ersten Stunde in Fröndenberg. Bekannt ist, dass er gemeinsam mit Philipp Amos über die Liste der Arbeitsgemeinschaft der freien Gewerkschaften in den Fröndenberger Gemeinderat einzog. © Stadtarchiv Fröndenberg

Haben Sie denn Erfolg dabei, Jüngere einzufangen?

Bei den jungen Leuten gibt es das grundsätzliche Problem, dass man nie weiß, wo sie einmal landen. Ein gutes Beispiel dafür ist meine Tochter Ann-Cathrin. Sie ist übrigens noch sozialdemokratischer als ich. Ann-Cathrin war Ortsvorsitzende der Jusos in Fröndenberg. Dann hat sie einen Studienplatz für Medizin in Plovdiv in Bulgarien erhalten und studiert seitdem dort. Es stellt sich eben häufig die Wohnortfrage für die jungen Leute. Das ist schade. Torben Böcker hat durch seine Arbeitsstelle im Dortmunder Raum auch den Wohnort gewechselt. Und bei Sebastian Kratzel, unserem derzeitigen Jusovorsitzenden, könnte es ähnlich sein. Er studiert momentan ja Maschinenbau. Das ist das Dilemma für uns.

Wer in die Lokalpolitik geht, muss wissen, dass er auch Freizeit opfern muss.

Beruf und Ehrenamt miteinander zu verbinden, wird immer schwieriger. Die meisten Ausschuss- und Ratssitzungen fangen um 17 Uhr an. Aber allein einen Ortstermin wahrzunehmen, ist für viele Berufstätige nicht möglich. Den kann ich ja nicht machen, wenn es dunkel ist. Weil ich selbst im Außendienst tätig bin, kann ich meine Arbeitszeit flexibler einteilen.

Von politischem Desinteresse kann man ja gerade in Fröndenberg nicht reden, oder?

Daher sind auch unsere Vorstandssitzungen immer öffentlich. Jeder kann dazu kommen. Stattdessen werden wir aber oft in den Sozialen Medien zerrissen. Wir fetzen uns natürlich auch untereinander, aber müssen am Ende immer zu einem Konsens kommen. Wir kungeln keine Mehrheiten aus. Es darf vor allem auch gegen die eigene Fraktion gestimmt werden. Die Freiheit nimmt sich jeder von uns.

Will sich die Fröndenberger SPD denn noch weiter öffnen auch angesichts der Dominanz politischer Debatten im Internet?

Wir werden uns für die nächste Kommunalwahl stärker in den Sozialen Medien engagieren. Es klafft bei uns momentan eine Lücke zwischen 30 und 50 Jahren. Wir brauchen aber gerade die arbeitende Bevölkerung, Menschen mit Beruf und Familie, die in der Mitte des Lebens stehen und in Fröndenberg ihre Heimat gefunden haben. Denn es bleibt eine Herausforderung für uns, wieder so viele junge Leute zu aktivieren, dass wir auch noch 150 Jahre alt werden.

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