Der erste Schwarze im Bundestag, Sozialdemokrat, direkt gewählt in Ost-Deutschland, den Doktor gemacht nach Studien im Kleingartenwesen – Karamba Diaby beeindruckt auf besondere Weise.

Fröndenberg

, 30.08.2018 / Lesedauer: 3 min

Der Ruf des Ungewöhnlichen eilt dem SPD-Politiker voraus. Sein Parteifreund Oliver Kaczmarek, Abgeordneter für den Wahlkreis Unna I, lud Dr. Karamba Diaby, der in seinem Buch „Mit Karamba in den Bundestag“ den Alltagsrassismus entlarvt, zur Lesung nach Fröndenberg ein. Das Motto der Reihe SPD-Fraktion im Dialog: Zusammenhalt stärken.

Beim sozialdemokratischen Kernthema Solidarität kann Karamba Diaby, der 1985 zum Studium in die DDR kam, mitsprechen. In der Person des als Waise aufgewachsenen Mannes vereinigen sich derart viele Erfahrungen, dass der gebürtige Senegalese der deutschen Gesellschaft von Bildungsgerechtigkeit bis Flüchtlingsproblematik den Spiegel vorhalten kann. Der Abend in dem voll besetzten Café am Markt glich daher einem Parforceritt durch die bundesdeutschen Befindlichkeiten des Jahres 2018. Diaby, der bei seiner ersten Kandidatur für den Bundestag 2013 im Wahlkreis Halle an der Saale wahrnehmen musste, wie ein angesehenes Nachrichtenmagazin seine Bewerbung als „Experiment“ betitelte, weil ein Schwarzer „in der Hochburg der Nazis“ kandidiere, sagt heute: „Die Vorurteile über den Osten sind mit den Vorurteilen Europas über Afrika vergleichbar.“

Klare Botschaften an nach Sensationen heischenden Medien

Der Afrikaner, der über Umwege und „mit Glück“, wie er immer wieder betont, nach Europa kam, begreift sich heute als „Hallenser“ und präsentiert der ebenfalls nach einer Sensationsgeschichte heischenden New York Times mit Halle „eine Stadt der kulturellen Vielfalt“. Diaby dazu: „Meine Botschaft war klar.“

Diaby neigt nicht dazu anzukreiden, sondern analysiert und stellt zur Debatte. Seine ungewöhnliche Lebensgeschichte öffnet die Augen für Zusammenhänge, die oft im Dunklen bleiben. In seinem Heimatland wäre ihm ein Studium möglich gewesen – hätte der Senegal auf Druck des Internationalen Währungsfonds nicht seinen Bildungsetat gekürzt und die Internate im Land abgeschafft.

Bildungsgerechtigkeit ist zu seinem Leib- und Magenthema geworden

Bildungsgerechtigkeit ist daher zu seinem Leib- und Magenthema geworden. „Der Bildungserfolg darf nicht abhängig sein von der Finanzlage der Eltern“, lautet so ein Satz, der aus seinen persönlichen Erlebnissen resultiert. Seine Fachkompetenz steht selbst in Berlin zunächst im Schatten des Interesses für seine Karriere. „Es hat etwas gedauert, bis man merkte, dass ich auch fachlich etwas zu sagen habe“, erinnert sich Diaby – immer verschmitzt lächelnd, nie vorwurfsvoll.

Das Publikum, darunter viele SPD-Anhänger, nutzt natürlich die Gelegenheit, um den Gast nach seiner Meinung über Rechtspopulismus und Flüchtlingsproblematik zu befragen. Der Mann, der selbst mit rassistischen Anfeindungen zu kämpfen hat, argumentiert hier ganz ohne Schaum vorm Mund. Hinterfragt die oft gebrauchte Formel von den Fluchtursachen, die zu bekämpfen seien.

So macht er deutlich, was es für die Fischer des Senegals bedeutet, wenn die Westküste des Landes von Flotten aus Industrieländern leergefischt wird oder für die Bauern des Landes, wenn tiefgefrorenes Hühnerbein auf den dortigen Märkten landet. Existenzgrundlagen werden förmlich entzogen. „Das sind Wahrheiten, die wir auch hier diskutieren müssen.“

Auch auf die Frage nach Mitteln gegen „geistige Brandstiftung“, die den Rassismus im Land beflügelt, gibt Diaby eine sachliche, nicht emotionale Antwort: Haltung zeigen, auch wenn es anscheinend vielen oft nicht gefällt. „Dieses Land ist zu schön, um es den Leuten zu überlassen, die nur hetzen und spalten wollen“, sagt der Mann, der seine Wahlheimat Halle an der Saale in 32 Jahren kaum länger als einige Wochen am Stück verlassen hat.

Studien in Kleingärten lassen ihn tief in die Psyche des Durchschnittsbürgers blicken

Und dann sagt Karamba Diaby, der einst die Schwermetallbelastung in den Halleschen Kleingärten untersuchte und dabei tief in die Psyche des Durchschnittsbürgers blicken konnte, noch einen Satz, den man mit Humor nehmen kann oder auch mit Ernst betrachten: „Das Bundeskleingartengesetz ist das Grundgesetz in Miniatur.“ Wer die Regelwut dieser Vorschrift kennt, wird erschrecken.

Das umgangssprachliche caramba drückt ja Erstaunen aus, heißt so viel wie: „Donnerwetter!“ Auf Karamba Diaby trifft dieser Ausruf durchaus ebenfalls zu.

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