Helga Dickel ist die erste Kundin von Friseur Richard Grünewald am Tag nach dem Lockdown. Drei Monate hat sie auf diesen Tag gewartet. © Hornung
Lockdown-Lockerung für Friseure

Schnittkorrektur im Morgengrauen: Tag eins bei einem Fröndenberger Traditionsfriseur

Mit Berichten über ihr haariges Leid versuchten am Montag dutzende Kunden bei Fröndenbergs Friseuren einen Termin zu ergattern. Glückliche Kunden wie Helga Dickel saßen zu diesem Zeitpunkt schon im Friseurstuhl.

Dichter Nebel liegt am Montagmorgen um kurz nach acht über Fröndenberg, es scheint, als wird es kaum noch hell. An der Alleestraße sind die meisten Geschäfte zu. In einem kleinen Friseursalon an der Ostmarckstraße brennt allerdings schon Licht. Hier bedient Richard Grünewald seine erste Kundin. Helga Dickel ist die Glückliche, die nach langer Abstinenz schon in der Früh auf dem Friseurstuhl Platz nehmen darf.

Offiziell hat Richard Grünewald montags gar nicht auf. Trotzdem klingelt ununterbrochen das Telefon. „Die Leute klagen dann regelrecht ihr Leid“, sagt der Friseur. Hoffen, dass sie einen frühen Termin bekommen, wenn sie nur haargenau schildern, wie es gerade auf ihrem Kopf aussieht. Einige wollten auch schon im Lockdown vorbeikommen. „Da haben wir selbstverständlich Nein gesagt.“

Von Fröndenbergs ehemaligem Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe, mit dem Richard Grünewald befreundet ist, hat der Friseurmeister ein Foto erhalten, das den stadtbekannten Kopf mit kleinem Zöpfchen zeigt. Das Pferdeschwänzchen soll am Nachmittag abkommen. Bei dem Gedanken muss auch Helga Dickel lachen, trotz FFP2-Maske sieht man ihr die Freude an.

„Meine Tochter hat sie mir zwischendurch geschnitten.“

Friseurkundin Helga Dickel über ihre Haare im Lockdown

Dabei sehen ihre Haare eigentlich gar nicht so wild aus: „Meine Tochter hat sie mir zwischendurch geschnitten“, sagt die Fröndenbergerin. Immerhin habe sie ein Vierteljahr auf den Friseurbesuch gewartet. Ihr letzter Termin im Dezember fiel wegen des Lockdowns aus. Da müsse man ja irgendwann Abhilfe schaffen. „Ich habe den Schnitt jetzt ein wenig korrigiert“, ergänzt Richard Grünewald, der seiner Kundin nun Lockenwickler eindreht.

Derartige Schnittkorrekturen werde er in den kommenden Wochen wohl einige vornehmen, befürchtet Grünewald. Mit seinen 73 Jahren habe er aber auch schon etliche verschnittene Frisuren wieder zurechtgebogen. „Ein selbst geschnittener Pony ist so gut wie immer schief.“

Längenunterschiede von mehreren Zentimetern kämen gar zustande, wenn Kunden versuchten, sich die Haarpracht im Nacken selbst zu stutzen. „Die meisten Kunden wollen jetzt aber Farbe“, so Grünewald. Viele wussten vorher kaum, wie weiß sie unter ihrem künstlichen Ton inzwischen sind.

Strengere Regeln in anderen Bundesländern

Helga Dickel hat Glück, dass sie zu ihrem naturkrausen Haar eine modische Wasserwelle bekommen darf. „In Baden-Württemberg ist das verboten“, erklärt der Friseur – ohne Verständnis. Dort sind etwa auch Haarverlängerungen noch nicht wieder erlaubt, wohl aber das Färben, wofür der Kunde mindestens genauso lange im Stuhl sitze.

Am ersten Tag nach dem Lockdown ist Richard Grünewald allein im Salon. Würde er jedes Telefongespräch annehmen, käme er gar nicht zum Haareschneiden.
Am ersten Tag nach dem Lockdown ist Richard Grünewald allein im Salon. Würde er jedes Telefongespräch annehmen, käme er gar nicht zum Haareschneiden. © Hornung © Hornung

Am ersten Tag nach dem Lockdown ist Richard Grünewald alleine im Salon. Lediglich sechs Kunden kommen in den Genuss eines neuen Schnitts. Wenn ab Dienstag wieder Regelbetrieb herrscht, kann das Team bei 2,5 Metern Mindestabstand zwischen den Frisierplätzen maximal fünf Kunden gleichzeitig bedienen. Es werden aber eher weniger. „Ich mache abends lieber eine Stunde länger, als tagsüber extremen Stress zu haben“, sagt der 73 -jährige Friseur.

Maskenpflicht und Kontaktdatenerfassung

Zu den Hygienestandards im Salon gehören Desinfektionsmittel, die Erfassung der Kontaktdaten, Maskenpflicht und eben der Mindestabstand. Für Kunden, die sich vielleicht nicht ganz wohl fühlen, hängen im Salon digitale Fiebermessgeräte für einen Schnell-Check.

Nachdem Helga Dickel unter die Haube gebracht ist, hat Richard Grünewald endlich wieder eine Hand frei, um ans Telefon zu gehen, das auch in der Zwischenzeit pausenlos bimmelte. Es sind nicht nur Stammkunden in der Leitung, sondern auch Fröndenberger, die wahllos anrufen, um zeitnah einen Haarschnitt zu erhalten. Zwei Wochen im Voraus ist Richard Grünewald schon ausgebucht. Bei einigen Kollegen sei es bereits der ganze Monat.

Über die Autorin
Redaktion Fröndenberg
Jahrgang 1988, aufgewachsen in Dortmund-Sölde an der Grenze zum Kreis Unna. Hat schon in der Grundschule am liebsten geschrieben, später in Heidelberg und Bochum studiert. Ist gerne beim Sport und in der Natur.
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Dagmar Hornung
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