Nach Hüttners Rückzug: Auch ein Bayern-Fan gibt BVB und Schalke eine Chance

dzEinzelhandel

Ein Fachgeschäft bleibt Fröndenberg erhalten: Wolfgang Hüttners Schreibwarenladen wird von Dagmar Neithart weitergeführt. Der 72-Jährige hatte eine andere Lösung schon in der Schublade.

Fröndenberg

, 03.01.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer die etablierten inhabergeführten Einzelhändler in der Innenstadt aufzählt, landet ziemlich schnell bei Wolfgang Hüttner. Der 72-Jährige hat jetzt die Schlüssel für „Hüttner – Schule-Büro-Freizeit“ an seine Kollegin Dagmar Neithart übergeben. Keine Kollegin vom Fach, aber eine aus der Geschäftswelt.

»Ansonsten hätte ich das Geschäft nicht aufgegeben.«
Wolfgang Hüttner

Neithart ist seit zwölf Jahren Nachbarin Hüttners in der Winschotener Straße, wo sie gemeinsam mit Margret Reichenbach eine Herrenboutique betreibt. Seit dem vergangenen Sommer spielte Wolfgang Hüttner ernsthaft mit dem Gedanken, kürzer zu treten – ein Nachfolger war da aber längst nicht in Sicht.

Im Gegenteil. Selbst seine Lieferanten, die viel in der Branche herumkommen, konnten ihm keine Interessenten für den im Grunde klassischen Laden für Büro- und Schulbedarf vermitteln.

Nach Hüttners Rückzug: Auch ein Bayern-Fan gibt BVB und Schalke eine Chance

Dagmar Neithart war auch einige Jahre lang Pächterin in der Gaststätte im Dobomil-Gebäude in Ostbüren und half damit, einen Treffpunkt im Ort aufrechtzuerhalten. © Udo Hennes

Info

Ein Einkaufsgutschein für alle Leader-Kommunen

  • Der Werbering stellt sich derzeit neu auf, ein neues Logo ist schon gefunden. Der Internetauftritt wird modernisiert.
  • „Spritziger und fortschrittlicher“, so sein Vorsitzender Wolfgang Hüttner, wolle man werden und attraktiver für neue Mitglieder.
  • Gemeinsam mit den Händlervereinigungen der anderen vier Leader-Kommunen Ense, Werl, Welver und Wickede will man einen gemeinsamen Einkaufsgutschein entwickeln.

Eine beiläufige Bemerkung gegenüber Dagmar Neithart weckte das Interesse der Kauffrau. „Zwischen Tür und Angel“, sagt sie lachend, kam man quasi ins Geschäft. Dass sie mit Hosen und Pullovern handelt und bislang mit Schulfüllern und Heftklammern weniger zu tun hatte, sei kein Hindernis. „Denn verkaufen, das kann ich“, so Dagmar Neithart.

Außerdem stehen ihr drei Mitarbeiterinnen zur Seite, die den Laden schmeißen werden – die Chefin berät derweil eine Tür weiter ihre Kunden. Beratung – das ist so ein Schlüsselwort, dass Neithart wie Hüttner betonen.

Diese Qualität, die Einzelhändler in besonderem Maße auszeichne, werde auch in Fröndenberg nach wie vor geschätzt. Daher glauben auch beide Geschäftsleute daran, dass die Ruhrstadt – Leerstände hin oder her – ein guter Boden für den Fachhandel ist.

Wolfgang Hüttner hätte daher auch erstaunliche Konsequenzen gezogen, wäre nicht glücklicherweise eine Nachfolgerin gefunden worden: „Ansonsten hätte ich das Geschäft nicht aufgegeben“, verrät Hüttner, der sich selbst im besten Rentenalter dann weiter vor allem um den Einkauf gekümmert hätte.

„Black Friday“ als Bluff der Großen – im Kleinen ist Vertrauen gefragt

„Das ist doch der Lieblingsladen der Fröndenberger“, sagt der Vorsitzende des Werberings ein bisschen stolz. Über ausbleibende Kundschaft könne er sich tatsächlich nicht beklagen, selbst aus Menden habe er viele Stammkunden.

Zur Sache

Vermisste Einzelhandelsangebote

  • Das Einzelhandelsstandorts- und Zentrenkonzept für Fröndenberg ist 2009 erstellt worden. Dafür sind Bürger auch am Telefon befragt worden.
  • Bei der Frage nach den vermissten Einzelhandelsangeboten nannten die meisten ein vielseitiges Bekleidungsangebot, gefolgt von Schuhgeschäft, danach Bau- und Gartenmarkt, Lebensmittelgeschäft, Kaufhaus und Elektronikmarkt.
  • 61 Prozent der Befragten sprachen sich für Verbesserungen in der Innenstadt aus. 23 Prozent davon waren für mehr ansprechende Geschäfte diverser Branchen, 10 Prozent für eine Zentralisierung der Geschäfte und eine Erweiterung der Fußgängerzone, dahinter etwa gleichrangig eine attraktivere Atmosphäre und mehr Sauberkeit, eine Belebung des Marktplatzes, mehr Parkplätze, Beseitigung von Leerständen, attraktivere Angebote für Jugendliche und ein umfangreicheres Bekleidungsangebot.
  • Eine weitere Studie, die zum Ergebnis einer ausreichenden Zahl von Parkplätzen kommt, hält Wolfgang Hüttner für nicht aussagekräftig, weil sie zu den falschen Tageszeiten und Wochentagen durchgeführt worden sei.
  • Vordringlich sei, entlang der Harthaer Straße einen Parkstreifen anzulegen und den Schotterplatz als ordentliche Parkfläche zu gestalten.

Natürlich, da sind Aktionen wie „Black Friday“ – von denen profitierten nur die Großen. Dagmar Neithart hält das für Bluff. Da würden doch zuvor Preise hochgesetzt, um sie später als Angebot zu reduzieren. Solche Verkaufsmaschen könnten sich örtliche Einzelhändler nicht erlauben – im Ort ist eben Vertrauen noch eine wichtige Währung.

Und da ist das bequeme Internet, in dem bei Versandhändlern Waren en masse bestellt werden – Umsätze die den örtlichen Händlern fehlen. Wolfgang Hüttner hat es am eigenen Leib erfahren: Er musste als Partner eines Paketdienstes die Retouren bearbeiten. „Manchmal haben hier 40 Pakete im Laden gestanden“, weiß Hüttner noch – es werde den Kunden halt sehr einfach gemacht.

„Wenn die Retouren Geld kosten würden ...“, überlegt Dagmar Neithart. Vielleicht ersparte sich mancher dann den Kauf von der Couch aus. Den Paketservice wird sie nun nicht weiterführen, einfach weil die Kartons zu viel Platz wegnehmen.

Ansonsten will sie an dem bewährten Sortiment nicht viel verändern. Spielzeug, Gesellschaftsspiele und Dekoartikel wird sie dagegen noch neu aufnehmen. Und während sie die weniger nachgefragten Fanartikel von Gladbach und Köln etwas ausdünnen wird, werden BVB- und Schalke-Fans weiter bei ihr fündig. „Und die von Bayern!“, betont Dagmar Neithart vielsagend.

Für Wolfgang Hüttner ist nun endlich mehr Zeit, seinen willkommenen Pflichten als Großvater nachzukommen – und auf sein Motto „Urlaub brauch‘ ich nicht“ wird er nun ganz bestimmt nichts mehr geben.

Der Schul- und Bürobedarf bleibt wegen Inventur noch bis zum 5. Januar geschlossen. Dagmar Neithart öffnet ihn wieder am 6. Januar.
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