Rücktritt eines Pfarrers und kein Ende: Zu einer Demonstration für die Haltung des beliebten Seelsorgers Norbert Wohlgemuth und gegen die Strukturen in der katholischen Kirche rufen die Frauen von St. Marien auf.

Fröndenberg

, 04.08.2019, 10:28 Uhr / Lesedauer: 3 min

Nach dem Rückzug von Norbert Wohlgemuth als Pfarrer des Pastoralverbundes Fröndenberg und dessen Kritik an den Machtstrukturen innerhalb der katholischen Kirche wollen die Frauen von St. Marien ein Zeichen setzen.

Briefe an den Bischof bringen nichts

Briefe an den Bischof in Paderborn hätten in der Vergangenheit schon nichts gebracht, daher habe man sich in dieser Woche kurzerhand für eine Demonstration vor der Kirche entschieden.

„Das wird sonst wieder zerlacht - das muss mächtiger werden“, sagt Hildegard Pielken. Da sei sich das Leitungsteam der kfd St. Marien völlig einig gewesen. „Wir brechen das Schweigen“, soll nun am kommenden Sonntag eine Liedzeile nach der Melodie eines bekannten Schlagers von Helene Fischer lauten, den die Frauen vor der Heiligen Messe in St. Marien singen wollen.

„Wir sind doch die Fußabtreter von denen da oben.“
Hildegard Pielken

Der Weggang von Norbert Wohlgemuth tue der Gemeinde unheimlich weh. Das Fass quasi zum Überlaufen gebracht habe letztlich aber die (Nicht-)Reaktion des Erzbistums Paderborn.

Erzbischof Becker hatte über seine Pressestelle erst sehr spät Stellung zu Wohlgemuths Rücktritt bezogen, war allerdings auf dessen Beweggründe nur oberflächlich eingegangen.

„Es gärte in unserer Gemeinde schon einige Mal, weil man uns übergangen hat“, erzählt Hildegard Pielken, die schon seit den Zeiten von Pfarrer Hermann Bieker in vorderster Reihe für die kfd St. Marien aktiv ist.

Rücktritt von Pfarrer Wohlgemuth: kfd-Frauen rufen zur Demonstration vor St. Marien auf

Norbert Wohlgemuth gab vor einer Woche seinen Rücktritt als Pfarrer im Pastoralverbund St. Marien in Fröndenberg bekannt. Jetzt wollen die Frauen der kfd für ihren früheren Seelsorger und gegen die Machtstrukturen in der katholischen Kirche demonstrieren. © Udo Hennes

Ob im Fall von Pfarrer Thomas Rickelhoff oder bei Vikar Rüdiger Rasche - das Bistum habe es nie für nötig befunden, der Gemeinde zu erläutern, warum Seelsorger plötzlich abberufen wurden. „Lapidare Antworten“, habe es auf Nachfrage gegeben.

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Hildegard Pielken, der ein ums andere Mal die Tränen in den Augen stehen, formuliert es drastisch: „Wir sind doch die Fußabtreter von denen da oben.“

Die Haltung der Erzdiözese erzürnt die kämpferischen Frauen. „Eine Gemeinde muss Vertrauen zu ihrem Pfarrer aufbauen“, sagt Ursula Sloboda, Schriftführerin der kfd. Das sei in Fröndenberg immer gelungen, auch bei Norbert Wohlgemuth, der gerade zwei Jahre in Fröndenberg amtierte.

„Warum hat man ihm nicht das Sabbatjahr gegönnt?“, fragt Karin Schmidt. Womöglich hätte die Auszeit ihrem Pfarrer neue Kraft gegeben und er wäre zu einer anderen Entscheidung gekommen.

„Wie lange soll das denn dauern, bis sich die Oberen mal zu ihrem Fußvolk herablassen?“
Ursula Sloboda

Ja, auch die fehlende Transparenz in Paderborn machen die Frauen verantwortlich für Wohlgemuths Entschluss. Hätte ihr Pfarrer ihnen doch mal etwas gesagt von seiner Einsamkeit, die er durch den Zölibat empfindet. Man hätte ihn öfter eingeladen, einander häufiger besucht. Vergebliches Hadern.

„Er wusste ja, welche Gerüchte es um die früheren Pfarrer in Fröndenberg gab“, sagt Hildegard Pielken. Daher habe Wohlgemuth vermutlich einfach nicht gewollt, dass er durch zu viel Aufhebens um seine leidvolle Situation ebenfalls plötzlich aus Fröndenberg abberufen wird.

Rücktritt von Pfarrer Wohlgemuth: kfd-Frauen rufen zur Demonstration vor St. Marien auf

An der St. Marien-Kirche möchte die kfd St. Marien am Sonntag, 11. August, vor der Kirche protestieren. © Marcel Drawe

Die Ehelosigkeit der Priester halten die katholischen Frauen, wie Wohlgemuth es ebenfalls anführte, für ein ganz wesentliches Problem. „Sie haben doch niemanden abends zum Austausch - das macht dich fertig“, ist Hildegard Pielken überzeugt.

Und dürften sie eine eigene Familie gründen, „könnten sie doch auch ganz anders mitreden“, finden Karin Schmidt und Ursula Sloboda. Den Kirchenstreik Maria 2.0, mit dem Frauen gegen den Pflichtzölibat und für ihren Zugang zu allen kirchlichen Ämtern aufstehen, haben die Fröndenberger kfd-Frauen im Geiste unterstützt.

Auf die Straße gegangen sind sie deswegen nicht. Auch das zum Schutz ihres Pfarrers.

Rücktritt von Pfarrer Wohlgemuth: kfd-Frauen rufen zur Demonstration vor St. Marien auf

Begreifen sich als ein starkes Team: Die Frauen der kfd St. Marien gehen selbst sehr kollegial miteinander um, haben keinen Vorstand mehr, sondern ein Leitungsteam mit acht Frauen. © Martin Krehl

Befinde man sich zudem beruflich in kirchlichen Diensten, könne man seine Anliegen nur mit Risiken für den eigenen Job offen vertreten. „Es ist traurig, dass man eine Kirche der Angst hat“, sagt Ursula Sloboda - und alle nicken.

Jetzt sei das Maß aber voll. „Wie lange soll das denn dauern, bis sich die Oberen mal zu ihrem Fußvolk herablassen?“, fragt Ursula Sloboda rhetorisch. Die „grauen Köpfe“, ob in Paderborn oder Rom, verschlössen ja bislang ihre Augen und Ohren vor den Forderungen, glaubt Euphemia Brochtrop.

Plakate sind schon vorbereitet: Aufruf zur Demo am Sonntag

Daher lade man für Sonntag, 11. August, um 9.30 Uhr alle ein, öffentlich vor der Kirche St. Marien mit ihnen gemeinsam zu demonstrieren.

Die Demonstration soll die Unzufriedenheit der Gläubigen bekunden: Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit werfen sie der Leitungsebene des Erzbistums vor.

Rücktritt von Pfarrer Wohlgemuth: kfd-Frauen rufen zur Demonstration vor St. Marien auf

Viele Plakate hat die kfd St. Marien für die am 11. August geplante Demonstration vor der Kirche schon vorbereitet. © privat

Es gebe schon viel Zuspruch aus der eigenen Kirchengemeinde, von der Kolpingsfamilie oder aus dem Pfarrgemeinderat. Auch aus Hemer, wo Norbert Wohlgemuth ebenfalls als Seelsorger tätig war, habe sich eine Delegation angekündigt.

Plakate sind schon vorbereitet, jeder darf eigene mitbringen. „Wir wollen eine menschliche Kirche“, lautet die so selbstverständlich klingende zentrale Forderung.

Ob es nach dem Protest am Sonntag weitergeht? „Wir haben es jetzt angestoßen - und wenn möglich demonstrieren wir weiter“, hofft Hildegard Pielken. Ein Stein hätten sie ins Wasser geworfen. „Und der zieht Kreise“, weiß Euphemia Brochtrop.

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Der Fall Wohlgemuth

Die Katholische Frauengemeinschaft von St. Marien hat am Wochenende folgende Erklärung zum Rücktritt von Pfarrer Norbert Wohlgemuth abgegeben: Wenn ein Freund weggeht, muss man die Türen schließen, sonst wird’s kalt! (Bertolt Brecht) Wir, die Katholische Frauengemeinschaft von St. Marien Fröndenberg, möchten Stellung nehmen zu den Ereignissen in unserer Pfarrgemeinde/Pastoralverbund. Wir können den Umgang mit dem Weggang unseres Pfarrers Norbert Wohlgemuth so nicht akzeptieren. Die Kirche entfernt sich immer mehr von der Gemeinde der Gläubigen, die Lebenswirklichkeit der Menschen! Die Obrigkeit lebt Überheblichkeit, Selbstüberschätzung und Selbstgefälligkeit vor. Die Priester an der Basis reiben sich für die Menschen vor Ort auf und erhalten keinerlei Unterstützung ihres Dienstgebers und wir verlieren schon wieder einen Priester, der für uns ein guter Seelsorger und guter priesterlicher Freund wurde. Unsere Gemeinde blühte auf, unsere Messdienerzahl ist hoch wie noch nie. Was sagen wir diesen Kindern? Was geschieht mit diesen jungen Leuten/Menschen. Die Katholische Kirche verliert ihre Glaubwürdigkeit! Damit sind wir nicht einverstanden und bitten um starke Unterstützung von allen Gleichgesinnten, Mitstreitern und Mitsreiterinnen, besonders den Kfd-Frauen.
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