Gastwirte selbstkritisch – aber: „Das Zigeunerschnitzel ist bei Bestellungen der Renner“

dzDebatte um Zigeunersauce

Die Zigeunersauce bleibt im Flaschenhals stecken: Knorr benennt sie um, Rewe will sie aus dem Sortiment nehmen. Restaurants in Fröndenberg wollen trotz Kritik am Namen das Zigeunerschnitzel vorerst weiter servieren.

Fröndenberg

, 19.08.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 2 min

Aus der Zigeunersauce wird die Paprikasauce nach ungarischer Art: Der Hersteller Knorr, aber auch der Lebensmittelhändler Rewe wollen den kritisch gesehenen Begriff „Zigeuner“ nicht weiter vermarkten. Restaurantbetreiber in Fröndenberg sind selbstkritisch.

Hans Piesch

Hans Piesch © Archiv/Udo Hennes

»Sie können noch so feine Steaks anbieten – das Zigeunerschnitzel ist der Renner.«
Hans Piesch, war 45 Jahre Gastronom

Tanja Vogt denkt wenige Sekunden nach, als sie auf ihr „Schweineschnitzel Zigeuner Art“ angesprochen wird. Die Inhaberin des Landgasthofs Hölzer kommt dann zu einer sehr ehrlichen Erkenntnis: „Ja, man müsste es vielleicht umbenennen – aber ich selbst verbinde das Wort mittlerweile nur mit dem Essen und der Art der Zubereitung.“

Mit Zigeunerschnitzel wird nur Zubereitungsart verbunden

Die Speisekarte ihres Restaurants ist gespickt mit den klassischen Schnitzelgerichten, auch „Bauern Art“ und „Kutscher Art“ finden sich. Weil sie rein gar nichts Negatives mit dem Begriff Zigeuner assoziiert, hat sie auch das beliebte Schnitzel „Zigeuner Art“ auf der Speisekarte belassen, als sie den Betrieb von ihrem verstorbenen Vater übernahm.

Totschlagargumente zählen bei Tanja Vogt nicht

Kein Mais mehr in der Sauce, den Ketchup anders angerührt – das waren schon die Veränderungen. Denn: „Bei den Gästen ist das überhaupt kein Thema“, weiß Tanja Vogt. Das Z-Schnitzel wird sogar übermäßig häufig bei ihr gegessen: Kürzlich hatte sie noch eine 20-köpfige Gruppe im Haus – sechsmal musste es das Schnitzel mit Paprika sein.

Allerdings – auf das Totschlagargument „Es gibt ja wohl Wichtigeres“ will sich die Hohenheiderin nicht zurückziehen.

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Tanja Vogt führt auf ihrer Speisekarte im Landgasthof Hölzer auch ein "Schweineschnitzel Zigeuner Art" (auf dem Foto serviert sie indes Schweinelendchen). Sie zeigt sich völlig offen dafür, dem Gericht einen anderen Namen zu geben, sollten sich Betroffene verletzt fühlen.

Tanja Vogt führt auf ihrer Speisekarte im Landgasthof Hölzer auch ein "Schweineschnitzel Zigeuner Art" (auf dem Foto serviert sie indes Schweinelendchen). Sie zeigt sich völlig offen dafür, dem Gericht einen anderen Namen zu geben, sollten sich Betroffene verletzt fühlen. © Archiv/Marcus Land

»Es würde sich wohl keiner dieser Menschen wohler fühlen, wenn das Zigeunerschnitzel umbenannt wird.«
Tanja Vogt, Landgasthof Hölzer

Mit dem Namen „Zigeuner“, der eigentlich die Volksgruppen der Sinti und der Roma meint, sind landläufig nicht sesshafte und bettelnde Menschen bezeichnet worden – die tendenziell einen negativen Leumund erhielten.

Der Zentralrat der Sinti und Roma hat nach der Ankündigung der Firma Knorr bereits verlauten lassen, dass den beiden Volksgruppen nicht falsche Begrifflichkeiten das Leben schwer machen, sondern vielmehr ein Antiziganismus in der Gesellschaft, der Menschen wegen Aussehen und Herkunft vorverurteilt.

Fühlten sich Sinti und Roma verletzt, käme ein neuer Name

Tanja Vogt findet diese Differenzierung wichtig. „Es würde sich wohl keiner dieser Menschen wohler fühlen, wenn das Zigeunerschnitzel umbenannt wird.“ Sollten aber die Sinti und Roma künftig ebenfalls äußern, dass diese Begriffe sie verletzen, würde Tanja Vogt nicht lange zögern: Sollten sich die Betroffenen selbst angegriffen fühlen, gebe es nicht mehr lange ein Schnitzel Zigeuner Art bei Hölzer.

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Jadranko und Esnafa Nadarević haben im Restaurant „Zur Schönen Aussicht“ das Zigeunerschnitzel von ihren Vorgängern übernommen – fühlten sich Betroffene verletzt, würden es die Inhaber auch umgehend umbenennen.

Jadranko und Esnafa Nadarević haben im Restaurant „Zur Schönen Aussicht“ das Zigeunerschnitzel von ihren Vorgängern übernommen – fühlten sich Betroffene verletzt, würden es die Inhaber auch umgehend umbenennen. © Archiv/Marcel Drawe

»Jeden Dienstag ist bei uns Schnitzeltag – das läuft sehr gut.«
Jadranko Nadarević, „Zur schönen Aussicht“

Jadranko Nadarević, der gleich gegenüber „Zur schönen Aussicht“ betreibt, schlägt in dieselbe Kerbe. „Dann würde ich das sofort umbenennen“, sagt der Wirt. Es sei schon richtig, dass man ohne lange nachzudenken wie selbstverständlich auch ein Zigeunerschnitzel anbiete.

„Jeden Dienstag ist bei uns Schnitzeltag – das läuft sehr gut“, weiß Nadarević, der aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt. Ja, dort gingen viele Sinti und Roma auch heute noch oft von Tür zu Tür und bettelten, weiß er.

„Lustiger Bosniak“ – Gegenstück zum Zigeunerschnitzel

Aber jemanden mit einem Wort verletzen – das wolle auch er nicht. Ihm fällt der „Lustige Bosniak“ ein, den viele seiner Landsleute als typisches Gericht serbo-kroatischer Küche auf ihren Speisekarten stehen haben – das gefüllte Rumpsteak ist hierzulande aber eher unverdächtig, weil es keine belastete Geschichte der Bosnier in Deutschland gibt.

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Das Zigeunerschnitzel findet ich auf etlichen Speisekarten von Restaurants in der Region.

Das Zigeunerschnitzel findet ich auf etlichen Speisekarten von Restaurants in der Region. © Marcus Land

In der „Schönen Aussicht“ gibt es für das Zigeunerschnitzel einen ungewöhnlichen Beinamen: „Oma Lieschen“. Jadranko Nadarević hat das Gericht von seinem langjährigen Vorgänger Hans Piesch übernommen – der kann weiterhelfen.

Zigeunerschnitzel „Oma Lieschen“ gibt‘s seit 50 Jahren

„Das Rezept ist älter als 50 Jahre und stammt von meiner Mutter Lieschen“, erzählt Piesch, der Anfang 2019 nach 45 Jahren in den Ruhestand gegangen ist. Er räumt sofort ein: „Diese Diskussion ist für mich ganz weit weg.“

Kritik von Gästen habe er in all den Jahrzehnten nicht ein einziges Mal gehört. Im Gegenteil. „Sie können noch so feine Steaks anbieten – das Zigeunerschnitzel ist der Renner.“ Darüber hat Hans Piesch sogar Buch geführt: Das Schweinefleisch mit der leicht scharfen Paprikasauce steht auf einem der vorderen Plätze.

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