Fröndenberger Bürgerverein Renergie: Warum die Haselnuss den Klimanotstand beweist

dzMeeresbiologe zu Gast

Der Bürgerverein Renergie macht Druck auf die Fröndenberger Politik und Verwaltung: Die Ökostromaktivisten haben einen Klimaforscher in die Stadt eingeladen – ganz bewusst vor einer entscheidenden Sitzung des Rates.

Fröndenberg

, 09.09.2019, 17:14 Uhr / Lesedauer: 2 min

Klimanotstand – doch nicht bei uns. Oder doch? Provokativ ist der Titel einer Informationsveranstaltung, mit der der Bürgerverein Renergie Ruhr-Hellweg auch die Fröndenberger Politik und Verwaltung beeindrucken will: Der renommierte Meeresbiologe Dr. Udo Engelhardt will den Eintritt des Klimanotstandes beweisen.

»Wir behaupten, dass Politik und auch die Verwaltung die Dramatik um den Klimawandel nicht kennen.«
Bernd Molitor, 1. Vorsitzender Bürgerenergieverein Ruhr-Hellweg

Gegen den Antrag der Fröndenberger Grünen, in der Stadt den Klimanotstand auszurufen, ist in den Augen der Renergieleute unsachlich argumentiert worden. Die CDU hatte zum Beispiel behauptet, dass ein Notstand auch die Schließung der sehr energieintensiven Freibäder zur Folge haben müsste, eventuell keine Baugebiete mehr ausgewiesen werden dürften.

„Wir wollen einen Beitrag zur Versachlichung leisten“, sagt Bernd Molitor. Recht unverblümt sagt der 1. Vorsitzender des Bürgerenergievereins auch: „Wir behaupten, dass Politik und auch die Verwaltung die Dramatik um den Klimawandel nicht kennen.“

Der Rat wird in seiner Sitzung am 25. September darüber entscheiden, welche Maßnahmen Fröndenberg ergreifen soll, um den CO2-Ausstoß künftig zu vermindern und damit zu einem besseren Klima beizutragen.

Zur Sache

Fünf Forderungen von Renergie Ruhr-Hellweg

  • Erste Sofortmaßnahme: Fläche für Klimawald ausweisen. Renergie stellt Antrag an den Bürgermeister: Fröndenberg soll zunächst circa 1 Hektar Fläche bereitstellen. Heimische und stressresistente Bäume sollen als naturbelassener Mischwald in Abstimmung mit dem Förster angelegt werden. Beteiligung der Bürger über Waldpatenschaft, zum Beispiel als CO2-Ausgleich.
  • Klimatechnische Bestandsaufnahme machen: Wo steht Fröndenberg in Sachen Klimaschutz heute? Wieviel CO2 emittieren Kommune, Industrie und Haushalte? Klare Ziele zur CO2-Reduktion definieren.
  • Bürger einbinden und Bürgerbeteiligung zulassen: Stadt erklärt den Maßnahmenplan aus dem European Energy Award und detailliert in einem Bürgerforum die Einzelmaßnahmen. Ideen von Bürgern und Vereinen aufnehmen.
  • Klimaschutzbeauftragten einstellen: Der soll direkt dem Bürgermeister unterstellt und nur dem Klimaschutz verpflichtet sein. Aufgabengebiete u.a. Energieeinsparung und Energieeffizienz fördern, Fördergelder akquirieren.
  • Transparenz im Stromnetz schaffen: Bekanntgabe der Stromnetzstruktur in der Stadt Fröndenberg und Offenlegung, wo noch Photovoltaik-Anlagen angeschlossen werden können. Auskunft über die Planung des weiteren Stromnetzausbaus.

Dr. Udo Engelhardt sei daher durchaus bewusst eine Woche vorher, am 19. September, zu seinem Vortrag in der Aula der Gesamtschule eingeladen worden. Renergie findet, dass die Informationsveranstaltung nicht nur für Schüler in idealer Weise Bildungszwecke erfüllt.

Fröndenberger Bürgerverein Renergie: Warum die Haselnuss den Klimanotstand beweist

Laden zu der Informationsveranstaltung "Klimanotstand? Doch nicht bei uns ... oder doch?" am Donnerstag, 19. September, um 19 Uhr in die Aula der Gesamtschule ein (v.l.): Bernd Molitor, 1. Vorsitzender Renergie, Meeresbiologe Dr. Udo Engelhardt, Marc Hilgenstock, Beisitzer im Renergie-Vorstand. © Marcus Land

»In 30 bis 40 Jahren wird es keine Baumart mehr geben, die intakt ist.«
Dr. Udo Engelhardt, Meeresbiologe

Dr. Udo Engelhardt gilt als einer der renommiertesten Meeresbiologen weltweit, wenn es um Riffstudien geht. Seit 30 Jahren forscht er zum Thema Korallenriffschutz, zehn Jahre davon im Australischen Queensland am „Great Barrier Reef“.

Die fortgeschrittene Zerstörung der Riffe könne analog zum Waldsterben gesehen werden, verdeutlichte Dr. Engelhardt gegenüber unserer Redaktion. Der dauerhafte Temperatur- und Wasserstress der Bäume im Arnsberger Wald oder auch auf der Haar werde extreme Folgen haben.

Zur Sache

Energiebericht der Stadt Fröndenberg: CO2-Ausstoß weiter reduziert

  • Heizenergie ist 2018 in den städtischen Gebäuden wieder mehr verbraucht worden – von 4,83 Millionen kW/h (2017) auf 4,95 Millionen kW/h. Die Ursache ist noch nicht geklärt. Die Stadt will die Heizungen künftig ganzjährig stärker kontrollieren.
  • Die Stromverbräuche haben sich deutlich verringert von 1,06 Millionen kW/h in 2017 auf rund 928.000 kW/h in 2018. Hier machen sich laut Verwaltung die baulichen Investitionen wie zum Beispiel die Umstellung auf LED-Beleuchtung in Gebäuden bemerkbar. Der Ausfall des Lehrschwimmbades der Overbergschule ab Mitte September 2018 dürfte auch seinen Teil dazu beigetragen haben.
  • Die Wasserverbräuche haben sich nach Angaben der Stadt wegen Optimierungen und wegen des Ausfalls des Lehrschwimmbeckens ebenfalls verringert: von 13.679 auf 13.145 Kubikmeter.
  • Die Stadt Fröndenberg bezieht seit 2016 zertifizierten Öko-Strom von den Stadtwerken Fröndenberg, was zu einer erheblichen Verringerung des CO2-Ausstoßes führe. Die Straßenbeleuchtung wird klimaneutral betrieben. Die fünf Tonnen CO2 bei der Stromversorgung der Gebäude basieren auf dem Blockheizkraftwerk in der Gemeinschaftsgrundschule. Ein Vergleich: Während im Jahr 2000 die Heizenergie noch 2678 Tonnen CO2 verursachte, waren es 2017 nur 1160 Tonnen und 2018 nur noch 1147 Tonnen CO2.
  • Die Verwaltung hat die Angaben zum Heizenergieverbrauch witterungsbereinigt. Denn durch die sehr milde Witterung im Jahr 2018 lag der Heizbedarf in Fröndenberg 17 Prozent unter dem langjährigen mittleren Jahresheizenergie-Bedarf.

„In 30 bis 40 Jahren wird es keine Baumart mehr geben, die intakt ist“, so Engelhardt, der es als Illusion bezeichnet, man könne an Trockenheit gewöhnte Arten ersatzweise in unseren Gefilden anpflanzen.

Dr. Engelhardt, der in Soest lebt, unterschrieb die Initiative „Scientists for future“, in der sich Wissenschaftler hinter die Forderungen der Schüler von „Fridays for future“ stellen. „Greta Thunberg hat noch keinen einzigen sachlich falschen Satz gesagt“, nimmt er die 16-jährige Aktivistin in Schutz vor Kritikern.

Der Klimawandel und letztlich der Klimanotstand seien tatsächlich längst auch in unserer Region eingetreten: „Die Haselnuss ist zwar da, aber es ist nichts drin“, erklärt Engelhardt das zunehmende Phänomen, dass den Früchten nicht mehr ausreichend Protein für ihr Wachstum zugeführt werden kann.

Jetzt lesen

Nach einem gut eineinhalb Stunden dauernden Vortrag soll noch Zeit verbleiben, um mit dem Wissenschaftler ins Gespräch zu kommen. Engelhardt geht es um drei Dinge: eine fundierte Faktenlage zu vermitteln, dass die Anpassung an den Klimawandel Grenzen hat, zudem ein Bewusstsein dafür, dass CO2-Emissionen dringend und schnell reduziert werden müssen.

»Uns ist das Wort Klimanotstand nicht so wichtig, es geht uns um Inhalte.«
Bernd Molitor

„Wir wollen eine öffentliche Diskussion für Bürger und Politik anstoßen, aber auch Anregungen geben, was konkret in unserer Stadt beziehungsweise Region getan werden müsste, um dem Klimawandel zu begegnen“, so Bernd Molitor.

Die Trockenheit 2018 und 2019 mit vertrockneten Feldern sei ein Alarmsignal, so Dr. Udo Engelhardt: „Das waren nicht zwei Ausnahmejahre – wir werden künftig ein ziemlich grausiges Bild sehen.“

Informationsveranstaltung „Klimanotstand? Doch nicht bei uns ... oder doch?“ am Donnerstag, 19. September, um 19 Uhr in die Aula der Gesamtschule. Der Eintritt ist frei. Die Besucher werden um eine Spende für „eine nachhaltige Baumpflanzaktion in Fröndenberg“ gebeten.
Lesen Sie jetzt
Hellweger Anzeiger Kommunalwahl 2020

Bürgermeisterwahl: Darum muss die SPD sich vor CDU-Kandidat Freck fürchten

Hellweger Anzeiger Radweg-Streit

Nicht an Planung beteiligt: Auch der ADFC kritisiert die Radweg-Pläne der Stadt

Hellweger Anzeiger CDU-Bürgermeisterkandidat

Politik im Hinterzimmer: Hat CDU-Spitze Bewerbung von Parteivize einfach ignoriert?

Meistgelesen