Rechtspopulist wird Bürgermeister in Bruay

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Paukenschlag in Fröndenbergs Partnerstadt Bruay-La-Buissière: Mit dem erst 27-jährigen Ludovic Pajot wird ein Parteigänger von Marine Le Pen neuer Bürgermeister. Die Rede ist von „einem dunklen Abend“.

Fröndenberg

, 29.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Der jüngste Abgeordnete der französischen Nationalversammlung wird neues Stadtoberhaupt in Bruay-La-Buissiére: Ludovic Pajot vom Rassemblement National, dem früheren Front National, gewann die Stichwahl bei der Kommunalwahl am Sonntag.

»Bruay ist von ganz links nach ganz rechts gerutscht.«
Udo Winkelhagen, Vorsitzender Freundeskreis Fröndenberg-Bruay La Buissière

Der Wahlausgang kommt für viele einerseits überraschend, andererseits werden Parallelen zum Erstarken der AfD in Deutschland gezogen. Ludovic Pajot, erst 27 Jahre alt, setzte sich in der zweiten Runde der französischen Kommunalwahlen mit 51,9 Prozent der Stimmen gegen Bernard Cailliau, Stadtteilbürgermeister von Labussière, durch.

Front National ist Vorläufer von Rassemblement National

Bernard Cailliau war in einem Wahlbündnis von Sozialisten, Grünen und kleineren Parteien angetreten. Cailliau und Pajot hatten sich im ersten Wahldurchgang Mitte März gegen den amtierenden Bürgermeister Olivier Switaj durchgesetzt.

Der Rassemblement National (RN) - Nationale Sammlungsbewegung - gilt in Frankreich als extrem konservative bis rechtspopulistische Partei. Unter der heutigen Vorsitzenden Marine Le Pen war der von ihrem Vater Jean-Marie Le Pen gegründete Front National umbenannt worden, die politische Ausrichtung änderte sich allerdings nur wenig.

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Besuch in der Partnerstadt vor einiger Zeit: Die Mitglieder des Freundeskreises Fröndenberg-Bruay La Buissière sind nach der Wahl des rechtspopulistischen Politikers Ludovic Pajot in gespannter Erwartung.

Besuch in der Partnerstadt vor einiger Zeit: Die Mitglieder des Freundeskreises Fröndenberg-Bruay La Buissière sind nach der Wahl des rechtspopulistischen Politikers Ludovic Pajot in gespannter Erwartung. © privat

Udo Winkelhagen, Vorsitzender des Freundeskreises Fröndenberg - Bruay la Buissière, mochte sich über eventuelle Konsequenzen für die Städtepartnerschaft nur vorsichtig äußern. „Wir wollen nichts zuschütten“, so Winkelhagen im Gespräch mit unserer Zeitung.

In ersten Gesprächen mit Freunden aus Bruay-La-Buissière habe er große Skepsis bis Entsetzen vernommen. Von „einem dunklen Wahlabend“ sei die Rede gewesen. Weiter ging ein französischer Freund, dessen Namen Udo Winkelhagen zu dessen Schutz nicht nennen mochte.

Fassungslosigkeit bei einem Freund in Bruay

„Wir sind fassungslos über die Abstimmung der Bruaysiens und Labuissiérois. Unsere Ältesten würden sich in ihren Gräbern umdrehen“, schrieb der Bürger aus der Partnerstadt an Udo Winkelhagen.

Völlig überraschend kommt der Wahlsieg für den Fröndenberger indes nicht. Bereits bei früheren Wahlen habe der RN in Bruay überproportional gut abgeschnitten. „Bruay ist von ganz links nach ganz rechts gerutscht“, hat Udo Winkelhagen in den vergangenen Jahrzehnten beobachtet.

Das Kohlerevier im Norden Frankreichs habe immer eine klassische Wählerklientel der - in Frankreich indes gemäßigten - Kommunisten und Sozialisten gehabt. Seit dem Strukturwandel sei etwas Ähnliches wie in vergleichbaren Gebieten im Ruhrgebiet zu beobachten.

»Für uns wird unsere Freundschaft ewig und steinhart bleiben.«
Freund aus Bruay in einer E-Mail

Mit Wegfall der Kohleförderung habe Bruay einen großen Sprung in die Moderne gemacht: Sauber und schön sei die Stadt geworden. Dennoch herrsche eine allgemeine Unzufriedenheit. „Die Leute schimpfen, aber eigentlich geht es ihnen gut“, schildert der Fröndenberger.

Winkelhagen vergleicht die Strategie des RN mit jener der AfD, die bewusst um unzufriedene SPD-Wähler in Bergkamen und Kamen werben wolle, in Fröndenberg dagegen mangels Erfolgsaussichten erst gar nicht antrete.

Bürgermeister Olivier Switaj muss nach drei Jahren gehen

Dem RN-Kandidaten Ludovic Pajot sei aber wohl auch zugute gekommen, dass sich die Linke in Bruay nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten hatte einigen können: So muss Bürgermeister Olivier Switaj, ebenfalls Linkskandidat, der schon in der ersten Runde scheiterte, nach nur drei Jahren sein Amt abgeben.

Man werde nun hoffentlich positiv von dem neuen Stadtoberhaupt überrascht, gibt sich Udo Winkelhagen ganz diplomatisch. Sein Freund aus Bruay findet deutlichere Worte: „Für uns wird unsere Freundschaft ewig und steinhart bleiben.

Politik hat keinen Platz in der Freundschaft zwischen unseren Städten.“

Zur Sache

Freundeskreis erwartet klares Bekenntnis der BM-Kandidaten

  • Unabhängig vom Wahlausgang in Bruay-La-Buissière, sondern wegen der Corona-Pandemie hat der Freundeskreis eine für Herbst geplante Reise in die französische Partnerstadt vorerst auf Eis gelegt.
  • Diese Reise sollte sich von den traditionellen Treffen, die auf sportlicher Ebene stattfinden, unterscheiden und ein Bild von der Partnerstadt vermitteln, was ansonsten oft zu kurz komme, so Udo Winkelhagen.
  • So gebe es über Kultur und Wirtschaft in Bruay viel Interessantes und Wissenswertes zu erfahren. So sei etwa vor einigen Jahren die mittlerweile denkmalgeschützte „Cité électricienne“ entstanden, ein Komplex mit Museum, in dem auch Szenen für den Film „Willkommen bei den Tschis“ gedreht worden sind.
  • Unterdessen vermisst der Freundeskreis Fröndenberg- Bruay La Buissière noch ein klares Bekenntnis sowie Pläne der Fröndenberger Bürgermeisterkandidaten zur Städtepartnerschaft.

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