„Lisa, bleib zu Hause!“: Fröndenbergerin zwischen Corona und Black lives matter in Atlanta

dzRassismus-Debatte

Nach dem Coronavirus kam die Rassismus-Debatte. In ihrem Wohnort Atlanta kam nach Polizeigewalt ein weiterer Afroamerikaner zu Tode. Die Fröndenbergerin Lisa Wittmann erlebt in den USA eine Achterbahn der Gefühle.

Fröndenberg

, 17.06.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Massenproteste und Plünderungen erlebt sie hautnah mit in einem Land, das nicht zur Ruhe kommt: Lisa Wittmann, Tochter der langjährigen Fröndenberger Kulturamtschefin Mechthild Wittmann.

Zu dem, was sie seit Monaten in ihrem Wohn- und Arbeitsort Atlanta erlebt, sagt die 27-Jährige schlicht: „Das ist nicht gut!“. Der Bundesstaat Georgia hatte bereits zum 1. Mai weitgehende Corona-Lockerungen verfügt: Es ist nahezu völlige Normalität eingekehrt. Mundschutz muss in Geschäften nicht getragen werden, nur Aufkleber vor Supermarktkassen erinnern an Abstandsgebote.

»Ich treffe mich nur mit einer Handvoll Leuten.«
Lisa Wittmann

Lisa Wittmann, die seit Wochen im Homeoffice arbeiten muss, ist trotz zurückgewonnener Freiheiten skeptisch. „Ich treffe mich nur mit einer Handvoll Leuten“, erzählt sie im Video-Chat.

Wittmann, die für ihren Arbeitgeber, das Software-Unternehmen Relex Solutions, ein Projekt in den USA betreut, hatte sich den Aufenthalt in den Staaten natürlich anders vorgestellt.

Ausgangssperre nach Tod von Georg Floyd

Nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd in New York sind ihre bedrückenden Erfahrungen nun um trauriges Kapitel reicher geworden.

Auch in Atlanta brachen wie USA-weit direkt nach dem als Akt rassistischer Polizeigewalt gebrandmarkten Vorfall Proteste aus. Die Stadt verhängte umgehend eine Ausgangssperre für die Abend- und Nachtstunden, die erst nach mehr als einer Woche aufgehoben wurde.

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Lisa Wittmann lebt seit Januar 2020 aus beruflichen Gründen in Atlanta. Seit Monaten ist sie zu Home Office verdonnert und kommuniziert ausschließlich über das Internet mit ihren Kollegen. Lisa Wittmann ist die Tochter der langjährigen Fröndenberger Kulturamtsleiterin Mechthild Wittmann.

Lisa Wittmann lebt seit Januar 2020 aus beruflichen Gründen in Atlanta. Seit Monaten ist sie zu Home Office verdonnert und kommuniziert ausschließlich über das Internet mit ihren Kollegen. Lisa Wittmann ist die Tochter der langjährigen Fröndenberger Kulturamtsleiterin Mechthild Wittmann. © privat

Die Proteste mündeten auch in Atlanta dennoch vielfach in Plünderungen, eingeschlagenen Scheiben und brennenden Geschäften in Down Town. Als dann am vergangenen Samstag der Farbige Rayshard Brooks von Polizisten erschossen worden war, „ist es hier eskaliert“, beschreibt Lisa Wittmann die dramatische Entwicklung.

In Atlanta sind mehr als 50 Prozent der Einwohner Farbige, die Hauptstadt von Georgia hat eine dunkelhäutige Bürgermeisterin und ist die Geburtsstadt von Martin Luther King. „Man ist hier stolz auf die Historie“, weiß Lisa Wittmann.

Kein Corona, keine Rassismus-Proteste: Lisa Wittmann in einem Nationalpark in der Nähe von Atlanta.

Kein Corona, keine Rassismus-Proteste: Lisa Wittmann in einem Nationalpark in der Nähe von Atlanta. © privat

Atlantas Bürgermeisterin warnt vor Straßengewalt

Weil es neben friedlichen Demonstrationen nun immer wieder auch zu Gewaltausbrüchen kommt, warnte Bürgermeisterin Keisha Lance Bottoms, dass schwarze 18-jährige Jungen auf den Straßen von Atlanta derzeit nicht sicher seien.

Schockte Lisa Wittmann bereits diese Warnung von Bottoms, die selbst Mutter von vier Kindern ist, betrübte sie eine persönliche Warnung noch viel mehr: „Lisa, bleib zu Hause“, riet ihr ein Arbeitskollege.

Das Bild trügt: In Atlanta wie im gesamten US-Bundesstatt Georgia sind die Corona-Lockerungen seit dem 1. Mai schon sehr weitgehend - Lisa Wittmann ist skeptisch. Im Nachbarstaat North Carolina, den sie besuchte, sind die Vorschriften weiterhin viel strenger.

Das Bild trügt: In Atlanta wie im gesamten US-Bundesstatt Georgia sind die Corona-Lockerungen seit dem 1. Mai schon sehr weitgehend - Lisa Wittmann ist skeptisch. Im Nachbarstaat North Carolina, den sie besuchte, sind die Vorschriften weiterhin viel strenger. © privat

»Mein Handy war nicht mehr ruhig ...«
Lisa Wittmann

Auch die Familie aus Deutschland erkundigt sich seit Tagen nach ihrem Wohlergehen. „Mein Handy war nicht mehr ruhig ...“. Beruhigen kann sie ihre Lieben daheim: Sie wird auf sich aufpassen, nur aus der Ferne hat sie bei einem Spaziergang einen Demonstrationszug beobachten können.

„Es ist wie eine Achterbahnfahrt“, besinnt sich Lisa Wittmann auf die vergangenen Monate. Sie könnte die USA in diesen unruhigen Zeiten noch nicht einmal für einen Besuch in Deutschland verlassen.

Weihnachten bloß nicht in Quarantäne verbringen

Denn vermutlich bis zum Tag der Präsidentenwahlen am 3. November dürfen Ausländer nicht in die USA einreisen, sie könnte also nicht zurück zu ihrem Projekt, das noch bis Ende des Jahres andauert.

Also hält sie durch, umgeben von Corona-Unsicherheit und Rassismus-Protesten. Weihnachten will Lisa Wittmann aber definitiv mit ihrer Familie in Deutschland feiern - und kein weiteres Wagnis mehr eingehen.

Sie will unbedingt rechtzeitig abreisen. Denn den Heiligen Abend womöglich als Rückkehrerin aus den USA in Quarantäne verbringen zu müssen, wäre dann doch der Gipfel ihrer Achterbahnfahrt.

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