Kolonialismus-Debatte: Weltmachtstreben auf einem Fröndenberger Straßenschild

dzAlfred von Tirpitz

Deutschland diskutiert über Rassismus: Denkmäler und Straßennamen, die zweifelhaft erscheinen, geraten zunehmend unter Beschuss. Auch ohne öffentliche Debatte kann sich Fröndenberg von dem Problem nicht freimachen.

Fröndenberg

, 27.07.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Kürzlich ist die Statue von Kaiser Wilhelm II. auf der Kölner Hohenzollernbrücke farbig schillernd besprüht worden: Protest gegen die Würdigung von Personen, die für Kolonialismus, Rassismus und Militarismus stehen.

Von Tirpitz ist nur einer von mehreren in dieser Hinsicht problematischen Namen, die im Straßenbild Fröndenbergs zu sehen sind.

»Zu Ehren kam auch der Tradition der Fröndenberger Schiffs- und Ankerketten-
produktion folgend der Initiator der kaiserlichen Schlachtflotte, Alfred von Tirpitz.«
Stadtarchivar Jochen von Nathusius

Die Debatte schwappte nach der zum Teil tödlichen Polizeigewalt gegen Schwarze nach Europa und Deutschland: In vielen Städten wird seitdem – nicht zum ersten Mal, aber diesmal vehementer als zuvor – unser Geschichtsbewusstsein hinterfragt:

Darf eine Apotheke Mohren-Apotheke heißen wie in Dortmund-Körne? Wie steht es um Bismarck-Denkmäler? Bekanntlich geht die koloniale Aufteilung des afrikanischen Kontinents maßgeblich auf den Eisernen Kanzler zurück – der wegen sozialpolitischer Leistungen aber bis heute auch verehrt wird.

Heikles Thema auf Schildern von Straßennamen

In Fröndenberg taucht das heikle Thema vor allem auf den Schildern von Straßennamen auf: Mit ideologischer Absicht gab es Umbenennungen vor allem in der Nazi-Zeit, die noch heute gelten. Aber auch vorher schon und sogar in bundesrepublikanischer Zeit hat es Straßenbenennungen gegeben, die spätestens im Sommer 2020 als fragwürdig gelten müssen.

Der Großadmiral Alfred von Tirpitz wurde am 19. März 1849 in Küstrin geboren und ist am 6. März 1930 in Ebenhausen gestorben (undatierte Aufnahme). Viele Historiker und manche Zeitgenossen haben in von Tirpitz den maßgeblichen Urheber des Ersten Weltkriegs gesehen.

Der Großadmiral Alfred von Tirpitz wurde am 19. März 1849 in Küstrin geboren und ist am 6. März 1930 in Ebenhausen gestorben (undatierte Aufnahme). Viele Historiker und manche Zeitgenossen haben in von Tirpitz den maßgeblichen Urheber des Ersten Weltkriegs gesehen. © picture-alliance / dpa

Stadtarchivar Jochen von Nathusius hat über die Geschichte der Fröndenberger Straßennamen geforscht. Tatsächlich ist ein großes Kapitel schon am 27. Juni 1933 geschrieben worden, also nur wenige Monate, nachdem die Nazis auch in Fröndenbergs Gemeinderat und Rathaus die Macht an sich gerissen hatten.

Nicht weniger als 17 Straßen vor allem im Zentrum und im Baugebiet Fröndenberg-Ost/Westick benannten die braunen Machthaber in der kleinen Kommune kurzerhand um oder neu; die meisten Straßen haben bis heute ihren, zumeist unverfänglichen, Namen behalten.

Aus Adolf-Hitler-Platz wurde wieder der Marktplatz

Es verwundert nicht, dass der Gemeinderat nach Kriegsende am 31. Juli 1945 unhaltbare Bezeichnungen rückgängig machte: Aus dem Adolf-Hilter-Platz wurde wieder der Marktplatz, aus der Hermann-Göring-Straße die Alleestraße sowie aus Schlageterstraße bzw. Horst-Wessel-Straße nun Marienstraße bzw. Lutherstraße.

Raketeningenieur Wernher Freiherr von Braun ist seit Ende der 1970er-Jahre Namensgeber einer Straße im Gewerbegebiet Westick. Seine Rolle als Entwickler der V-Waffen unter dem NS-Regime und der Einsatz von Zwangsarbeitern hierfür wird heute kritisch gesehen. Das Foto zeigt von Braun 1944 mit Offizieren der Wehrmacht in Peenemünde.

Raketeningenieur Wernher Freiherr von Braun ist seit Ende der 1970er-Jahre Namensgeber einer Straße im Gewerbegebiet Westick. Seine Rolle als Entwickler der V-Waffen unter dem NS-Regime und der Einsatz von Zwangsarbeitern hierfür wird heute kritisch gesehen. Das Foto zeigt von Braun 1944 mit Offizieren der Wehrmacht in Peenemünde. © picture alliance / dpa

Zur Sache

Tragische Danksagung für Straßenbenennung

  • Stadtarchivar Jochen von Nathusius schildert in seiner Diplomarbeit über Fröndenberger Straßennamen auch eine tragische Anekdote:
  • Das Protokollbuch der Fröndenberger Gemeindeverwaltung hält unter dem 25. August 1933 eine Danksagung des damaligen deutschen Botschafters in Rom, Ulrich von Hassell, fest. Er bedankte sich dafür, dass in Fröndenberg eine Straße nach seinem Schwiegervater Alfred von Tirpitz benannt worden war.
  • Von Hassell trat später in Opposition zum Nazi-Regime, war Mitwisser des Hitler-Attentats vom 20. Juli 1944 und wurde am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee mit einer Drahtschlinge erhängt.

Keinen Anstoß nahmen die Nachkriegspolitiker dagegen, bis heute, an der Von-Tirpitz-Straße, die die Nazis 1933 aus der Parkstraße machten. Die Wahl des Namens erscheint rückblickend noch nicht einmal besonders willkürlich.

„Zu Ehren kam auch der Tradition der Fröndenberger Schiffs- und Ankerkettenproduktion folgend der Initiator der kaiserlichen Schlachtflotte, Alfred von Tirpitz“, schreibt Jochen von Nathusius in seiner 2005 veröffentlichten Diplomarbeit.

Alfred von Tirpitz – des Kaisers Flottenbauer

Alfred von Tirpitz, der als des Kaisers Flottenbauer gilt, drängte als Staatssekretär im Ersten Weltkrieg auf Annexionen, um Deutschland als Weltmacht zu etablieren. Noch im Oktober 1918 befahl er einen Angriff auf die Flotte Großbritanniens, was letztlich zum Kieler Matrosenaufstand und zur Revolution führte. In der Weimarer Republik gründete er die Vaterlandspartei, die stark nationalistisch eingestellt war; sie strebte nach einer Militärdiktatur und lehnte den Parlamentarismus ab.

Eine Straße in der zentralen Innenstadt ist noch heute nach diesem Militär und Rechtspolitiker benannt. Der Name von Tirpitz darf durchaus in einer Reihe mit denen jener Kolonialisten gesehen werden, die heute vom Sockel gestoßen werden.

Wie differenziert das Thema Straßennamen allerdings zu sehen ist, zeigt die Tatsache, dass es ebenfalls die Nazis waren, die auch die einstige Antoniusstraße, den Westickerfeldweg sowie die Münzenfundstraße umbenannten: nach Goethe, Schiller und Lessing.

Info

Problematische Straßennamen

  • Die Hengstenbergstraße ist 1926 nach dem bekannten Theologen Ernst Wilhelm Hengstenberg benannt, der in Fröndenberg geboren wurde.
  • In Hengstenbergs Werken findet sich laut Jochen von Nathusius als Kernthema unter anderem ein militanter Antijudaismus im Sinne des Spätwerks von Martin Luther.
  • Dem Heidedichter Hermann Löns, nach dem seit 1933 ein Teil der vormaligen Münzenfundstraße benannt worden ist, werden heute seine mitunter rassistisch-völkischen Äußerungen vorgeworfen.
  • Die Ostmarkstraße erhielt ihren Namen 1938 nach dem sogenannten Anschluss Österreichs (Ostmark) an das Deutsche Reich.
  • Nach Wernher von Braun, Raketeningenieur im NS-Regime, ist Ende der 1970er-Jahre eine Straße im Gewerbegebiet Westick benannt worden.
  • Der Name Hindenburg-Hain steht nach einem entsprechenden Antrag der Jusos bereits auf der Tagesordnung der politischen Gremien.

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