Terrorisiert werde Fröndenberg von einem Asylbewerber – das titelte eine Boulevardzeitung. Seine Betreuerin kennt die Hoffnungen und den tiefen Fall des 28-Jährigen in Deutschland.

Fröndenberg

, 17.08.2018 / Lesedauer: 4 min

„Adi ist ein Paradebeispiel dafür, wie man einen Flüchtling zermürben kann“, sagt Uta Ziegenbein-Ebbecke. Die Fröndenbergerin hat monatelang jenen Mann betreut, der zurzeit als Serientäter abgestempelt wird. Nach verschiedenen Straftaten, zuletzt dem Einbruch in einen Computerladen an der Alleestraße, sitzt der 28-Jährige seit vergangenem Sonntag in Untersuchungshaft. Zuvor hatte er in aller Öffentlichkeit ein Dienstfahrzeug der Stadt Fröndenberg mit einem Stein stark beschädigt, in einem Autohaus in Unna mit einem Pfosten Mitarbeiter bedroht und eine Scheibe zerschlagen.

„Asylbewerber terrorisiert Kleinstadt“, schrieb eine Boulevardzeitung, die AFD-Fraktionsvorsitzende twitterte ein Video von den Steinewürfen des dunkelhäutigen Mannes auf das Auto mit einer rhetorischen Frage an den NRW-Ministerpräsidenten: „Wie lange wollen Sie noch warten, Herr Laschet?“

Diese Reaktionen verwundern Uta Ziegenbein, die von Anbeginn beim Patenschaftskreis Fröndenberg mithilft, Flüchtlingen durch den Alltag in Deutschland zu helfen, nicht. Erwartbar. Die Diplom-Pädagogin kritisiert aber, dass aus einem jungen Mann, der gesund und mit Hoffnungen auf Arbeit nach Deutschland kam, bis heute ein psychisch kranker Mensch geworden sei. Ihre Kritik gilt dabei dem System, in dem sich der Mann aus der Elfenbeinküste ihrer Ansicht nach nicht zurechtfinden konnte.

Die Straftaten will die Betreuerin nicht schön reden – war er aber schuldfähig?

„Ich will nichts schön reden“, sagt Uta Ziegenbein. Adi (Name von der Redaktion geändert) habe Straftaten begangen, teils aus Unwissenheit – wie die Nutzung des ÖPNV ohne Fahrschein –, teils nachdem man schon eine psychische Erkrankung bei ihm diagnostiziert hatte.

Im Herbst 2015 sei Adi in Deutschland angekommen. Mit Schleppern von Libyen aus zunächst nach Italien. Die hätten ihm auch seine Papiere abgenommen und geraten, sich als jünger auszugeben – das helfe in Europa. Davor lagen schon zwei Jahre Flucht durch Afrika. Bei einem Aufenthalt im Nachbarland Guinea, so hat er es erzählt, wurde er angeschossen und landete im Gefängnis, seine Brüder wurden erschossen. Auslöser soll ein Konflikt seines Vaters mit der Regierung von Guinea gewesen sein.

Rassismus: Betreuerin hält Reaktionen auf Krawallmacher für fatal

Ein junger Mann demolierte ein Dienstfahrzeug der Stadt Fröndenberg auf dem Parkplatz des Rathauses. © Land

Nach erfolgreicher Flucht aus dem Gefängnis ließ sein von Ebola geplagtes Heimatland Elfenbeinküste Adi nicht mehr einreisen. „Der wollte überhaupt nicht nach Europa“, zeigt sich Uta Ziegenbein überzeugt. Plötzlich schien Deutschland ein Ziel mit Perspektive zu sein, schließlich habe zumindest damals noch die Bundesregierung ja auch die Grenzen nicht verschlossen. „So ist er mit der Flüchtlingswelle mitgeschwappt.“

Im Sommer 2016 lernt Uta Ziegenbein den Ivorer in Fröndenberg kennen. Der damalige Asylbewerber sei aufgeschlossen und wissbegierig gewesen. Mit ihrem Partner, der KFZ-Meister ist, habe er sich über Technik ausgetauscht. „Mit Händen und Füßen“. In der Werkstatt Unna kann er sogar einen Hauptschulabschluss ablegen. „Das war ein junger Mann, der die Hoffnung hatte, hier einen Job zu bekommen.“ Uta Ziegenbein vermittelt ihm Praktika, bis nach Bergkamen fährt der 28-Jährige dafür. Die Integrationsbemühungen scheinen gut voranzugehen, gemeinsam besucht man kulturelle Veranstaltungen, zum Beispiel den Mendener Sommer. Weil Adi nur eine Aufenthaltsgestattung hat, wird er aber mit einem Arbeitsverbot belegt. „Der ist totgeschüttet worden mit Bescheiden, die er nicht versteht“, ärgert sich Uta Ziegenbein. Das BAMF hatte Adis Asylantrag Anfang 2017 mittlerweile abgelehnt. Der Widerspruch lag bis zum Herbst 2017 bei den Behörden – „noch nicht entscheidungsreif.“ Inzwischen hatte sich Adis Verhalten stark verändert, schildert Uta Ziegenbein. „Er fing an, mit den Wänden zu reden.“

Ein Arzt aus Fröndenberg attestiert eine Depression bei dem 28-Jährigen – die Psychiatrie setzt ihn auf die Warteliste

Eine Depression attestiert ein Arzt aus Fröndenberg. In der LWL-Klinik in Dortmund-Aplerbeck setzt man Adi auf die Warteliste, nachdem er sich dort freiwillig zur Therapie anmelden will. Möglicherweise seien seine Konflikte mit dem Gesetz auch durch die Psychose, wie Uta Ziegenbein glaubt, erklärbar. Es sei wohl das fremde gesellschaftliche System, der Kulturbruch gewesen, der auf Adi negativ eingewirkt hat.

Scheuklappen der Ämter in Deutschland kritisiert die Flüchtlingsbetreuerin

Wobei Uta Ziegenbein konkret parallel laufende Systeme von Ausländerbehörden, Sozialämtern, Polizei und Justiz mitverantwortlich macht. „Alle haben Scheuklappen auf“, beklagt die 64-Jährige. Viele – letztlich absurde – Entscheidungen hätten Adi weiter in den Abgrund gezogen. So erhielt Adi wegen seiner Schwarzfahrten eine Geldstrafe, die er von 374 Euro, die er im Monat erhält, kaum bezahlen kann. „Hätte er vier Wochen Arrest bekommen, wäre das besser gewesen“, sagt Ziegenbein.

Dabei laufe in Fröndenberg die Flüchtlingsarbeit wirklich gut. Straffällig gewordene Asylbewerber seien immer schon schnell als Kriminelle abgestempelt worden, „weil nicht differenziert wird.“ Der Fall von Adi habe aber eine besondere Dimension. Ein Video, das im Internet kursiert und tausendfach angesehen wurde, zeigt nicht nur den Steinwurf von Adi, sondern am Ende auch eine zweite Person, die ihn zurückhält. Ein ebenfalls dunkelhäutiger Mann, der ihn kennt und besänftigen kann.

Der junge Mann fürchte seitdem um seine Anstellung in einem Betrieb, werde nun offen auf der Straße in Fröndenberg beschimpft. „Das war ein Fehlverhalten von Adi, dass ich nicht entschuldige“, betont Uta Ziegenbein, „aber wenn darauf der Rassismus wächst, ist das fatal.“

Für Uta Ziegenbein ist die Betreuung von Adi seit der U-Haft vorerst beendet. Sie weiß nicht, in welcher Haftanstalt er sich aufhält. Sie weiß von ihm aber, dass er in seine Heimat Elfenbeinküste zurückwill, „weil er gecheckt hat, dass er in Deutschland keine Perspektive hat.“

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