Kerns Bücherparadies schließt: „Wer Lust und Liebe hat, kann eine Buchhandlung führen“

dzGeschäftsaufgabe

Im Bücherparadies läuft der Räumungsverkauf, Brigitte und Bernd Kern gehen in den Ruhestand – ohne Nachfolge. Doch das Ehepaar ist überzeugt: Eine Buchhandlung in Fröndenberg hätte Zukunft.

Fröndenberg

, 02.01.2020, 04:55 Uhr / Lesedauer: 2 min

Sie waren in die Verlängerung gegangen, doch in wenigen Tagen ist ihr Bücherparadies endgültig Vergangenheit: Brigitte und Bernd Kern gehen in den Ruhestand. Die Buchhandlung wird nicht weitergeführt. Dabei ist das Ehepaar überzeugt: „Die würde sich in Fröndenberg rechnen.“

»Wir wissen ja, was wir an Umsätzen gemacht haben.«
Bernd Kern

Ein Räumungsverkauf ist im Buchhandel eine formelle Angelegenheit. Kerns mussten die Geschäftsaufgabe im Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel ankündigen. Damit durfte die Preisbindung für die Bücher entfallen.

Die Regale im Bücherparadies sind noch gut gefüllt. Einen Bestand, der mehrere zehntausend Euro wert ist, hatten Kerns stets in ihrem Ladengeschäft am Markt. Dicke Rabatte erhalten Kunden nun auf neue Literatur, das gibt‘s nicht oft.

Wie die Fledderer machen sich die Fröndenberger aber nicht über das letzte Buchgeschäft der Stadt her. Am Freitagmorgen schauten nur wenige Kunden vorbei.

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Kerns Bücherparadies schließt: „Wer Lust und Liebe hat, kann eine Buchhandlung führen“

Bettina Sattelberger organisiert die Blumenkunsttage zusammen mit Brigitte Kern. Von diesem Engagement will sich die scheidende Buchhändlerin künftig sehr stark, aber nicht völlig zurückziehen. © Hornung

Zur Sache

Kombination von Buchhandlung und Stadtbücherei seit 2003

  • Brigitte und Bernd Kern traten mit ihrem Bücherparadies 2001 praktisch die Nachfolge der Buchhandlung Hornung – damals im heutigen Ladenlokal von Rossmann – an, die sich aus Fröndenberg zurückgezogen hatte.
  • Von der Alleestraße erfolgte zwei Jahre später der Umzug in das Ladenlokal am Marktplatz, wo bis dahin ein griechisches Restaurant residierte. Das Haus hatten Kerns zuvor gekauft und umgebaut.
  • Der damalige Bürgermeister Egon Krause hatte die Idee, die Fröndenberger Stadtbücherei in die Buchhandlung zu integrieren.
  • „Eine Rundumversorgung für 70.000 Euro“, sagt dazu Bernd Kern. Die Stadt habe sich praktisch um nichts mehr kümmern müssen.
  • Mechthild Kühlmann, die als Angestellte im Bücherparadies vollzeitbeschäftigt war, wechselt zum 1. Februar 2020 zu einer Buchhandlung in Lünen.
  • Daneben arbeiteten Bettina Törnig und Monika Römer auf 400-Euro-Basis in der Buchhandlung. Manuela Schwittay führte die Stadtbücherei.

Ruhig war es auch schon an den Tagen zuvor. „Das Weihnachtsgeschäft war sehr schlecht“, verrät Bernd Kern. Der Buchhandel stöhne dieses Jahr aber landauf landab über niedrige Umsätze zu den Feiertagen.

Ein typisches Bild 2019 sei das aber nicht für die inhabergeführte Buchhandlung am Ort. Wenn auch die großen zugkräftigen Namen wie Harry Potter den Buchhändlern in diesem Jahr gefehlt haben. Die Bestseller locken halt erst einmal ins Geschäft. Auch die Hochkonjunktur der erotischen Roman-Trilogie „Shades of Grey“ ist abgeebbt, „als selbst die sittsame Hausfrau erfahren wollte, dass das Leben auch andere Seiten hat“, wie Bernd Kern süffisant bemerkt.

Der männliche Buchleser ab 17 ist fast verloren

Nein, es sei eben gerade nicht nur der Internetriese Amazon, der dem örtlichen Buchhandel immer mal wieder zusetzt. Hinzu komme, dass der männliche Buchleser ab 17, 18 Jahren heute fast schon „verloren“ sei.

Was Brigitte Kern grundsätzlich nicht versteht: Während sich E-Book-Leser mit dem Kauf eines Readers von Amazon bereitwillig an den Online-Buchhändler binden, gebe es eine solche Verbundenheit zum stationären Handel nicht.

Bequemlichkeit ist es also doch ein Stück weit, die Geschäften in der Innenstadt zu schaffen macht.

Dennoch sehen die Kerns, die am 1. April 2001 das Bücherparadies damals noch an der Alleestraße eröffneten, in Fröndenberg einen guten Ort für Bücher. „Wir wissen ja, was wir an Umsätzen gemacht haben“, räumt Bernd Kern ganz offen ein.

Reklame machen für das bald leer stehende Ladenlokal, das den Kerns auch gehört, muss und will er mit solchen Aussagen gar nicht – schließlich soll dort das Rennradmuseum künftig sein Domizil finden.

Info

Preisbindung und Händlerrabatte

  • Die Preisbindung im Buchhandel gilt für neue, nicht für gebrauchte Bücher. Werden Bücher aus Ländern importiert, in denen es keine Buchpreisbindung gibt, zum Beispiel Großbritannien, gilt sie nicht. Hier lohnt sich manchmal eine Nachfrage beim Kauf in der Buchhandlung.
  • An dem Festpreis des Buches müssen neben den Autoren und den Verlagen auch die Buchhändler mit einem Anteil beteiligt werden. Rund 35 bis 40 Prozent, so Bernd Kern, beträgt dieser sogenannte Händlerrabatt bei einer Größe der Buchhandlung wie in Fröndenberg.
  • Die Margen bei den großen Ketten wie Thalia und Mayersche Buchhandlung, die auch wesentlich größere Mengen abnehmen, liegen höher.
  • Bei Auflösungen von Buchhandlungen werden Restbestände im Übrigen häufig von darauf spezialisierten Internet-Buchhändlern aufgekauft.

Das rund 250 Quadratmeter große Geschäft hätte er für Buchhandel ohnehin nicht empfohlen: Für eine Kleinstadt wie Fröndenberg sei es viel zu groß. Zur Hälfte als Stadtbücherei betrieben, wie bis zuletzt, habe das aber funktioniert.

70 Quadratmeter reichen für eine funktionierende Buchhandlung

Wer in Fröndenberg ein Ladenlokal mit 70 oder 75 Quadratmetern finde, könne dagegen ein auskömmliches Geschäft mit Büchern betreiben. Ausgebildeter Buchhändler muss man übrigens dafür nicht sein. Das sind auch Kerns nicht. Bernd Kern: „Wer Lust und Liebe hat, kann eine Buchhandlung führen.“

Man spürt, dass sich der Verlagskaufmann eine Zukunft für den Buchhandel in der Ruhrstadt wünscht. Und auch Brigitte Kern geht in Büchern auf. Sie wird im Ruhestand in Norden, wo Kerns ein Haus haben, viel Zeit mit lesen verbringen. „Eine Kiste voll Bücher“, sagt sie, hat sie immer schon mit in den Urlaub geschleppt.

Bis zum 10. Januar, so hofft sie, finden noch einige ihrer Bücher Leser. Übrig bleibende Kinder- und Jugendbücher will sie Kitas und Grundschulen spenden.

Sollte auch Erwachsenenliteratur im Regal stehen bleiben, ist sie auch nicht böse. „Ich habe noch nicht alles gelesen“, bemerkt die Buchhändlerin schelmisch.

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