Seit 1994 soll am Weltalzheimertag die Situation der Kranken und ihrer Angehörigen in die Öffentlichkeit gerückt werden. Eine betroffene Fröndenbergerin berichtet von ihrem Umgang mit Demenz in der Familie.

Fröndenberg

, 21.09.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Tschüss, ich bin dann jetzt mal beim Zahnarzt“, sagt Frau B. zu ihrem Mann. „Hast du Zahnschmerzen?“, fragt ihr Gegenüber der Situation durchaus angemessen. Als Frau B. schließlich in der Tür steht, hat Herr B. bereits vergessen, wohin sich seine Frau auf den Weg machen wollte.

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Der Zahnarzt, genauso wie das Auto, das komischerweise ständig in der Werkstatt ist, gehören zu den kleinen Notlügen von vielen, die Angehörige im Umgang mit demenziell erkrankten Familienmitgliedern immer wieder erfinden müssen, um im Alltag einigermaßen klarzukommen. Denn Unterhaltungen oder gar Diskussionen auf rationaler Ebene sind nicht mehr möglich.

Zur Walbeobachtung an den See, den es gar nicht gibt

Eigentlich hat Frau B. an diesem Tag das Haus verlassen, um sich mit Norbert Zimmering, einem engen Vertrauten, zu treffen. Und mit unserer Redaktion, der sie von ihrem Schicksal erzählen möchte. Ihr Name soll nicht veröffentlicht werden. Sie bleibt lieber anonym. Vor allem zum Schutz ihres Mannes, der Persönlichkeitsrechte hat – obwohl er Anzahl und Alter seiner Kinder nicht mehr kennt und regelmäßig zur „Walbeobachtung“ an einen See spaziert, den es gar nicht gibt.

Per Notlüge durch den Alltag: Leben mit demenziell veränderten Menschen

Norbert Zimmering (3.v.r.) hat für seinen Einsatz im Bereich Pflege das Bundesverdienstkreuz erhalten. © Marcel Drawe

„Wenn ich gleich nach Hause komme und er ist nicht mehr da, dann muss ich ihn eben suchen lassen.“
Frau B. über ihren Mann

Herr B. hat Alzheimer und Frau B. hat über die Jahre gelernt, damit zu leben. Früher hätte sie bei einem Termin wie jetzt nervös auf die Uhr geschaut. Heute bleibt sie gelassen: „Wenn ich gleich nach Hause komme und er ist nicht mehr da, dann muss ich ihn eben suchen lassen“, sagt sie trocken. Früher, als alles anfing, hatte sie sich über die Vergesslichkeit ihres Gatten aufgeregt. Heute nimmt sie die zunehmende Veränderung der Persönlichkeit dieser einst so vertrauten Person gelassener.

Gelassenheit ist keine Gleichgültigkeit

Diese Gelassenheit sei allerdings nicht mit Gleichgültigkeit zu verwechseln, erklärt Norbert Zimmerin, der früher Heime leitete, inzwischen Ombudsmann für den Bereich Pflege im Kreis Unna ist. Er ist erfahren im Umgang mit Patienten und Angehörigen, hat in Fröndenberg den Gesprächskreis für pflegende Angehörige geleitet. Frau B. war eine Betroffene in der Runde, die sich regelmäßig traf. Gelassen sein wie Frau B. – das wünscht er allen Angehörigen. Aber auch weniger starke Menschen, die es nicht schaffen, ihre Angehörigen selbst zu versorgen, dürfen nicht verurteilt werden, so Zimmering.

„Nur weil mein Vater mich nicht mehr als seinen Sohn erkennt, bleibt er trotzdem mein Vater“, lautet die Aussage eines Sohnes, die Norbert Zimmering in Erinnerung geblieben ist. Er setzt sich dafür ein, dass die Gesellschaft Demenz nicht totschweigt – und ermutigt betroffene Angehörige wie Frau B. über das Thema zu sprechen.

Erste Anzeichen nicht auf die leichte Schulter nehmen

Die Diagnose Alzheimer stellte ein Neurologe bei ihrem Mann im Jahr 2012 erzählt Frau B. „Er muss aber schon mindestens zwei Jahre vorher erkrankt sein“, erinnert sich die Fröndenbergerin. Damals gab es immer wieder kleine Kabbeleien, weil Herr B. Dinge vergessen hatte. „Meine Frau schimpft nur noch mit mir, ich mache alles falsch“, habe ihr Mann einst gesagt.

Per Notlüge durch den Alltag: Leben mit demenziell veränderten Menschen

Der Umgang mit Demenzkranken ist für Angehörige eine große Herausforderung. © picture alliance/dpa

Solche frühen Anzeichen einer demenziellen Erkrankung sollte man nicht auf die leichte Schuler nehmen – oder aus Scham vor einem Arztbesuch einfach ignorieren. Das kann die pflegende Angehörige anderen Betroffenen nur raten. Denn der Verlauf der Krankheit könne, wie Norbert Zimmering bestätigt, mit Medikamenten verlangsamt werden.

Im Verlauf der Krankheit verändert sich die Persönlichkeit

Diese Medikamente hatten auch bei Herrn B. zunächst gut angeschlagen und die Krankheit stagnierte – bis zu einem Gewissen Punkt. Mit dem Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung verändert sich die Persönlichkeit. Es gibt friedfertige und aggressive Kranke. Mit letzteren kommt es immer wieder zum Streit. Vor allem in Situationen, in denen etwas vergessen wird. Das macht es für die Angehörigen besonders schwer.

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Als der Umgang mit ihrem Mann zunehmend komplizierter wurde, distanzierten sich auch dessen Arbeitskollegen, die sonst häufig zu Besuch kamen. „Ich verstehe die Leute“, sagt Frau B., aber Norbert Zimmering würde sich dennoch wünschen, dass weniger Menschen auf diese Art und Weise reagieren.

Es gibt kein Gesetz, dass das Autofahren verbietet

Zur SacheDemenz – ein Zukunftsthema

  • Die Zahl der Demenzkranken steigt laut Informationen von Norbert Zimmering voraussichtlich von heute 1,55 Millionen auf 2,1 Millionen Betroffene im Jahr 2030.
  • Am Weltalzheimertag, 21. September, wird seit 1994 rund um den Globus die Situation Altheimer-Kranker und ihrer Angehörigen in die Öffentlichkeit gerückt.
  • Der Welt-Alzheimertag (engl. World Alzheimer’s Day) wurde von der Dachorganisation Alzheimer’s Disease International (London) und der WHO gegründet.

Ein schwieriges Thema, bei dem sich Frau B. auch Unterstützung durch den Gesetzgeber wünscht, ist das Autofahren. Nachdem ihr Mann an einer viel befahrenen Kreuzung in den Gegenverkehr abbog, hat sie ihn nicht mehr ans Steuer gelassen. Die Fröndenbergerin entfernte das Auto aus dem Blickfeld ihres Gatten, erfand Schäden und Werkstattbesuche oder setzte sich bei gemeinsamen Ausfahrten selbst ans Steuer. Es gebe kein Gesetz, das Demenzkranken das Autofahren verbiete, bedauert Frau B. – stattdessen heißt es, die Angehörigen seien verantwortlich.

Angebote wie der Gesprächskreis für Angehörige haben Frau B. geholfen, sicherer zu werden im Umgang mit der Situation. Inzwischen informiert sie sich auch gerne im TV. „Früher hätte ich Sendungen über Demenz gar nicht geschaut.“ Außerdem hat die Fröndenbergerin Bekannte, die sie unterstützen. Doch am Ende des Tages, in der Seele, sagt sie, sei man mit der demenziellen Erkrankung eines Familienangehörigen ganz allein.

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