Sie haben alles, was ein großer Baum auch hat: Die Blätter, das Alter, den Stamm und fein verzweigte Äste. Doch sie fristen ihr Dasein im Miniaturformat. Bonsai ist eine Kunst aus dem Fernen Osten, die ein Mann aus dem Fröndenberger Westen vortrefflich beherrscht.

Fröndenberg

, 24.12.2019, 04:55 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Weihnachtsbaum, der in diesen Tagen die Wohnzimmer vieler Menschen schmückt, ist wohl der einzige Baum, den Willi Hellmann aus Ardey nicht in eine Schale pflanzen würde. Obwohl das schon irgendwie ginge. Denn auch was einmal groß war, bekommt der Bonsailiebhaber aus Ardey wieder klein.

Draußen regnet es in Strömen. Drinnen, in der Stube von Willi Hellmann, ist es mollig warm. Es gibt Weihnachtsgebäck. Auf dem Esstisch liegt ein dickes Fotoalbum. Heute sind es keine Familienfotos, die der Fröndenberger seinen Gästen zeigen möchte. Fein säuberlich eingeklebt reiht sich im Album Baum an Baum.

Der älteste Bonsai in Hellmanns Sammlung ist 147 Jahr alt

Ahorn, Ginko, Nadelhölzer. Was alle eint, ist auf den ersten Blick kaum zu erkennen. Es ist ihre beschauliche Größe. Und das, obwohl das älteste Exemplar nach Angaben des Vorbesitzers stolze 147 Jahre alt ist. Als das Gewächs zu ihm kam, war es in schlechtem Zustand, erinnert sich Hellmann. Doch er hat die Zypresse wieder aufgepäppelt. Nun ist sie einer seiner schönsten Bonsais.

O Bonsai Baum: Der Fröndenberger Willi Hellmann liebt Grün in kleinen Schalen

Das Fotoalbum dokumentiert den Zustand der Bäumchen genau. © Udo Hennes

Auch von seinem ersten Bonsai – einer chinesischen Ulme, eigentlich ein guter Anfängerbaum – besitzt Willi Hellmann selbstverständlich ein Foto. Vor rund 25 Jahren bekam er das Bäumchen als Geschenk von seiner Frau. Leider ist die kleine Ulme Ende der 1990er-Jahre eingegangen. „Wir haben immer das gemacht, was auf dem Schildchen stand“, sagt Ehefrau Edith Hellmann.

„Das Bonsai-Virus hat mich infiziert. Ein Baum kam nach dem anderen.“
Willi Hellmann

Dass das nicht ausreicht, sogar vollkommen falsch sein kann, lernte der Bonsai-Liebhaber aus Ardey schnell, als ihn der Ehrgeiz packte, er die fernöstliche Gartenkunst erlernte. „Das Bonsai-Virus hat mich infiziert. Ein Baum kam nach dem anderen.“ Als Hellmann schließlich die Mitglieder des Bonsai Club Hagen kennenlernte, gab es kein Halten mehr. Wie ein stolzer Kaninchenzüchter stellt auch der Bonsai-Gärtner seine schönsten Exemplare aus. Zum Beispiel im Botanischen Garten der Ruhr-Universität in Bochum.

Fehler, die viele Anfänger machen und die Bäume eingehen lassen

Der größte Fehler, den Hobbygärtner machen: Sie stellen ihre Bonsais wie Topfblumen auf die Fensterbank: „Es gibt keine Idoor-Bäume“, sagt Willi Hellmann, in dessen Haus man keinen Bonsai mehr finden wird. Auch Bäumchen, die direkt am Fenster stehen, bekommen hinter modern verglasten Scheiben nicht genug Licht – besser gesagt: die notwendigen Bestandteile des Sonnenlichts fehlen. „Die Scheiben sind bedampft. Da kommt kein UV-Licht mehr durch“, erklärt der Experte.

„Wenn kein Frost ist, muss der Baum nach draußen, in die volle Sonne.“
Willi Hellmann

Auch die Erde, in der es die meisten kleinen Bäumchen zu kaufen gibt, sei nicht optimal, weiß Hellmann. Selbst das Personal im Gartencenter kenne sich mit den Pflanzen oft gar nicht gut aus. „Wenn kein Frost ist, muss der Baum nach draußen, in die volle Sonne.“ In Willi Hellmanns Töpfe und Schalen kommt eine lockere Mischung aus Eifel-Lava und Kokosfasern, er gießt dreimal am Tag. Gar nicht unbedingt wegen der Flüssigkeit, sondern weil das Gießen Luft in den Spezialboden treibt.

Rund 80 Bonsais besitzt Willi Hellmann aus Ardey

80 der hübschen Bäume im Miniaturformat hat Hellmann über die Jahre groß gezogen und klein gehalten. Denn darin besteht die Kunst, die in China entwickelt und in Japan fortgeführt wurde. Dort, wo es regelrechte Bonsai-Meister gibt, die tatsächlich Künstler genannt werden. 3000 bis 100.000 Euro können Bonsais kosten. Willi Hellmann selbst kauft aber nicht so teuer ein. Lieber steckt er viel Zeit und Energie in die Arbeit mit den Pflanzen. Aus fast jedem Baum kann mit viel Geduld ein schön gewachsener, gesunder Bonsai werden.

Wer schon mal einen Baum gepflanzt hat, weiß: Bäume schießen eigentlich in langen Trieben in die Höhe. Sollen sie in einer Schale wachsen, kommt es auf den richtigen Schnitt der Äste und Wurzeln an. Ein 40 Jahre alter Ginko wäre zum Beispiel 10 bis 15 Meter hoch. Die meisten Bonsais in Hellmanns Töpfen und Schalen bringen es nicht einmal auf einen Meter. Dennoch müssen auch Bonsais regelmäßig umgetopft werden. Alle zwei Jahre. „Das ist die größte Arbeit.“

O Bonsai Baum: Der Fröndenberger Willi Hellmann liebt Grün in kleinen Schalen

Um den Überblick zu behalten, führt Willi Hellmann Karteikarten zu allen Bonsais, die er besitzt. © Udo Hennes

Für jeden Baum gibt‘s eine Karteikarte mit allen Infos

Wann ist welcher Baum dran? Das kann sich kein Mensch merken. Deswegen führt der Bonsai-Gärtner neben dem Fotoalbum eine Karteikatensammlung – ähnlich wie in einer alten Bücherei. Wie alt ist der Bonsai, wann kam er zu Hellmann, welche Art, welche Pflege, wann steht das nächste Umtopfen an? Alles wird ganz genau festgehalten.

Damit die Bonsais richtig zur Geltung kommen, ist der Garten in Ardey im japanischen Stil passend angelegt. Ein Teil der Zwergbäumchen steht auf Stelen. Eine Platane dient als Sonnenschirm für die empfindlichsten Winzlinge. Jetzt im Dezember ist der Garten allerdings leer. Alle Bäumchen mussten in den Wintergarten oder ein kleines Gewächshaus umziehen. Hellmann unterscheidet die Frostresistenten, die bei vier Grad im Gewächshaus stehen, und diejenigen, für die er es mit zwölf Grad im Wintergarten etwas kuscheliger macht.

O Bonsai Baum: Der Fröndenberger Willi Hellmann liebt Grün in kleinen Schalen

So richtig zur Geltung kommen die Bonsais im Garten von Willi Hellmann aus Ardey erst im Sommer. © Privat

Heizdraht wärmt den Frostresistenten zusätzlich die Füße. Dass die Erde durchfriert – darauf will es der Ardeyer Bonsai-Meister dann doch nicht ankommen lassen. Denn dann verdurstet der kleine Baum, der anders als seine großen, frei stehenden Artgenossen keine langen Wurzeln hat, mit denen er auch tiefere Schichten mit Wasser erreicht, die in der Schale ebenfalls fehlen.

„Ohne Bonsai würde ich eingehen.“
Willi Hellmann

Seit einiger Zeit ist Willi Hellmann nicht mehr gut zu Fuß. Um die Bonsais in ihr Winterdomizil zu bringen, brauchte er Unterstützung. Und so wurde die Nachbarschaftshilfe Ardey aktiv – half, jedes einzelne Bäumchen an seinen richtigen Platz zu bringen.

Dennoch: Der Fröndenberger verbringt täglich mehrere Stunden zwischen seinen Pflanzen. Und das möchte er so lange machen, wie es nur irgendwie geht. „Ohne Bonsai würde ich eingehen“, sagt er. Wie ein japanischer Zwergbaum drinnen auf der Fensterbank.

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