Ein Einsatzort für Fröndenberger Ehrenamtliche, an dem Menschen ein bisschen Zeit verschenken können, ist das Begegnungscafé des Patenschaftskreises. Pia Krause und Irmtraud Vollmer sind da die guten Seelen.

von Martin Krehl

Fröndenberg

, 23.06.2019 / Lesedauer: 4 min

Grenzenloser kann sich Erstaunen auf keinem Gesicht widerspiegeln: „Wie? Warum ich das mache?“ Pia Krause muss keine Sekunde überlegen. Die 15-jährige Schülerin arbeitet ehrenamtlich seit ihrem 11. Lebensjahr mit Menschen, die in Fröndenberg Schutz gesucht und (hoffentlich) auch gefunden haben: „Ich mache das, weil ich der Gesellschaft etwas geben muss“. Na, logisch...

Andere Teenager verbringen Stunden mit der Handhabung von Geräten aus der elektronischen Unterhaltungsindustrie und kennen sich in Bibis Beauty-Palace besser aus als in den Krisenherden der Welt. Nicht so Pia: „Ich kenne inzwischen Menschen aus dem Iran, Irak, Syrien, Afghanistan, Albanien und seit heute auch aus Myanmar.“

Aus erster Hand erfahren, was gerade in anderen Länder passiert

Wer von ihren Klassenkameraden könnte auf Anhieb sagen, wo auf dem Globus der Finger hinwandern muss, um in Myanmar, dem früheren Burma, zu landen? „Ach, sicher keiner. Und ich kann aus erster Hand erfahren, was da gerade passiert und warum sich Eltern mit zwei kleinen, süßen Kindern auf den Weg bis nach Fröndenberg machen. Ist doch toll!“

Pias Erfahrungen sind sicher toll, die Erfahrungen und Erlebnisse der Menschen, mit denen sie seit Jahren jeden Samstagvormittag im städtischen Alleecafé verbringt, sind alles andere als toll. Krieg, Bombenterror, politische Verfolgung, Waffen überall, Sterben, Leid – „oh nein, ich frage niemanden, warum er hier ist“, sagen Pia Krause und Irmtraud Vollmer übereinstimmend.

Zwei gute Geister beleben das Café der Begegnungen

Irmtraud Vollmer ist der zweite gute Geist im Begegnungscafé des Fröndenberger Patenschaftskreises. Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe hatte den Flüchtlingshelfern die Begegnungsstätte in der Fußgängerzone zur Verfügung gestellt. „Das war dringend, die zu uns geflohenen Menschen brauchten einen Anlaufpunkt, um sich untereinander und ihre Paten in einer guten Atmosphäre zu treffen, einen geschützten, gut erreichbaren Ort“, erzählt Irmtraud Vollmer.

„Was ich hier an Dankbarkeit und an dem Gefühl, gebraucht zu werden, mitnehme, das ist irre.“
Pia Krause, Flüchtlingshelferin

Die gelernte Medienkauffrau und Buchhändlerin arbeitet auch wie Pia Krause seit 2016 Samstag für Samstag ehrenamtlich mit. Sie ist zuständig für die komplette Bewirtung im Café, kauft ein, räumt hin und wieder weg, macht sauber und und und. Bei bis zu 50 Besuchern bis mittags ist das schon eine Herausforderung. „Ich schaffe nur den Raum für die, die den Papierkrieg erledigen, ich bin nämlich nicht der Held der Bürokratie“. Klingt nicht nur tiefgestapelt, ist es auch. Der Patenschaftskreis ist sehr dankbar dafür, dass die komplette Logistik des samstäglichen Cafés verlässlich von Irmtraud Vollmer erledigt wird.

Die knappe Zeit zwischen 10 und 12 Uhr kann somit für die Abarbeitung von Formular-Papierbergen genutzt werden, für Beratung und sehr viel seelsorgerischen Zuspruch. Kaffee ist immer da, Kekse auch und saubere Tassen...

„Ich bin 2016 einfach mal hingegangen und hängengeblieben. Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, und auch das ist geblieben“, sagt Irmtraud Vollmer. Sie hat anfangs auch in den Turnhallen mitgearbeitet und in den Notunterkünften: „Da bekommt doch jeder Mitleid, wenn man das so sieht“.

Ein Magnet für alle, die Hilfe brauchen oder einfach reden möchten

Das Alleecafé samstags ist jetzt ein Magnet für alle, die Hilfe brauchen oder einfach „nur“ reden möchten. „Es könnten viel mehr Fröndenberger kommen und Kontakte zu ihren neuen Nachbarn knüpfen“, findet Irmtraud Vollmer. Niemand muss im Café etwas tun, einfach nur Zeit verschenken, das reiche schon.

Pia Krause spielt unermüdlich mit den Kindern: „Ich hatte keine Vorstellungen, was hier gebraucht wird, jetzt weiß ich es – Zeit opfern.“

Nur ein bisschen Zeit verschenken – Mehr braucht es im Café der Begegnungen nicht

Pia Krause (li.) liegen vor allem die geflüchteten Kinder am Herzen: "Ich kriege hier soviel Dankbarkeit zurück, das entschädigt für alles." © Martin Krehl

Pia tut dies im Spielraum, sie hat eine Engelsgeduld, aber sie kann auch sehr verbindlich und ein bisschen streng werden. Über Tische und Bänke geht bei Pia keiner. Laut kann es schon mal werden, aber Pia behält auch bei zehn quirligen Dötzen gelassen die Übersicht. „Die ersten Memorykarten habe ich mir selbst gebastelt“, erzählt sie. Inzwischen gibt es einiges an Spielzeug, Bastel- und Malsachen.

„Die Kinder müssen sehr selbstständig sein“, hat Pia erfahren. „Die Eltern haben soviel Sorgen.“ Auch Pia würde sich wünschen, es kämen mal noch ein paar junge Leute zum Helfen: „Was ich hier an Dankbarkeit und an dem Gefühl, gebraucht zu werden, mitnehme, das ist irre.“

Wer ist für Sie eine gute Seele?

  • Im Rampenlicht stehen oder besonders gelobt werden, das will sie nicht - aber sie ist in jedem Verein, jedem Klub und jedem Kränzchen unverzichtbar. Die „gute Seele“ vom Ganzen hält sich eher im Hintergrund, steht aber uneigennützig sofort parat, wenn sie gebraucht wird.
  • Der Hellweger Anzeiger möchte in loser Folge an dieser Stelle über die berühmten „guten Seelen“ berichten. Welche Motivation treibt sie an? Warum opfern sie ihre Freizeit, Kraft und Nervenstärke?
  • Sie setzen Maßstäbe für selten gewordene Tugenden wie Solidarität, Nächstenliebe, Mitmenschlichkeit. Sie geben oft genug ein Beispiel dafür, wie erfüllend solch ein Dienst sein kann. Wieviel positive Resonanz bekommen Sie zurück?
  • Wer ist Ihre „gute Seele“? Rufen Sie uns an oder schreiben Sie uns: Tel. (02303) 20 21 31 oder froendenberg@hellweger-anzeiger.de.

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