Opfer und Lebensretter aus der NS-Zeit sollen Namensgeber für neue Fröndenberger Straßen werden. Das wünscht sich die CDU. Heikle Namen aus dem Dritten Reich sollen hinterfragt werden.

Fröndenberg

, 15.10.2018, 17:50 Uhr / Lesedauer: 2 min

Bei der Auswahl künftiger Straßennamen wünschen sich die Christdemokraten, dass historische Persönlichkeiten, „die entweder durch besonderen Widerstand während des Holocausts oder dadurch, dass sie zu Opfern wurden, geehrt werden sollten“, heißt es in einem Antrag der Fraktion an den Ratsvorsitzenden Bürgermeister Friedrich-Wilhelm Rebbe. In Betracht kommen die derzeit geplanten Neubaugebiete, unter anderem in Ostbüren und auf der Hohenheide.

Irena Sendler, Oskar Schindler, Jan Karski und Anne Frank schlägt die CDU als Namenspatrone für neue Straßen vor

Die CDU schlägt auch bereits konkret vier Namen von Personen vor, die in unterschiedlicher Weise für Elend und Leid im Dritten Reich stehen: Irena Sendler, Oskar Schindler, Jan Karski und – unter allen wohl am bekanntesten – Anne Frank. Nach berühmten Widerstandskämpfern, darunter Graf Stauffenberg und die Geschwister Scholl, seien bereits Straßen auf dem Mühlenberg benannt worden. Dieses Erinnern solle nun fortgeführt werden, begründen Bettina Hartwig-Labs und Gerd Greczka.

Dass in der Vergangenheit Versuche erfolglos blieben, umstrittene Namen von Straßenschildern zu tilgen, vor allem Ostmark und Wernher von Braun, führen der Vorsitzende der CDU-Fraktion und seine Stellvertreterin ebenfalls als Beweggrund für ihre Initiative an.

Bettina Hartwig-Labs bedauert, dass es in Fröndenberg immer noch eine Wernher-von-Braun-Straße gibt

„Ich finde es ganz traurig, dass wir noch eine Wernher-von-Braun-Straße haben“, sagte Bettina Hartwig-Labs im Gespräch mit unserer Zeitung. „Mein Traum wäre es, wenn sie stattdessen nach Marie Curie benannt würde.“ Ebenso wie im Fall der Ostmarkstraße habe man vor Jahren wegen des bürokratischen Aufwandes für betroffene Firmen und Anwohner wie zu änderende Grundbücher oder Handelsregister von einer Umbenennung abgesehen. Wernher von Braun hat für NS-Deutschland die V2-Rakete mitentwickelt, wobei auch Zwangsarbeiter eingesetzt wurden; die Ostmarkstraße wurde 1938 nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich nach der von den Nazis sogenannten „Ostmark“ benannt.

Eine Debatte um NS-belastete Straßennamen soll künftig geführt werden

Künftig neue Straßen nach Opfern der NS-Diktatur oder Lebensrettern zu benennen, sei „natürlich kein Ausgleich dafür, aber vielleicht ist es eine Wiedergutmachung“, findet Hartwig-Labs. Sie gebe aber auch zu bedenken, dass ein Oskar Schindler kritisch betrachtet wird, der selbst „Kriegsgewinnler und Bonze“ gewesen sei, aber eben auch Leben gerettet habe.

Bei der Auswahl der vier Persönlichkeiten habe man besonders nach den bislang allgemein unterrepräsentierten Frauen im Widerstand gesucht. Über eine TV-Dokumentation habe sie so erstmals von Irena Sendler, die Säuglinge aus dem jüdischen Ghetto in Warschau rettete, erfahren. Mit der Initiative solle durchaus auch eine Debatte über die belasteten Straßennamen geführt werden, deutet Bettina Hartwig-Labs auf Nachfrage an. Man wolle zwar zunächst die Resonanz auf die Vorschläge für neue Straßennamen abwarten. „Aber das Beste wäre natürlich, wenn man auch darüber reden könnte.“

Eingehend beschäftigt mit den Fröndenberger Straßennamen hat sich Stadtarchivar Jochen von Nathusius in seiner Diplomarbeit. Die Neu- oder Umbenennung von Straßen sei in Fröndenberg in der Vergangenheit häufig kontrovers diskutiert worden. So habe sich seinerzeit die CDU-Fraktion mit ihren Vorschlägen für ein früheres Baugebiet auf der Hohenheide nicht durchsetzen können: Königsberger, Stettiner oder Breslauer Straße seien als deplatziert wahrgenommen worden; man entschied sich für Dachsleite, Hasensprung und andere Tiernamen, um das „Bauen im Grünen“ zu symbolisieren. Weitaus kontroverser war der Vorschlag um 2005/2006, die Ostmarkstraße stattdessen nach der Fröndenberger Diakonissin Martha Hees zu taufen. Die Anwohner wehrten sich wegen des befürchteten Aufwandes. „Die Politik hat damals die Notbremse gezogen“, so von Nathusius. Ebenfalls nicht zum Zug kam die Initiative der Fröndenberger Bürgerliste in den 1970er-Jahren, die 1933 nach dem Großadmiral des Kaiserreichs und späteren deutschnationalen Politiker Alfred von Tirpitz benannte Straße in Äbtissinnenstieg umzufirmieren. Die Tilgung belasteter Namen sehe er mittlerweile kritisch, räumt Jochen von Nathusius ein. Spuren vergangener Epochen würden auf diese Weise komplett ausgelöscht. Daher plädiere er für Erklärtafeln, die auch an Straßenschilder auf dem Mühlenberg angebracht worden sind. Den Vorschlag der CDU-Fraktion, neue Straßen nach Widerstandskämpfern oder NS-Opfern zu benennen, begrüße er hingegen. Es komme sogar eine lokale Persönlichkeit für eine solche Ehrung in Frage: Wilhelm zur Nieden, 1878 als Sohn des Pfarrers Adolf Theodor Karl zur Nieden in Fröndenberg geboren, stand in engem Kontakt mit der Widerstandsgruppe um Carl Friedrich Goerdeler. Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler wurde zur Nieden vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und im April 1945 von einem Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamtes erschossen.
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