Wo Klauenschleifer und Co. in einem evakuierten Ofen „gebacken“ werden, ist gute Technik und Fachwissen gefragt. Beides bietet das familiengeführte Fröndenberger Unternehmen Harnischmacher.

Fröndenberg

, 07.08.2019, 16:44 Uhr / Lesedauer: 3 min

Ein roter Lkw mit schwerer Ladung rollt über den geschotterten Weg aufs Grundstück der Firma Harnischmacher in Westick. Diesmal hängen „kleinere“ Teile am Kran, der den Lastkraftwagen ablädt. Zumindest vergleichsweise. Denn vor ein paar Stunden rückte ein Schwertransport an, um die neue Anlage der Firma Harnischmacher, einen großen Vakuumofen, auszuliefern. Der Nutzraum der neuen Maschine ist zwei Meter lang, 90 Zentimeter hoch und tief, erklärt Vertriebsleiter Olaf Hendriks.

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Neuer Vakuumofen bei Harnischmacher: Unternehmen wächst seit mehr als 30 Jahren

Olaf Hendriks ist Vertriebsleiter der Firma Harnischmacher. In den Firmenhallen kennt er sich aus wie in der eigenen Westentasche – und er ist Experte für alle technischen Abläufe im Unternehmen. © Udo Hennes

Geschäftsführerin Claudia Harnischmacher ist mit dabei, beobachtet die Anlieferung und freut sich, dass der neue Ofen bald in Betrieb gehen kann. Er sei auf dem neusten Stand der Technik – und sehr wichtig für das Unternehmen, das neue Kunden im Inland und europäischen Ausland gewinnen möchte. „Der Weg in die Zukunft“, sind sich Geschäftsführerin und Vertriebsleiter einig.

Seit 1987 lötet Harnischmacher in Westick

1981 gegründet, sitzt das familiengeführte Unternehmen inzwischen seit mehr als 30 Jahren in Fröndenberg. Kerngeschäft des Betriebs, der 120 Mitarbeiter beschäftigt, ist seit Anbeginn das Löten. Selbst Heimwerker, die jetzt an ihr Lötkolbenset im Keller denken, mit dem sie schon das ein oder andere kleine Gerät geflickt haben, können sich wohl kaum vorstellen, was in den Öfen von Harnischmacher passiert.

Neuer Vakuumofen bei Harnischmacher: Unternehmen wächst seit mehr als 30 Jahren

Sergej Busse bestückt einen der Vakuumöfen. Er ist kleiner als der neue Ofen, mit dem das Unternehmen Harnischmacher sowohl sein Angebot als auch seine Kapazitäten erweitern möchte. © Udo Hennes

Das Grundprinzip ist beim Löten immer gleich: Um zwei Teile zu verbinden, wird anders als beim Schweißen, Lot, eine Metalllegierung, aufgebracht. Das Lot schmilzt bei bestimmten hohen Temperaturen, verbindet die Werkstücke, und beim Abkühlen härtet es wieder aus.

So läuft es auch bei Harnischmacher. Doch beim industriellen Löten wird in Masse produziert – dennoch ist höchste Präzision gefordert; eine entsprechende Qualitätsprüfung, etwa der Dichtheit, bietet das Unternehmen auf Wunsch mit an. In den Öfen darf nur das Lot schmelzen. Oxidation auf der Metalloberfläche der Werkstücke ist unerwünscht. Damit im Ofen nichts oxidiert, muss der Sauerstoff draußen bleiben.

Drei verschiedene Verfahren werden zum Löten angewendet

Zum Hart- und Hochtemperaturlöten wenden die Mitarbeiter drei verschiedene Verfahren an:

  • Das Vakuumlöten in großen Vakuumöfen: Dabei wird im Ofen, wie der Name schon sagt, Vakuum erzeugt, sodass es keinen Sauerstoff mehr gibt, der bei der Verbindung von Lot und Bauteilen unerwünschte Nebeneffekte erzeugt. Die Öfen bieten sich besonders für große und komplexe Teile an.

Neuer Vakuumofen bei Harnischmacher: Unternehmen wächst seit mehr als 30 Jahren

Was während des Lötvorgangs im Inneren des Induktionsofens passiert sehen die Mitarbeiter im Vergleich zu anderen Verfahren, die das Unternehmen anbietet, nie. © Udo Hennes

  • Beim Schutzgaslöten im Durchlaufofen wird der Sauerstoff im Ofen durch ein anderes Gas verdrängt. Harnischmacher betreibt mehrere Schutzgasdurchlauföfen, in denen kontinuierlich gelötet wird. Das Unternehmen verbindet im Durchlaufofen zum Beispiel Teile für die Automobilindustrie, für den Maschinenbau oder die Elektronindustrie.

Neuer Vakuumofen bei Harnischmacher: Unternehmen wächst seit mehr als 30 Jahren

Die Flammen vor dem Schutzgas-Ofen entziehen der Luft Sauerstoff, der nicht in den Ofen gelangen soll. © Udo Hennes

  • Das Induktionslöten unter Schutzgas nutzt ebenfalls Gas, unter dem sauber gelötet wird. Die vier Induktionslötanlagen bei Harnischmacher sind selbst entwickelt und gebaut und eigenen sich vor allem für Teile mit speziellen Formen – etwa Rohrleitungen für die Automobilindustrie. Diese können in den einzigartigen Anlagen günstig produziert werden.

Neuer Vakuumofen bei Harnischmacher: Unternehmen wächst seit mehr als 30 Jahren

Im Induktionsofen brennt das Lot unter Schutzgas. © Udo Hennes

1981 startete das Unternehmen mit einem eigenen Vakuumofen

Mit dem Vakuumlöten hat bei Harnischmacher allerdings alles angefangen, erklärt Claudia Harnischmacher. Gerne zeigt sie den ersten kleinen Vakuumofen, den der Familienbetrieb damals – anders als die neuste Errungenschaft – noch selbst gebaut hatte.

Und mit dem neuen Vakuumofen möchte das Unternehmen nun weiter wachsen. Eine dreiviertel Million kostet das neue Gerät. Wie viele Teile gelötet und verkauft werden müssen, bis sich die Investition rechnet, kann Vertriebsleiter Olaf Hendriks nicht sagen. Sicher sei aber, dass die Investition notwendig ist. Mit dem Kauf könne das Unternehmen seine Kapazitäten erweitern, aber auch besonders anspruchsvolle Bauteile verbinden, so neue Kunden ansprechen.

Neuer Vakuumofen bei Harnischmacher: Unternehmen wächst seit mehr als 30 Jahren

Claudia Harnischmacher blickt zurück in die Geschichte des Familienunternehmens. Mit diesem kleinen von oben befüllbaren Vakuumofen, ist Harnischmacher gestartet. © Udo Hennes

„Was in den Vakuumöfen passiert, sehen wir anders als bei den Induktionsanlagen nie“, erklärt Olaf Hendriks. Was darin „gebacken“ wird, kann sich anschließend aber sehen lassen: Massenspektrometergehäuse, konturgeführte Temperiersysteme, Planspiegel für Laseroptiken, Sonderwerkzeuge und Klauenfrässchreiben für Kühe werden erst im evakuierten Ofen, also im Vakuum, zusammengefügt.

120 Mitarbeiter tragen Tag für Tag zum Erfolg des Unternehmens bei

Der Erfolg des familiengeführten Unternehmens wird maßgeblich von den 120 Mitarbeitern beeinflusst, die tagtäglich in unterschiedlichen Bereichen ihr Bestes geben. Er steht und fällt aber auch mit der Leistungsfähigkeit der eingesetzten Anlagen und Maschinen.

Bei einem Rundgang durch die Produktionshallen wird offensichtlich, dass der Mensch für etliche Arbeitsschritte unentbehrlich bleibt. Da ist zum einen das Aufbringen des Lots, das Einzelteile auf unterschiedliche Weise verbinden kann. Mal wird es flüssig aufgespritzt, mal besteht das Lot aus kleinen Ringen, mal ist es dünn wie Papier. Für alle Werkstücke gibt es eine passende Methode, sie zusammenzuführen. Aber auch Feinschliff und Qualitätskontrolle sowie die Bedienung der Maschinen liegen in Menschenhand.

Neuer Vakuumofen bei Harnischmacher: Unternehmen wächst seit mehr als 30 Jahren

Während es für das Löten große Maschine gibt, sind andere Arbeitsschritte bei Harnischmacher noch Handarbeit. © Udo Hennes

Geeignete Fachkräfte zu finden, ist für die Firma – wie für viele Unternehmen in handwerklichen Bereichen – nicht immer leicht. Eine Hürde stellt der Spezialisierungsbereich dar: „Wir sind kein klassisches Ausbildungsunternehmen“, erklärt Claudia Harnischmacher.

Schweißer werden ausgebildet. Das Löten lernen die neuen Mitarbeiter erst im Betrieb. Eineinhalb bis zwei Jahre kann es dauern, bis sie eingearbeitet sind. „Man muss Feuer fangen für diese Technologie“, sagt die Geschäftsführerin.

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